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Finanzielle Mitarbeiterbeteiligung

Weder der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) noch die Arbeiterkammer stellen sich prinzipiell gegen finanzielle Mitarbeiterbeteiligung, sie vertreten jedoch eine sehr differenzierte Position. Die Arbeiterkammer hat sich schon Anfang der 1990er Jahre intensiv mit dem Thema Beteiligung beschäftigt. Aus Sicht der Arbeiterkammer kann Mitarbeiterbeteiligung für die Arbeitnehmer neue Möglichkeiten und Chancen hinsichtlich der Partizipation am Unternehmensgewinn und am Substanzwert, aber auch der Informations- und Mitwirkungsrechte eröffnen. Voraussetzung sollte jedoch sein, dass jedes Modell sorgfältig geprüft wird und die Teilnahme daran für jeden Einzelnen freiwillig erfolgt.1

Eine ähnliche Auffassung vertritt der ÖGB. Bereits im Rahmen des Bundeskongresses 1991 wurde eine offizielle Position zur finanziellen Mitarbeiterbeteiligung beschlossen. Danach darf Mitarbeiterbeteiligung kein Ersatz und keine Alternative für Mitbestimmung gemäß dem österreichischen Arbeitsverfassungsgesetz sein. Darüber hinaus sollte die Möglichkeit, den Lohn nach freien Stücken zu verwenden bzw. den Arbeitsplatz zu wechseln durch finanzielle Beteiligung nicht eingeschränkt werden. Die Grenzen der Mitarbeiterbeteiligung sind aus Sicht des ÖBG und der Arbeiterkammer dann erreicht, wenn die Arbeitnehmer unternehmerisches Risiko übernehmen sollen, ohne dafür entsprechende Mitsprachemöglichkeiten zu erhalten. Kollektivvertragliche Bestimmungen und Rechte dürfen durch Mitarbeiterbeteiligung nicht beeinträchtigt werden. Zudem sprechen sich ÖGB und Arbeiterkammer dagegen aus, dass der arbeits-, sozialversicherungs- und steuerrechtliche Status von Arbeitnehmern durch eine finanzielle Beteiligung verändert bzw. verschlechtert wird. Wirtschaftlich darf für die Beschäftigten kein Nachteil entstehen.

Die österreichischen Gewerkschaften stehen der Philosophie, durch finanzielle Mitarbeiterbeteiligung das „Shareholder-Value-Denken“ in den Köpfen der Mitarbeiter, vor allem der Führungskräfte, zu verankern oder zu fördern, distanziert gegenüber. Stock Options werden mit der Begründung abgelehnt, dass dadurch einseitiges Gewinnstreben auf Kosten der Beschäftigten gefördert würde. Auf gesellschaftspolitischer Ebene sehen die Arbeitnehmerinteressenvertreter die Mitarbeiterbeteiligung als kein geeignetes Instrument, um die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen zu verringern.

Trotz all dieser Vorbehalte und Bedenken verbinden ÖGB und Arbeiterkammer mit finanzieller Mitarbeiterbeteiligung Chancen für Beschäftigte. Sofern ein Beteiligungsmodell gemeinsam gestaltet wird und entsprechende Mitwirkungsmöglichkeiten für die beteiligten Arbeitnehmer eingeräumt werden, wird Mitarbeiterbeteiligung im Rahmen des Human Resource Managements durchaus als geeignetes Instrument gesehen, um die Sozialpartnerschaft im Unternehmen zu stärken. Eine gute Entwicklung des Unternehmens vorausgesetzt, besteht durch eine Beteiligung auch die Möglichkeit, Einkommenszuwächse zu erzielen. Gleichzeitig ist für die Gewerkschaften wichtig, die mit der Beteiligung verbundenen Risiken abzusichern.

Wilke, Maack und Partner (2014) Länderberichte über finanzielle Mitarbeiterbeteiligung in Europa. Erstellt für www.worker-participation.eu. Die Berichte wurden erstmals 2007 veröffentlicht und 2014 vollständig aktualisiert.