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Gewerkschaften

 

Vermutlich weniger als ein Fünftel der Arbeitnehmer in Spanien sind Mitglieder einer Gewerkschaft, obwohl die Ergebnisse von Betriebsratswahlen zeigen, dass die Gewerkschaften auf wesentlich breitere Unterstützung zählen können als nur die ihrer Mitglieder. In Spanien gibt es zwei dominierende Gewerkschaftsbünde, CCOO und UGT, sowie weitere bedeutende Gruppierungen auf regionaler Ebene und im öffentlichen Sektor.

Nach den neuesten Zahlen des Arbeitsministeriums von 2010 gehörten damals 16,4 % aller Erwerbstätigen einer Gewerkschaft an. Das lässt darauf schließen, dass 18,9 % aller Beschäftigten (dieser Anteil wird gewöhnlich als gewerkschaftlicher Organisationsgrad bezeichnet) gewerkschaftlich organisiert waren.[1]  Dies liegt über  dem Anteil von 15,6 %, der in der ICTWSS-Datenbank zur Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder  für Spanien angegeben wird (Stand 2010)[2].

Die offiziellen Zahlen stammen aus der 2010 durchgeführten Erhebung zur Qualität des Arbeitslebens (ECVT). Die spanische Regierung gibt diese Studie nicht mehr in Auftrag, so dass keine aktuellen offiziellen Zahlen zur Verfügung stehen. Die von den großen Gewerkschaftsdachverbänden veröffentlichten Zahlen (siehe unten) zeigen, dass die Mitgliederzahlen seit 2010 schneller gefallen sind als die Zahl der Beschäftigten in Spanien, die zwischen 2010 und 2014 um 8,4% zurückgegangen ist. Daraus lässt sich schließen, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad jetzt geringer ist als 2010.

 

Das Ausmaß der Unterstützung für Gewerkschaften kann auch an den Ergebnissen der Betriebsratswahlen abgelesen werden. Diese können im Prinzip jederzeit stattfinden, im Allgemeinen werden sie jedoch alle vier Jahre durchgeführt und erstrecken sich über 15 Monate von September bis Dezember des Folgejahres. Diese Wahlen werden in den meisten großen und mittleren Organisationen abgehalten;  47,7 % aller Arbeitnehmer sind in Betrieben mit einem Betriebsrat beschäftigt.[3] Die Wahlbeteiligung ist relativ hoch – rund zwei Drittel der Wahlberechtigten üben ihr Wahlrecht aus[4], und nahezu alle gewählten Vertreter sind Gewerkschafter (2011 waren es 98,1 %). Dies zeigt sehr deutlich, dass die Gewerkschaften wesentlich mehr Unterstützung genießen als der gewerkschaftliche Organisationsgrad vermuten lässt.

 

Auf nationaler Ebene gibt es in Spanien zwei große Gewerkschaftsbünde, die CCOO und die UGT. Gleichwohl gibt es weitere Gewerkschaften, die eine wichtige Rolle spielen. CCOO und UGT haben beide etwa gleich viele Mitglieder.

 

Die CCOO hat im November 2014 eine Mitgliederzahl von 976.354 mitgeteilt (Stand vom Dezember 2013). [5] Dies stellt im Vergleich zum Oktober 2010 mit 1.171.680 Mitgliedern einen Rückgang um 16,7 % dar. [6] Die meisten Mitglieder der CCOO waren 2013 abhängig beschäftigt (87,9 %), 8,9% waren arbeitslos, 2,8% Rentner und 0,4 % Selbständige oder Arbeitnehmer in anderen Beschäftigungsverhältnissen.

 

Die UGT veröffentlicht inzwischen jährliche Mitgliederzahlen und gibt für 2014 eine Mitgliederzahl von 1.057.700 an. [7]  Das sind 12,6% weniger als der Mitgliederstand 1.209.651 im Jahre 2010.

 

Die letzte Runde der Betriebsratswahlen wurde 2011 abgeschlossen. Die von der CCOO veröffentlichten Zahlen zum Stand Ende 2013 belegen, dass die beiden größten Gewerkschaftsbünde auf etwa gleich starke Unterstützung bei den Arbeitnehmern stoßen.

