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Tarifverhandlungen

Der Anteil der tarifvertraglich gedeckten Arbeitnehmer in der EU und Norwegen variiert zwischen weit über 90 % und 10 %. An der Spitze stehen Länder, die entweder einen hohen Anteil gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer verzeichnen wie die nordischen Länder, oder solche, in denen gesetzliche Vorschriften für einen breiten Geltungsbereich der Tarifverträge sorgen. Am unteren Ende sind die Länder zu finden, in denen Verhandlungen auf Unternehmensebene dominieren. In einigen Ländern, etwa Belgien, Italien und Schweden, sind die verschiedenen Verhandlungsebenen miteinander verbunden, im Gegensatz zu Ländern wie Luxemburg oder Zypern, wo verschiedene Ebenen einfach nebeneinander bestehen. Insgesamt gesehen zeichnet sich ein Trend zur Dezentralisierung der Tarifverhandlungen ab, der durch die Krise weiter beschleunigt wurde.

Tarifvertragliche Deckungsrate

Ein Indikator für die Bedeutung von Tarifverhandlungen ist der Anteil der Beschäftigten, die in den Geltungsbereich von Tarifverträgen fallen, an der Gesamtzahl der Beschäftigten – die so genannte „tarifvertragliche Deckungsrate”. EU-weit sind sechs von zehn Arbeitnehmern (60 %) tarifvertraglich abgesichert, dieser Anteil ist jedoch von Land zu Land sehr unterschiedlich. Bemerkenswert ist, dass in einigen Ländern die tarifvertragliche Deckungsrate (mit rund 80 % oder mehr) weit über dem gewerkschaftlichen Organisationsgrad liegt. Meist ist dies auf den spezifischen Rechtsrahmen für Tarifverhandlungen in diesen Ländern zurückzuführen.

Allgemein ist jedoch zu bedenken, dass die Angaben über die tarifvertragliche Deckungsrate in vielen Ländern unsicher sind, aber auch, dass Tarifverträge in manchen Ländern nur eine Wiederholung der gesetzlichen Mindestanforderungen darstellen und somit wenig Einfluss auf die Bedingungen für die Arbeitnehmer haben. Die diesbezüglichen Zahlen sind daher mit Vorsicht zu behandeln.

Die neun Länder mit den höchsten Deckungsraten, d.h. rund 80 % oder mehr, lassen sich in zwei Gruppen einteilen.

Die erste Gruppe bilden drei Länder – Schweden, Finnland und Dänemark – in denen die hohe tarifvertragliche Deckungsrate einhergeht mit einem äußerst hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad. Hier sind die Gewerkschaften tatsächlich derart mächtig, dass sie verlangen können, dass die Lohn- und Arbeitsbedingungen ihrer Mitglieder verhandelt werden; in Finnland spielt allerdings auch eine Rolle, dass Tarifverträge in der Regel für alle Arbeitnehmer der betreffenden Branche für allgemeinverbindlich erklärt werden.

In der zweiten Gruppe – Belgien, Frankreich, Italien, die Niederlande, Österreich, Portugal und Slowenien – spiegelt der hohe Anteil tarifvertraglich abgesicherter Arbeitnehmer zumindest teilweise den rechtlichen Rahmen für Tarifverhandlungen wider. In Österreich werden Verhandlungen auf Arbeitgeberseite von den Industrie- und Handelskammern geführt, denen alle Arbeitgeber angehören müssen. Infolgedessen sind beinahe alle Arbeitnehmer tarifvertraglich abgesichert.

Belgien verzeichnet deswegen eine hohe tarifvertragliche Deckungsrate, weil Branchentarifverträge automatisch für alle Arbeitgeber der Branche verbindlich sind. In Italien ist die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen zwar nicht gesetzlich vorgeschrieben, aber die Gerichte legen diese in der Regel dahingehend aus.

