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Gewerkschaften

In Österreich gibt es einen einzigen Gewerkschaftsbund, den ÖGB, dem 28 % aller Arbeitnehmer angehören. Der ÖGB ist zwar parteiunabhängig, hat aber durch sein System der politischen Fraktionen starke politische Bindungen.

Nach Angaben der Gewerkschaften gab es in Österreich 2013 1,2 Millionen Gewerkschaftsmitglieder[1], darunter circa ein Fünftel Pensionierte. In der ICTWSS Datenbank zur Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder wird für Österreich ein gewerkschaftlicher Organisationsgrad von 27,8 % angegeben (Stand 2011)[2]. Bei Arbeitern und bei Beschäftigten des öffentlichen Sektors ist der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder höher als bei Angestellten.

 

Der einzige Gewerkschaftsbund in Österreich, der ÖGB, wurde 1945 gegründet, um die politische Spaltung zu überwinden, die vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten zwischen den Gewerkschaften bestand. Der ÖGB umfasst sieben Gewerkschaften.

 

Die fünf größten Gewerkschaften sind die GPA-djp (Gewerkschaft der Privatangestellten) mit 275.000 Mitgliedern, die GÖD (Gewerkschaft der Staatsbediensteten und einiger anderer Bediensteten des öffentlichen Sektors) mit 236.000 Mitgliedern, die PRO-GE (im Wesentlichen Arbeiter in der Produktion) mit 230.000 Mitgliedern, die GdG-KMSfB (Gewerkschaft der Gemeindebediensteten), die nach ihrem Zusammenschluss mit der Gewerkschaft Kultur und Sport 151.000 Mitglieder zählt, und Vida (Verkehrs- und Dienstleistungsgewerkschaft) mit 140.000 Mitgliedern.

 

Die gegenwärtige Gewerkschaftsstruktur spiegelt eine Reihe von Zusammenschlüssen wider. So ist z.B. die Gewerkschaft PRO-GE im November 2009 aus der Fusion der Chemie- und der Metallarbeitergewerkschaft hervorgegangen. Bereits 2006 war die Gewerkschaft Vida aus der Fusion von drei Gewerkschaften (EisenbahnerInnen, Hotel und Gastgewerbe und Transport und Verkehr) hervorgegangen. Durch diese und weitere Gewerkschaftszusammenschlüsse umfasst der ÖGB, dem 2004 noch 13 Einzelgewerkschaften angehörten, heute nur noch 7.

 

Der ÖGB hat seine einige seiner Strukturen reformiert, zum Teil als Reaktion auf die 2006 aufgetretenen finanziellen Schwierigkeiten bei der gewerkschaftseigenen Bank BAWAG. Der Gewerkschaftsbund, der die Bank aufgrund hoher Verluste verkaufen musste, wurde finanziell hart getroffen, und der Ruf des ÖGB insbesondere in Wirtschafts- und Finanzfragen hat etwas Schaden gelitten.

 

Der ÖGB selbst ist an keine Partei gebunden, aber pflegt über seine politischen Fraktionen, die in der Gewerkschaftsstruktur über formelle Rechte verfügen, enge Beziehungen zu den Parteien. Die größte Fraktion, die FSG, hat enge Verbindungen zur sozialdemokratischen Partei (SPÖ), aber es gibt auch eine mächtige christliche Fraktion, die FCG. Diese Fraktion ist im öffentlichen Sektor stark vertreten und mit der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) verbunden. Einer der Vizepräsidenten des ÖGB ist gleichzeitig Vorsitzender der FCG, und der Präsident der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) übt zugleich eine leitende Funktion in der FCG aus.

 

Die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder in Österreich ist in den letzten Jahren langsam gesunken. Die Schwierigkeiten bei der BAWAG 2006 führten jedoch laut Bericht des ÖGB an den Bundeskongress 2009 zu einem „enormen Mitgliederverlust“ – in jenem Jahr hatte der Gewerkschaftsbund 63.000 bzw. 5 % seiner Mitglieder verloren. Seit 2009 hat sich die Zahl der Mitglieder mehr oder weniger stabilisiert, und in dem Bericht des ÖGB zu seinem Kongress 2013, dem für den Zeitraum 2009 bis 2014 ein Rückgang der Mitgliederzahlen um 1,5 % (von 1.222.190 auf 1.203.441) zu entnehmen ist, heißt es: „nach Krisenjahren für den ÖGB und die Gewerkschaften sind die Mitgliederzahlen wieder weitgehend stabil“.[3] Heute besteht eine der wichtigsten Prioritäten des ÖGB darin, neue Mitglieder zu rekrutieren.

[1] Die genaue Zahl beträgt 1.198.071; diese Angabe sowie die Angaben zu den Mitgliederzahlen einzelner Gewerkschaften stammen aus: ÖGB Mitgliederstatistik gesamt nach Gewerkschaften 2014 http://www.oegb.at/cms/S06/S06_2.1.2/ueber-uns/wir-machen/oegb-in-zahlen (aufgerufen am 16.04.2015)

[2] The ICTWSS Database: Database on Institutional Characteristics of Trade Unions, Wage Setting, State Intervention and Social Pacts, in 34 countries between 1960 and 2012, compiled by Jelle Visser, at the Amsterdam Institute for Advanced Labour Studies AIAS, University of Amsterdam, Version 4, April 2013 (siehe: http://www.uva-aias.net/207 )

[3] Bericht an den 18. Bundeskongress des ÖGB, ÖGB-Bundeskongress 2013

L. Fulton (2015) Worker representation in Europe. Labour Research Department and ETUI. Produced with the assistance of the SEEurope Network, online publication available at http://www.worker-participation.eu/National-Industrial-Relations.