 

In einem Bericht vom November 2014  teilte die CCOO mit, dass sie 112.242 (37,5%) der insgesamt 298.792 in den vier Jahren bis Ende 2013 gewählten Vertreter stelle, 103.991 (34,9%) gehörten der UGT an. Die CCOO erhielt 36,7% der Stimmen, die UGT 30,1 %.[8] Diese  beiden Gewerkschaftsbünde haben zusammen zwei Drittel aller Stimmen und stellen fast drei Viertel aller gewählten Vertreter, weit mehr als alle anderen Gewerkschaften (siehe unten). Sie sind gleichzeitig die einzigen „repräsentativsten Gewerkschaften“ auf nationaler Ebene, was von den Ergeb­nissen der Betriebsratswahlen abhängt und ihnen bestimmte Rechte im Rahmen der Tarifverhandlungen gibt (siehe den Abschnitt Tarifverhandlungen).

 

Laut Angaben der CCOO erhielten die übrigen Gewerkschaftsverbände bei den Betriebsratswahlen zusammen 33,2 % der Stimmen und stellen 82.559 gewählte Vertreter. Dazu gehören die drei nationalen Dachverbände USO, CGT und CNT, die früher eine größere Bedeutung hatten, aber inzwischen Mitglieder und generell auch an Einfluss verloren haben, obwohl sie in einigen Bereichen durchaus noch Wirkung zeigen. (USO ist nach dem Stimmenanteil bei Betriebsratswahlen mit 10.456 Delegierten und einem Stimmenanteil von 3,43% bei den Wahlen 2011 größer als die anderen). [9]

 

Ferner gibt es mehrere Einzelgewerkschaften, die nur in bestimmten Branchen, Wirtschaftszweigen oder Berufen  operieren. Die wohl wich­tigste dieser Branchengewerkschaften ist die CSIF im Bereich der öffentlichen Verwaltung. Es gibt aber auch noch andere wie SATSE, die Krankenpflegepersonal organisiert, die Lehrergewerkschaft STE, die Pilotengewerkschaft SEPLA, die Eisenbahnergewerkschaft SEMAF, die Bankengewerkschaft FITC und die FASCA und FETICO für den Einzelhandel. Die Zahlen von CCOO besagen, dass auf diese Gewerkschaften national ein Anteil von 6,9% der Delegierten in den Betriebsratswahlen 2011 entfielen. In einzelnen Unternehmen oder Organisationen können sie wesentlich mehr Bedeutung haben.[10]

 

 

Darüber hinaus ist Spanien insofern atypisch, als es dort wichtige Gewerkschaftsgruppierungen auf regionaler Ebene gibt, die für die Forderungen der Regionen nach größerer Autonomie und/oder Unabhängigkeit stehen. Obwohl auf sie landesweit nur 6,6% der Delegierten bei den Betriebsratswahlen 2011[11]  entfielen, haben sie in den Regionen, in denen sie tätig sind, oft mehr Unterstützung als die beiden nationalen Gewerkschaftsbünde.

 

Der baskische nationalistische ELA/STV ist nach dem Stimmenanteil bei Betriebsratswahlen der stärkste Dachver­band im Baskenland. Die von ELA/STV im März 2015 veröffentlichten Zahlen nennen einen Anteil von 39,9% der gewählten Betriebsratsmitglieder im Baskenland Ende 2014, also doppelt so viel wie die CCOO, die auf 19,2 % kam, und noch mehr im Vergleich zur UGT, die 11,7 % der Stimmen erhalten hatte. Der drittgrößte Gewerkschaftsbund im Baskenland, LAB, steht jenen nahe, welche die vollständige Unabhängigkeit von Spanien fordern, und kam auf 18,3 % der ge­wähl­ten Betriebsratsmitglieder im Baskenland[12]. ELA/STV und LAB gehören im Baskenland zu den „repräsentativsten Gewerkschaften“. Die Website von ELA/STV gibt eine Mitgliederzahl von rund 100.000 an. [13]

 

In Galizien ist die CIG eine wichtige Gewerkschaftsorganisation und im Wesentlichen mit den anderen nationalen Gewerkschaftsbünden gleichgestellt. Das bedeutet, dass sie in Galizien zu den „repräsentativsten Gewerkschaften“ gehört.