In den Niederlanden gelten Tarifverträge nicht automatisch für die ganze Branche, aber aufgrund der Ausweitung des Geltungsbereichs von Tarifverträgen durch die Regierung werden weitere rund 15 % der Beschäftigten abgesichert. Auch in Frankreich ergibt sich die hohe tarifvertragliche Deckungsrate aus der Tatsache, dass die Regierung die Tarifverträge auch für Arbeitgeber verbindlich macht, die sie nicht unterzeichnet haben, sowie aus der Verpflichtung für die Arbeitgeber, jährlich auf Unternehmensebene (und unter bestimmten Umständen) auf Branchenebene zu verhandeln.

Am Beispiel Frankreichs zeigt sich aber, weshalb Angaben zur tarifvertraglichen Deckungsrate mit Vorsicht zu behandeln sind: Frankreich hat zwar eine äußerst hohe Deckungsrate, aber einige Tarifverträge sind weitgehend bedeutungslos, da ihre Lohnsätze unter dem gesetzlichen französischen Mindestlohn liegen. Hinzu kommt, dass die Lohnerhöhungen für viele französische Arbeitnehmer individuell festgesetzt und nicht verhandelt werden.

In Portugal verändert sich derzeit die Situation infolge der Finanzkrise. In der Vergangenheit wurden Tarifverträge häufig durch die Regierung auch für Arbeitgeber verbindlich gemacht, die sie nicht unterzeichnet hatten. Angesichts der Tatsache, dass diese Politik stark eingeschränkt wurde und weitere Änderungen vorgenommen wurden, wird die tarifvertragliche Deckungsrate in Zukunft voraussichtlich zurückgehen.

Im mittleren Teil der Tabelle befinden sich Norwegen, Spanien, Slowenien, Malta, Luxemburg, Deutschland und Zypern, allesamt Länder, in denen die tarifvertragliche Deckungsrate zwischen 50 und 75 % beträgt; in all diesen Ländern sind - mit Ausnahme von Malta -  Tarifverhandlungen auf Branchenebene aber weit verbreitet. In Kroatien erfolgen die meisten Tarifverhandlungen auf Unternehmensebene, einige umfassende Vereinbarungen werden jedoch von der Regierung als allgemein verbindlich erklärt.

In den Ländern in der unteren Hälfte der Tabelle werden Tarifverhandlungen in erster Linie auf Unternehmensebene geführt. Da Verhandlungen auf Unternehmensebene maßgeblich davon abhängen, ob es eine Gewerkschaft im Unternehmen gibt, sind sie eng mit dem gewerkschaftlichen Organisationsgrad verknüpft.

In drei Ländern hat es in den vergangenen Jahren einen erheblichen Rückgang des Deckungsgrades von Tarifverhandlungen gegeben, in jedem einzelnen Fall war dies auf gesetzliche Änderungen der Verhandlungsstruktur zurückzuführen.

In Griechenland hat eine Reihe neuer Gesetze 2011und 2012 dazu geführt, dass der Deckungsgrad bei Tarifverhandlungen von rund 65% der Beschäftigten vor der Krise auf derzeit 10% zurückgegangen ist. Zu diesen neuen gesetzlichen Regelungen gehört, dass auf Unternehmensebene abgeschlossene Tarifverträge schlechtere Bedingungen enthalten können als Branchentarifverträge, dass ausgelaufene Verträge nicht mehr so lange weitergelten wie bisher und dass die Regierung nicht mehr so umfassende Möglichkeiten hat, Tarifverträge als allgemein verbindlich zu erklären.

In Rumänien hatte das Sozialdialoggesetz von 2011, das Tarifverhandlungen auf nationaler Ebene abgeschafft hat und für Gewerkschaften Tarifverhandlungen auf Branchenebene erschwert hat, zur Folge, dass der Deckungsgrad bei Tarifverhandlungen von 98% 2011 auf geschätzte 36% im Jahr darauf zurückgegangen ist.

