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Tarifverhandlungen

Weniger als ein Drittel (33 %) aller britischen Beschäftigten sind durch Tarifabkommen gedeckt. In der Privatwirtschaft liegt dieser Anteil nur bei knapp einem Sechstel und die wichtigste Verhandlungsebene ist hier das Unternehmen oder der Betrieb. Im öffentlichen Sektor, wo fast zwei Drittel der Beschäftigten von Tarifabkommen gedeckt sind, ist die Branchenebene für die Verhandlungen am wichtigsten.

 

 

Der Rahmen

 

 

Der Lohn und die Arbeitsbedingungen der meisten britischen Beschäftigten sind nicht das Ergebnis von Verhandlungen. Aus der Arbeitskräfteerhebung von 2012 geht hervor, dass lediglich 29,2 % der Arbeitnehmer durch Tarifverhandlungen gedeckt sind, wobei die Situation jedoch nicht in allen Wirtschaftszweigen gleich ist. Im öffentlichen Sektor sind 63,7 % der Beschäftigten von Tarifverhandlungen betroffen, in der Privatwirtschaft sind es lediglich 16,0 %.1

In der Privatwirtschaft finden Verhandlungen meist auf Unternehmens- oder Betriebsebene statt. In manchen Branchen finden auch auf Branchenebene noch Verhand­lungen statt, wie in Teilen der Textil- und der Möbelindustrie, doch gab es in den 1980er Jahren eine eindeutige Verlagerung der Verhandlungen auf die lokale Ebene, und zahlreiche Arbeitgeberverbände haben die Tarifverhandlungen abgebrochen oder sind nicht mehr daran beteiligt. In den meisten Fällen legen die Unternehmen ihre eigenen Bedingungen fest, entweder für das gesamte Unternehmen oder für einzelne Betriebe.

 

Branchenvereinbarungen sind im öffentlichen Sektor häufiger anzutreffen. Dennoch gibt es auch manche Arbeitgeber im öffentlichen Sektor, die auf der Ebene einer einzelnen Organisation verhandeln. So werden zum Beispiel im öffentlichen Dienst in unterschiedlichen Regierungsabteilungen verschiedene Löhne gezahlt. Außerdem werden für bestimmte Arbeitnehmer im öffentlichen Sektor, wie Lehrer, Beschäftigte bestimmter Bereiche des Gesundheitswesens und Gefängnispersonal, Gehaltserhöhungen durch sogenannte Lohnausschüsse und nicht durch Tarifverhandlungen festgelegt. Diese Lohnausschüsse sprechen Lohnempfehlungen an die Regierung aus, die normalerweise angenommen werden. Als diese Vereinbarungen Anfang 2010 ausliefen, verfügte die Regierung für viele Arbeitnehmer des öffentlichen Sektors einen zweijährigen Lohnstopp und anschließend eine Obergrenze von 1 % für Lohnerhöhungen. Erste Ergebnisse der WERS 2011 (einer groß angelegten Erhebung über Arbeitsbeziehungen, die im Zeitraum 2011-2012 durchgeführt wurde) zeigen, dass der Anteil der öffentlichen Betriebe, die an Verhandlungen mit mehreren Arbeitgebern teilnehmen, zwischen 2004 und 2011 von 58 % auf 44 % gefallen ist.2

Branchenvereinbarungen werden in keinem Fall als rechtlich bindend für die unterzeichnenden Parteien angesehen. Ein Arbeitgeber ist nicht an die Vereinbarung gebunden, die ein Arbeitgeberverband unterzeichnet hat, selbst wenn er Mitglied dieses Verbandes ist.

 

Häufig gibt es auch unterschiedliche Vereinbarungen für verschiedene Arbeitnehmergruppen, meist für Arbeiter und Angestellte. Dies gilt sowohl für Branchenvereinbarungen als auch für Vereinbarungen auf Unternehmensebene, obwohl die Zahl dieser getrennten Vereinbarungen abnimmt.

 

 

Die Arbeitgeber sind gesetzlich nicht zu Verhandlungen mit der Gewerkschaft verpflichtet, es sei denn die Gewerkschaften wurden in einer rechtlich bindenden Entscheidung für Verhandlungen “anerkannt” (s. Abschnitt über Vertretung auf betrieblicher Ebene). In diesem Fall hat die Gewerkschaft das Recht, über Lohn, Arbeitszeiten und Urlaub zu verhandeln. Das gibt es jedoch eher selten und meist entscheidet das Kräfteverhältnis zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeber im Betrieb darüber, ob es zu Verhandlungen kommt.