 

Die Beziehungen zwischen den beiden größten Gewerkschaftsverbänden sind normalerweise gut, selbst wenn es gelegentlich zu Spannungen kommt.

 

Beide Gewerkschaftsbünde haben gemeinsam alle Generalstreiks in Spanien organisiert, u.a. zwei Streiks 2012 am 29. März und am 14. November. Sie haben auch eine Reihe gemeinsamer Vereinbarungen mit den Arbeitgebern abgeschlossen, mit denen die Rahmenbedingungen für jährliche Lohnerhöhungen und für die Struktur der Arbeitsbeziehungen in Spanien festgelegt wurden (siehe den Abschnitt über Tarifverhandlungen). Sie haben weiterhin im Februar 2011 gemeinsam ein dreigliedriges Abkommen mit der Regierung und den Arbeitgebern über die Altersversorgung und eine Reihe anderer Themen unterzeichnet.

 

Die Gewerkschaftsbünde sind alle nach Branchen strukturiert und organisieren die Arbeitnehmer der verschiedenen Wirtschaftszweige. In letzter Zeit ist es zu einer Reihe bedeutender Zusammenschlüsse gekommen.

 

In Ausführung des auf dem Kongress 2013 angenommenen Aktionsplans hat die CCOO die Anzahl ihrer Gewerkschaftsverbände auf nur noch 8 verringert, darunter ein Verband für in Rente gegangene Mitglieder. Die gesamte Fertigungsindustrie z.B. wird nun durch einen einzigen Verband vertreten, CCOO de Industria, der durch den Zusammenschluss zweier eigenständiger Verbände im Februar 2014 entstanden ist.

 

Eine ähnliche Situation finden wir bei der UGT mit ihren neun Verbänden, darunter ebenfalls jeweils ein Verband für Mitglieder in Rente und für Selbständige sowie der neue Verband SMC, der durch die Fusion des Verbandes der Verkehrs- und Kommunikationswirtschaft mit dem Verband für Hotels und Gastgewerbe im März 2014 gegründet wurde.

 

Sowohl bei der CCOO als auch bei der UGT sind die Verbände eher als Unterabteilungen der Dachverbände anzusehen denn als autonome Organe. Die spanischen Gewerkschafter definieren sich auch selbst in erster Linie als Mitglieder von UGT oder CCOO und nicht als Vertreter ihres Branchenverbandes.

 

Beide Dachverbände haben auch regionale Strukturen entsprechend der regionalen Aufteilung Spaniens, sie spielen eine wichtige Rolle.  

 

Im Laufe der letzten Jahrzehnte sind die Bindungen der beiden größten Gewerkschaftsverbände an ihre historischen politischen Verbündeten – die sozialistische Partei (PSOE) für die UGT und die kommunistisch ausgerichtete Partei bei (IU) für die CCOO – deutlich schwächer geworden. Beide Dachverbände haben mit der Mitte-Rechts-Regierung verhandelt, die Spanien von 1996 bis 2004 regierte. Sie schlossen mit ihr Vereinba­rungen zu bestimmten Themen ab und widersetzten sich ihr in anderen Fragen. Seit 2008 hat die Wirtschaftskrise das Verhältnis zu beiden Regierungsparteien verschlechtert, und im September 2010 kam es zu einem Generalstreik gegen die sozialistische PSOE-Regierung sowie 2012 zu zwei Generalstreiks gegen die Mitte-Rechts-Regierung von Mariano Rajoy.  

 

Die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder in Spanien ist bis zum Ausbruch der Krise 2008 permanent gestiegen. Ausgedrückt als Prozentsatz der Erwerbstätigen zeigen die offiziellen Zahlen der Erhebung über die Qualität des Arbeitslebens, dass der Anteil der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer  2008 bei 17,4 % und 2007 bei 15,8 % lag. Da 2008 in Spanien 20,5 Millionen Menschen erwerbstätig waren, ist davon auszugehen, dass es zu diesem Zeitpunkt 3,56 Millionen Gewerkschafter gab.