In Slowenien haben die Beendigung der Zwangsmitgliedschaft in der Industrie- und Handelskammer für Arbeitgeber und das Tarifverhandlungsgesetz von 2006 mit der Regelung, dass nur Arbeitgeber oder Arbeitgeberverbände mit freiwilliger Mitgliedschaft Tarifverträge unterzeichnen können, dazu geführt, dass viele Arbeitgeber die Möglichkeit hatten, aus Tarifverhandlungen auszusteigen. Im Ergebnis ist der Deckungsgrad von 96% 2005 auf geschätzte 65% heute zurückgegangen.

In Portugal und Spanien besteht die Sorge, dass ähnliche Veränderungen wie die in Griechenland und Rumänien zu einem ähnlichen Rückgang der Deckungsgrades führen könnten. Die aktuellen Zahlen für den Gesamtdeckungsgrad zeigen jedoch nicht diese befürchtete dramatische Entwicklung.

In Portugal mit wesentlich weniger Beschäftigten, für die neue Vereinbarungen gelten, treten die aktuellen Änderungen erst im September 2014 in Kraft; es kann deshalb dauern, bis sich die geänderten Regelungen für Tarifverhandlungen bemerkbar machen. 

In Spanien ist es aufgrund der langen Verzögerung bis zur Veröffentlichung der vollständigen Zahlen schwierig zu beurteilen, welche Folgen sich genau daraus ergeben. Es gibt jedoch eindeutige Hinweise darauf, dass 2013 – ein Jahr nach den umfassenden gesetzlichen Änderungen -  in der großen Mehrheit der Unternehmen weiterhin Tarifverhandlungen stattfanden.

 

Ebene der Tarifverhandlungen

Die tarifvertragliche Deckungsrate sagt jedoch nicht alles aus. Eine wichtige Rolle spielt auch, auf welchen Ebenen die Verhandlungen stattfinden und wie sie miteinander interagieren. Diese Aspekte werden im Einzelnen in den Länderdarstellungen beschrieben. Es lohnt sich aber, ein paar Varianten herauszustellen.

In manchen Ländern werden auf nationaler Ebene Abkommen ausgehandelt, die den Rahmen für die Verhandlungsparteien der untergeordneten Ebenen festlegen.

Dies ist besonders in Belgien der Fall, wo ein alle zwei Jahre auf nationaler Ebene geschlossener Vertrag Lohnerhöhungen festsetzt, die danach maßgeblich sind für Abschlüsse auf Branchen- und Unternehmensebene. Das System ist jedoch in den vergangenen Jahren unter Druck geraten (mehrfach ist es vorgekommen, dass sich Gewerkschaften und Arbeitgeber nicht auf einen nationalen Rahmen einigen konnten, so dass die Regierung die Lohnerhöhungen festlegen musste). In Norwegen besteht eine klare Hierarchie für die Tarifverhandlungen, von den Gewerkschaftsbünden über Einzelgewerkschaften bis hin zu den einzelnen Betrieben, obgleich die Gewerkschaftsbünde nicht immer die führende Rolle spielen. In Spanien gibt es eine nationale Vereinbarung, die seit 2002 einmal jährlich (mit einer Ausnahme) Lohnleitlinien festsetzt. Diese Leitlinien stellen einen freiwilligen Rahmen dar, haben aber eindeutig Einfluss auf die Verhandlungen auf Branchen- und Unternehmensebene.

In Finnland ist das Muster nationaler Rahmenvereinbarungen anscheinend wieder zurückgekehrt trotz seines offensichtlichen Abgesangs 2007, als sich die Arbeitgeber weigerten, ein neues Abkommen auf nationalen Ebene auszuhandeln. Im Zuge der Wirtschaftskrise erklärten sich die Arbeitgeber jedoch 2011 wieder bereit, eine nationale Rahmenvereinbarung zu unterzeichnen, eine weitere Rahmenvereinbarung wurde 2013 geschlossen.

In Irland ist das System nationaler Abkommen, die mehr als 20 Jahre u.a. Lohnerhöhungen festsetzten, 2009 unter dem Druck der Wirtschaftskrise jedoch zusammengebrochen. Löhne und Arbeitsbedingungen werden jetzt im privaten Sektor auf Unternehmensebene geschlossen, während für den öffentlichen Sektor (in dem es einen Lohnstopp gibt) eine nationale Vereinbarung gilt.