 

 

Auf nationaler Ebene hat der TUC seit Ende der 1970er Jahre, als es eine Reihe nationaler Vereinbarungen gab, keine Lohnverhandlungen mehr geführt. Es gibt auch keine Verhandlungstradition zwischen dem TUC und dem nationalen Arbeitgeberverband CBI zu anderen Themen. Allerdings haben sich beide Parteien im Jahr 2003 darüber geeinigt, wie die EU-Richtlinie über Unterrichtung und Anhörung umzusetzen ist (s. Abschnitt über Vertretung auf betrieblicher Ebene). 2008 haben TUC und CBI auch eine Vereinbarung zur Leiharbeit abgeschlossen, die die britische Regierung dazu veranlasste, ihre ablehnende Haltung gegenüber einer EU-Richtlinie in diesem Bereich aufzugeben. Solche Vereinbarungen sind jedoch die Ausnahme.

 

 

Wer verhandelt und wann?

 

 

Die Verhandlungen werden zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern geführt. Von Gewerkschaftsseite können hauptamtliche Gewerkschaftsfunktionäre, betriebliche Gewerkschaftsvertreter oder beide an den Verhandlungen teilnehmen. Die lokalen Gewerkschaftsvertreter sind heute wesentlich häufiger an Tarifverhandlungen beteiligt. Auf Arbeitgeberseite sind der einzelne Arbeitgeber oder, auf Branchenebene, der Arbeitgeberverband Verhandlungspartner.

 

 

Auf Gewerkschaftsseite sind häufig mehrere Gewerkschaften vertreten, die ihre Position in der Regel vorher abgesprochen haben. Wenn in der Vergangenheit nur eine Gewerkschaft alle Arbeitnehmer vertrat, lag dies meist daran, dass die Arbeitgeber dies verlangten. Heute liegt dies eher an den Fusionen der Gewerkschaften.

 

 

Es gibt keine festgelegte Laufzeit für Tarifvereinbarungen, in der Regel beträgt sie ein Jahr. Aus der Datenbank über Tarifverträge des Labour Research Department geht hervor, dass im März 2013 91 % der Vereinbarungen eine Laufzeit von 12 Monaten hatten, 4 % eine Laufzeit von 24 Monaten und 1 % von 36 Monaten. Die übrigen 4 % hatten andere Laufzeiten. Im Vergleich zu früher ist die Zahl der Vereinbarungen für längere Zeiträume gesunken, im März 2011 betrug der Anteil der Vereinbarungen mit 12-monatiger Laufzeit nur 61 %). In den Vereinbarungen mit Laufzeiten von über einem Jahr ist häufig eine Anpassung an den Preisindex enthalten. Der Stichtag für Beginn und Ende der Vereinbarungen liegt meist im Januar oder April.

 

Diese Zahlen stimmen mit den Ergebnissen der WERS 2011 überein, die alle Lohnregelungen und nicht nur Tarifabschlüsse erfasst. Demzufolge nehmen 91 % der privaten Betriebe und 83 % der öffentlichen Unternehmen mindestens einmal jährlich eine Lohnanpassung vor.3

Die Gewerkschaftsvertreter bemühen sich bei allen Verhandlungen, Abschlüsse zu Lohnfragen zu erzielen, und seltener auch über Verbesserungen in anderen Bereichen wie Urlaub, Krankengeld usw. zu verhandeln.

 

Gegenstand der Verhandlungen

 

 

In manchen Verhandlungen werden alle Aspekte der Lohn- und Arbeitsbedingungen angesprochen, doch meist beschränken sie sich auf wenige Bereiche, in der Regel Lohnfragen, wenn die Arbeitgeber sich weigern, auch andere Aspekte der Arbeitsbedingungen zu verhandeln. Insbesondere die für Angestellte abgeschlossenen Vereinbarungen räumen dem Arbeitgeber zunehmend die Möglichkeit ein, Gehaltserhöhungen für einzelne Mitarbeiter mit einer subjektiven Beurteilung ihrer Leistung zu verknüpfen. Darüber hinaus kann auch über andere Fragen, wie die Mittel und Freistellungszeiten für die Gewerkschaft, verhandelt werden.

 

 

In Großbritannien legt die Regierung auf Empfehlung der Low Pay Commission (Niedriglohn-Kommission), die sich aus Vertretern der Gewerkschaften, der Arbeitgeber und der Wissenschaft zusammensetzt, einen nationalen Mindestlohn fest.

L. Fulton (2013) Arbeitnehmervertretung in Europa. Labour Research Department und ETUI. Erstellt mit Unterstützung des SEEurope Netzwerks. Online-Publikation, verfügbar unter http://de.worker-participation.eu.