 

Seit 2008 ist er gewerkschaftliche Organisationsgrad der Erwerbsbevölkerung auf 17,2% im Jahre 2009 und 16,4% im Jahre 2010 zurückgegangen.[14] Da die Anzahl der Erwerbstätigen zurückgegangen ist, musste zwangsläufig auch die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder sinken. Es gibt keine offiziellen Zahlen für die Zeit nach 2010, aber es ist offensichtlich, dass die großen Dachverbände in den letzten Jahren die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder nach unten korrigiert haben.

 

Aus der Erhebung für 2010 geht hervor, dass Männer mit 17,8 % eher  Gewerkschaftsmitglied wurden als Frauen mit14,8 %. Die öffentliche Verwaltung konnte mit 33 % den höchsten Anteil von Gewerkschaftsmitgliedern aufweisen.  

 

[1] Siehe Encuesta de la Calidad de Vida en el Trabajo (ECVT) (2010) http://www.empleo.gob.es/estadisticas/ecvt/Ecvt2010/IN5/index.htm (Zugriff am 11.05.15)  and Desmontando el discurso antisindical, Pere J. Beneyto, 2012 http://www.1mayo.ccoo.es/nova/files/1018/Portada201208.pdf (Accessed 11.05.15)

[2] The ICTWSS Database: Database on Institutional Characteristics of Trade Unions, Wage Setting, State Intervention and Social Pacts, in 34 countries between 1960 and 2012, compiled by Jelle Visser, at the Amsterdam Institute for Advanced Labour Studies AIAS, University of Amsterdam, Version 4, April 2013 ( siehe http://www.uva-aias.net/207 )

[3] Pere J. Beneyto: Desmontando el discurso antisindical, 2012.

[4] Den letzten verfügbaren Angaben zufolge lag dieser Anteil 2003 bei 68,5 %,  2007 bei 66,6 % und 2011 bei 64,8 %. Siehe: Pere Jódar, Ramón Alòs, Pere J. Beneyto und Óscar Molina: Una breve panorámica de las elecciones sindicales 2011, con apuntes sobre su evolución desde 2003, 2012.

[4] Memoria de Actividad, 10º Congreso Confederal, CCOO, 2013

[5]  CCOO: un sindicato con las cuentas claras http://www.ccoo.es/comunes/recursos/1/1942243-CCOO__un_sindicato_con_las_cuentas_claras.pdf (Zugriff 11.05.2015)

[6] Memoria de Actividad, 10º Congreso Confederal, CCOO, 2013 http://www.ccoo.es/comunes/recursos/1/doc147783_Memoria_de_Actividad_al_10_Congreso_Confederal.pdf (Zugriff 11.05.2015)

[7] Nuestras cuentas: Información económica de la CEC, Unión General de Trabajadores, 2015 http://www.ugt.es/Publicaciones/UGT_NUESTRAS_CUENTAS_2015.pdf (Zugriff am 11.05.2015)

[8] CCOO: un sindicato con las cuentas claras http://www.ccoo.es/comunes/recursos/1/1942243-CCOO__un_sindicato_con_las_cuentas_claras.pdf (Zugriff am 11.05.2015)

[9] CCOO: Informe de Elecciones Sindicales, Madrid, CCOO, 2012

[10] Una breve panorámica de las elecciones sindicales 2011, con apuntes sobre su evolución desde 2003, by Pere Jódar, Ramón Alòs, Pere J. Beneyto and Óscar Molina, 2012 http://www.1mayo.ccoo.es/nova/files/1018/Portada201208.pdf (Accessed 11.05.15)

[11] ibid

[12] Resultados de las elecciones sindicales. 31-XII-2011, Departamento de Empleo y Asuntos Sociales.

[13] Sobre ELA http://www.ela.eus/es/sobre-ela (Zugriff am 11.05.15)

[14]Encuesta de Calidad de Vida en el Trabajo (2006-2010)   http://www.empleo.gob.es/estadisticas/ecvt/welcome.htm (Zugriff 12.05.2015)

L. Fulton (2015) Worker representation in Europe. Labour Research Department and ETUI. Produced with the assistance of the SEEurope Network, online publication available at http://www.worker-participation.eu/National-Industrial-Relations.