In anderen Ländern sind es Verhandlungen auf Branchenebene, mit denen Löhne und Arbeitsbedingungen für die überwiegende Mehrheit der tarifvertraglich abgesicherten Beschäftigten festgelegt werden. Dies ist der Fall in Österreich, Deutschland, Portugal und Slowenien (obwohl es in all diesen Ländern mit Ausnahme Österreichs ebenfalls Vereinbarungen auf Unternehmensebene gibt).

Die Lage in Italien unterscheidet sich geringfügig. Im Prinzip werden durch Vereinbarungen auf Branchenebene Lohnerhöhungen verhandelt, die die prognostizierte Inflation berücksichtigen. Ein Ausgleich für die Zunahme der Produktivität erfolgt auf Unternehmensebene. Infolge der neuen Regelungen für Tarifverhandlungen haben Verhandlungen auf Unternehmensebene jedoch ein größeres Gewicht erhalten

In Frankreich gelten für fast alle Beschäftigten Branchentarifverträge. Diese enthalten aber oft nur Mindestregelungen, weitere Verbesserungen werden im Unternehmen oder mit einzelnen Mitarbeitern getroffen.

 

In Schweden und Dänemark gelten zwar für die meisten Beschäftigten Branchentarifverträge, die Verhandlungsparteien auf den untergeordneten Ebenen verfügen aber über einen erheblichen Handlungsspielraum. In Schweden lag der Anteil der Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft, deren Arbeitsentgelt vollständig durch Branchentarifverträge geregelt war, in der Verhandlungsrunde 2013 nur bei 10 %. In Dänemark dagegen werden die Löhne in der größten Gruppe von Tarifverträgen, die für 85% der Beschäftigten in LO-Gewerkschaften in der Privatwirtschaft gelten, durch lokale Vereinbarungen auf Unternehmensebene festgelegt. In Finnland fand mit den letzten beiden Lohnrunden eine Rückkehr zum System der Verhandlungen auf nationaler Ebene statt (siehe oben) – in einigen Branchen gibt es Spielraum für umfassende Verhandlungen auf lokaler Ebene.

Dann gibt es eine Reihe von Ländern, in denen Verhandlungen auf Branchen- und Unternehmensebene nebeneinander bestehen, ohne miteinander verbunden zu sein. Kroatien, Zypern, Luxemburg und die Niederlande sind Beispiele für dieses Muster, wobei es einige Abweichungen gibt. In den Niederlanden gelten für die meisten Beschäftigten auf Branchenebene abgeschlossene Tarifverträge, obwohl die großen Unternehmen eigene Vereinbarungen schließen können. In Luxemburg sind Verhandlungen auf Unternehmensebene zum Beispiel im Einzelhandel von größter Bedeutung, aber in anderen Sektoren wie Banken und Bauwirtschaft werden Löhne und Arbeitsbedingungen durch Verhandlungen auf Branchenebene festgesetzt. In Kroatien finden die meisten Verhandlungen auf Betriebsebene statt, obwohl es einige Branchen wie die Bauwirtschaft und das Gastgewerbe und auch den öffentlichen Sektor mit Tarifverträgen auf Branchenebene gibt, manchmal zusätzlich zu den Unternehmensvereinbarungen. In Zypern gibt es eine Mischung aus Tarifverhandlungen auf Branchen- und Unternehmensebene, wobei die Unternehmensvereinbarungen manchmal die Löhne und Arbeitsbedingungen für diejenigen festlegen, die auf der Branchenebene nicht erfasst werden und sich daraus manchmal bessere Abschlüsse ergeben.

