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Finanzielle Mitarbeiterbeteiligung

Im Zuge der Privatisierungsphase Anfang der 1990er Jahre waren Kapitalbeteiligungen relativ weit verbreitet. Heute spielen sie in der lettischen Wirtschaft aber keine bedeutende Rolle mehr. Andere Formen der finanziellen Mitarbeiterbeteiligung – im Kontext von Genossenschaften oder Erfolgsbeteiligungsmodellen - sind in Lettland nicht sehr entwickelt.

Modelle einer Kapitalbeteiligung der Arbeitnehmer waren in Lettland im Zuge des Privatisierungsprozesses üblich. Die Praxis erreichte ihren Höhepunkt in der Zeit von 1992 bis 1994, ging aber in den anschließenden Jahren rapide zurück.

Ende der 1980er Jahre, noch bevor Lettland unabhängig wurde, begann die erste Phase des Privatisierungsprozesses. Die ersten Maßnahmen zur Privatisierung staatlicher Unternehmen wurden bereits 1987 in der damaligen Sowjetunion im Zeichen der Perestroika eingeleitet.1 Bis 1993 konnten lettische Bürger Staatsbetriebe leasen, und den Unternehmen wurde auch gestattet, Aktien für bis zu 10% ihres autorisierten Kapitals auszugeben. Diese konnten zu Rabattpreisen an die Beschäftigten verkauft oder ihnen kostenlos übertragen werden. Im Jahr 1991 begann die so genannte „kleine“ Privatisierung, die hauptsächlich kleine Betriebe betraf. Ihre Privatisierung erfolgte im Rahmen von Veräußerungen an die Belegschaft, Versteigerungen an bestimmte Gruppen, offene Versteigerungen oder Veräußerungen an ausgewählte Käufer. Mitarbeiter mit einer Betriebszugehörigkeit von mehr als fünf Jahren wurde ein Vorkaufsrecht für den Erwerb von Aktien eingeräumt, deren Ausgangspreis von der lokalen Privatisierungskommission, bestehend aus Staats- und Kommunalvertretern, Privatisierungsexperten und Gewerkschaften, festgelegt wurde. Durch die Abänderung des Gesetzes im Februar 1992 wurden die Vorkaufsrechte der Beschäftigten beschnitten. Die „kleine“ Privatisierung wurde fortgesetzt, so dass die Mehrheit der kleinen Betriebe mit bis zu 100 Beschäftigten 1995 privatisiert war. Mehr als die Hälfte dieser Unternehmen waren nach der Privatisierung im Besitz von Unternehmensangehörigen - etwas mehr als die Hälfte von ihnen in Managementbesitz und die übrigen (weniger als 50%) in Mitarbeiterbesitz.2

Die Privatisierung großer und mittlerer Unternehmen wurde ebenfalls im Jahr 1992 eingeleitet, aber bis 1994 verlief der Prozess äußerst langsam. Ab 1994, als die lettische Privatisierungsagentur eingesetzt wurde, wurde die Privatisierung zügiger durchgeführt. Im gleichen Jahr wurde das Privatisierungsgesetz geändert und die Möglichkeit des Leasings von Staatsbetrieben abgeschafft. Ab 1995 nahm das Tempo der Privatisierungen zu, Unternehmen wurden veräußert, in Kapitalgesellschaften umgewandelt oder abgewickelt. In dieser Phase der Privatisierung spielte die Arbeitnehmerbeteiligung kaum eine Rolle. Abgesehen von ein paar Ausnahmen wurden die größten lettischen Unternehmen direkt an finanzkräftige Investoren veräußert, die häufig aus dem Ausland kamen.3

Im Rahmen der großen Privatisierung von Staateigentum und Boden, die in die Zuständigkeit der lettischen Privatisierungsagentur fiel, wurde auch ein Massenprivatisierungsprogramm durchgeführt. Dabei wurden Gutscheine an die Bevölkerung verteilt, deren Zahl sich nach der Anzahl der Jahre richtete, die die betreffende Person im Land wohnte. Diese Gutscheine konnten bei der Privatisierung der Staatsbetriebe eingetauscht werden. 81% aller Gutscheine (einschließlich Eigentumsentschädigungs-Gutscheine) wurden für den Kauf von Aktien eingetauscht, so dass bis 1998 rund 13,5% der Aktien privatisierter Unternehmen von Mitarbeitern auf der Grundlage von Privatisierungsgutscheinen erworben wurden. 13,6% der Aktien wurden von Mitgliedern des Managements durch Eintausch von Gutscheinen erworben. Die Gutscheine konnten noch bis zum 1. Juli 2005 verwendet werden.

Zurzeit ist der Verbreitungsgrad von Kapitalbeteiligungsprogrammen eher gering, was darauf zurückzuführen ist, dass die Aktien nicht mehr im Besitz der Mitarbeiter des Unternehmens sind, entweder weil diese das Unternehmen verlassen aber die Aktien behalten haben, oder weil sie in den Besitz des Managements und schließlich – nach relativ kurzer Zeit – in den Besitz (inländischer oder ausländischer) externer Eigentümer übergegangen waren.

Genossenschaften spielen gesamtwirtschaftlich gesehen keine bedeutende Rolle mehr. Bei den meisten handelt es sich um Agrargenossenschaften oder die gemeinsame Verwaltung von Immobilien.2005 wurden 260 aktive Genossenschaften gezählt, darunter 120 Arbeitergenossenschaften und 140 Agrargenossenschaften.4

Wilke, Maack und Partner (2014) Länderberichte über finanzielle Mitarbeiterbeteiligung in Europa. Erstellt für www.worker-participation.eu. Die Berichte wurden erstmals 2007 veröffentlicht und 2014 vollständig aktualisiert.