Spanien ist ein weiteres Beispiel für diese gemischte Vorgehensweise, wobei die nationale Rahmenvereinbarung einen erheblichen Einfluss auf die Verhandlungsparteien der nachgeschalteten Ebenen hat. Vereinbarungen über Löhne und Arbeitsbedingungen werden sowohl auf Branchen- wie auch auf Unternehmensebene abgeschlossen. Branchentarifverträge sind immer noch die Regel (oft auf Provinzebene unterzeichnet), aber aufgrund gesetzlicher Änderungen haben Unternehmensvereinbarungen inzwischen Vorrang vor allen auf anderen Ebenen geschlossenen Tarifverträgen. In Luxemburg werden in einigen Sektoren überwiegend Verhandlungen auf Unternehmensebene geführt, in anderen hauptsächlich auf Branchenebene.

Schließlich gibt es eine Gruppe von Ländern, zu denen Großbritannien und die meisten mittel- und osteuropäischen Länder zählen, in denen Verhandlungen auf Unternehmensebene dominieren, obwohl es auch hier Abweichungen gibt. In der Tschechischen Republik, in der Slowakei und in Ungarn werden für fast alle tarifvertraglich erfassten Beschäftigten Löhne und Arbeitsbedingungen auf Unternehmensebene festgelegt, trotzdem gibt es noch eine signifikante Anzahl von Arbeitnehmern, für die Branchentarifverträge gelten. In allen drei Ländern können unter bestimmten Umständen diese Vereinbarungen auch für Unternehmen verbindlich werden, die nicht Mitglied des unterzeichnenden Arbeitgeberverbands sind. 

Auch in Polen gibt es nach wie vor Tarifverhandlungen auf Branchenebene, allerding ist hier der Anteil der erfassten Beschäftigten niedriger als in der Tschechischen Republik, in der Slowakei und in Ungarn und konzentriert sich auf Kommunalverwaltungen und staatliche Wirtschaftszweige. Eine vergleichbare Situation finden wir in den drei Baltenrepubliken, in denen Verhandlungen auf Branchenebene nur eine sehr begrenzte Rolle spielen. In Estland finden sie in erster Linie im Gesundheitssektor und in der Transportwirtschaft statt, in Lettland in den Bereichen Bildung, Gesundheitsversorgung, Energie und Transport. In Litauen, wo bis vor kurzem die einzige mit mehreren Arbeitgebern im Zeitungssektor geschlossene Tarifvereinbarung galt, hat ein europäisches Projekt dafür gesorgt, dass Vereinbarungen auch in einer Reihe anderer Branchen ermöglicht wurden.

In Bulgarien ist die formelle Struktur ein duales System auf Branchen- und Unternehmensebene, aber in der Praxis sind viele der Branchentarife längt überholt, und in Wirklichkeit sind es die Verhandlungen auf Unternehmensebene, die die Arbeitsbedingungen festlegen.

In Großbritannien gibt es einigen Wirtschaftszweigen nach wie vor Tarifverhandlungen auf Branchenebene, z.B. in Teilen der Bekleidungs- und Textilindustrie und in der Bauwirtschaft, aber in den meisten Fällen finden im privaten Sektor die Verhandlungen auf Unternehmens- oder Betriebsebene statt. Die Situation ist vergleichbar in Irland und Malta (dort gibt es außerhalb des öffentlichen Sektors keine Verhandlungen auf Branchenebene).

Mit Griechenland und Rumänien haben sich vor kurzem zwei weitere Länder der Gruppe von Ländern angeschlossen, in denen Verhandlungen auf Unternehmensebene  dominieren. In Griechenland haben Gesetzesänderungen 2011 und 2012 zu einem Rückgang der auf Branchen- oder Berufsebene ausgehandelten Tarifverträge von 65 im Jahre 2010 auf 14 im Jahre 2013 geführt. In Rumänien hat die Verabschiedung des Sozialdialoggesetzes 2011 die Tarifverhandlungen auf nationaler Ebene beendet mit der Folge, dass Verhandlungen auf Branchenebene praktisch nicht mehr stattfinden und zwischen 2011 und 2014 nur vier Branchentarifverträge unterzeichnet wurden, alle im Bereich Bildung und Gesundheitsversorgung.

Die Entwicklungen in Griechenland und Rumänien belegen die Aussage, dass  Tarifverhandlungssysteme nicht statisch sind. Dies passt auch zu dem allgemeinen Trend, dass seit einiger Zeit die Dezentralisierung von Tarifverhandlungen mit einer Verlagerung auf die Unternehmensebene zu beobachten ist.

In den Ländern, in denen Branchentarifverträge immer noch die größte Rolle spielen, hatte dies zur Folge, dass Arbeitgeber (z. B. einige Arbeitgeber in Deutschland und vor kurzem auch Fiat in Italien) aus den Arbeitgeberverbänden ausgetreten sind, um ihre eigenen Bedingungen auferlegen zu können. In Dänemark und Schweden werden wichtige Teile des Arbeitsentgelts auf lokaler Ebene verhandelt (dies ist ebenso der Fall in Finnland). Wiederum in anderen Ländern besteht die Möglichkeit, bei finanziellen Schwierigkeiten des Unternehmens im Unternehmenstarifvertrag von der Branchenvereinbarung abzuweichen. Diese Möglichkeit ist in Deutschland in vielen Tarifverträgen vorgesehen, und auch in Frankreich, Portugal und Spanien ist dies nun auch gesetzlich zulässig. Inwiefern dies allerdings von lokalen Vereinbarungen mit den Gewerkschaften abhängig ist oder ob eine einseitige Durchsetzung durch den Arbeitgeber möglich ist, und auch die Auswahl der verhandelten Themen, wird von Land zu Land unterschiedlich gehandhabt.

Insgesamt gesehen hat die Wirtschaftskrise den Wandel beschleunigt, obwohl in den meisten Ländern der größte Teil der Gesetzesänderungen bis 2012 abgeschlossen war – Portugal mit seiner erst 2014 in Kraft getretenen neuen Gesetzgebung ist eine Ausnahme. Trotzdem ist in vielen Ländern noch nicht deutlich geworden, welche Auswirkungen diese Änderungen eigentlich haben.

Eines hat sich über einen längeren Zeitraum betrachtet offensichtlich verändert – nämlich dass die Zahl der Mitgliedstaaten mit einem gesetzlichen Mindestlohn zugenommen hat, wobei Deutschland das bisher letzte Land war, das einen Mindestlohn eingeführt hat. In sechs EU-Mitgliedstaaten gibt es keinen Mindestlohn: Dänemark,  Finnland, Italien, Österreich, Schweden und Zypern. In Norwegen gibt es ebenfalls keinen Mindestlohn.

Neben den veränderlichen Deckungsgraden der Tarifvereinbarungen und den Ebenen, die dies betrifft, gibt es weitere Unterschiede bei den Verhandlungspartnern, der Laufzeit der Tarifverträge und der darin geregelten Themen. Diese Fragen werden in den Länderdarstellungen behandelt.

 

 

Land

Tarifvertragliche Deckungsrate (in %)

Hauptebene der Tarifverhandlungen

Frankreich

98 %

Branche und Unternehmen

Belgien*

96 %

National (legt den Rahmen fest)

Österreich

95 %

Branche

Finnland

91 %

 

Portugal

89 %

Branche

Schweden

89 %

Branche – aber viel wird den Verhandlungen auf Unternehmensebene überlassen

Niederlande

84 %

Branche (zum Teil auch Unternehmen)

Dänemark

80 %

Branche – aber viel wird den Verhandlungen auf Unternehmensebene überlassen

Italien*

80 %

Branche

Norwegen

73 %

National und Branche

Spanien

69 %

Branche (zum Teil auch Unternehmen)

Slowenien

65%

Branche

Kroatien

61%

Branche und Unternehmen

Malta*

61 %

Unternehmen

Luxemburg

59%

Branche und Unternehmen (je nach Sektor)

Deutschland

57%

Branche

Zypern

52 %

Branche und Unternehmen

Irland*

44 %

Unternehmen

Tschechische Republik

38 %

Unternehmen (zum Teil auch Branche)

Rumänien

36 %

Fast nur noch Unternehmen aufgrund gesetzlicher Änderungen

Slowakei*

35 %

Unternehmen (zum Teil auch Branche)

Lettland

34 %

Unternehmen

Estland

33 %

Unternehmen

Ungarn

31 %

Unternehmen (zum Teil auch Branche)

Bulgarien

29 %

Unternehmen

Großbritannien

29 %

Unternehmen

Polen*

14-18 %

Unternehmen

Griechenland

10%

Fast nur noch Unternehmen aufgrund gesetzlicher Änderungen

Litauen*

k.A.

Unternehmen

 

 

 

EU insgesamt

60 %

 

Insgesamt einschließlich Norwegen

60 %

 

Quellen: Bei mehreren Ländern (mit * versehen) stammen die Angaben aus der jeweiligen Beschreibung der Arbeitsbeziehungen der Eurofound (Industrial relations profile). Die Angaben für die übrigen Länder stammen aus folgenden Quellen: Österreich: Sepp Zuckerstätter: Collectively agreed wages in Austria: indicators, AK Wien, 2012.

Bulgarien: KNSB.

Zypern: ICTWSS Datenbank, Version 4, April 2013.

Tschechische Republik: Structure of earnings survey 2012, Table A7, Czech Statistical Office, 2013.

Dänemark: Jesper Due und Jørgen Steen Madsen: Udviklingen i den faglige organisering:  årsager og konsekvenser for den danske model 2010, LO-dokumentation 1/2010.

Estland: Statistics Estonia, Table WQU96, 2009; 

Finnland: Lasse Ahtiainen: Työehtosopimusten kattavuus Suomessa vuonna 2004, Ministerium für Arbeit, 2007.

Frankreich: La couverture conventionnelle a fortement progressé entre 1997 et 2004, DARES, 2006.

Germany: Peter Ellguth und Susanne Kohaut: Tarifbindung und betriebliche Interessenvertretung: Aktuelle Ergebnisse aus dem IAB-Betriebspanel 2013, WSI-Mitteilungen 4/2014.

Griechenland: Expertenschätzung.

Ungarn: Zentrum für sozialen Dialog (Társadalmi Párbeszéd Központ) 2014.

Lettland: Number of employees having a collective pay agreement by kind of activity in the end of October, Central Statistical Bureau of Latvia, 2009.

Luxemburg: Alain Schäfer : Conventions collectives et salaires, Économie et statistiques, Statec, 2010.

Niederlande: Berechnung auf Grundlage von Cao-afspraken 2013, Bijlage IXI Cao’s in Nederland, SZW, Oktober 2014.

Norwegen: Organisasjonsgrader, tariffavtaledekning og arbeidskonflikter 2013, by Kristine Nergaard, Fafo, 2014.

Portugal: Quadros de pessoal 2013; Gabinete de Estratégia e Planeamento (GEP), 2014.

Rumänien: Schätzung von CNS Cartel Alfa und BNS 2012

Spanien: Berechnung auf Grundlage von Estadística de Convenios Colectivos de Trabajo: 2012 Datos Definitivos CCT-II.2.

Schweden: Avtalsrörelsen och lönebildningen 2014 Medlingsinstitutets årsrapport, Medlingsinstitutet, 2015.

Großbritannien: Trade Union Membership 2013: Statistical Bulletin, Department for Business, Innovation and Skills, 2014.

Die Gesamtwerte für die EU und die EU und Norwegen wurden auf der Grundlage von Eurostat-Angaben zu abhängig beschäftigten Arbeitnehmern berechnet.

L. Fulton (2015) Worker representation in Europe. Labour Research Department and ETUI. Produced with the assistance of the SEEurope Network, online publication available at http://www.worker-participation.eu/National-Industrial-Relations.

ETUI Collective Bargaining newsletter

This newsletter presents up-to-date information on collective bargaining developments across Europe. It aims to facilitate information exchange between trade unions and to support the work of the ETUC’s collective bargaining committee.