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Gewerkschaften

Derzeit sind etwas mehr als ein Viertel (26 %) der Arbeitnehmer in Großbritannien Mitglied einer Gewerkschaft, wobei der gewerkschaftliche Organisationsgrad im öffentlichen Sektor (56 %) wesentlich höher ist als in der Privatwirtschaft (14 %). In Großbritannien gibt es nur einen Gewerkschaftsdachverband, den TUC, und völlig unabhängige Einzelgewerkschaften. Rund 60 % aller britischen Gewerkschaftsmitglieder im TUC gehören den drei größten Gewerkschaften an, die durch Fusionen entstanden sind.

Nach Gewerkschaftsangaben gibt es in Großbritannien (offizielle Bezeichnung: Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Nordirland) 7.504.445 Gewerkschaftsmitglieder, die fast alle in einem Beschäftigungsverhältnis stehen.1 Laut der jährlichen amtlichen Arbeitskräfteerhebung, die nicht erwerbstätige Mitglieder unberücksichtigt lässt, waren es 2012 insgesamt 6.755.000, davon 6.455.000 Arbeitnehmer.2 (Bei den übrigen Gewerkschaftsmitgliedern handelt es sich wahrscheinlich um Selbständige). Dies entspricht 26 % aller Arbeitnehmer. In der ICTWSS Datenbank zur Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder wird für Großbritannien ein gewerkschaftlicher Organisationsgrad von 27,1 % angegeben (2010).3

Die große Mehrheit –5.977.178 – gehört einer der Mitgliedsgewerkschaften des TUC an, dem einzigen Gewerkschaftsbund in Großbritannien.4 Nordirland gehört jedoch nicht zu seinem Tätigkeitsbereich. Gewerkschaften, die sowohl in Britannien als auch in Nordirland tätig sind, gehören außerdem häufig, über den Nordirland-Ausschuss des ICTU, auch dem Dachverband irischer Gewerkschaften ICTU an (s. Abschnitt über Irland). Der ICTU hat in Nordirland insgesamt 218.514 Mitglieder.5

Die britischen Gewerkschaften sind unterschiedlich organisiert. Manche vertreten bestimmte Berufsgruppen, wie Lehrer oder Röntgenassistenten, andere – vor allem in Finanzsektor – organisieren die Mitarbeiter eines einzigen Unternehmens wie beispielsweise Aegis, die Gewerkschaft des Lebens- und Rentenversicherungskonzerns Aegon oder die Nationwide Group Staff Union der Nationwide Building Society. Die überwiegende Mehrheit der Gewerkschaftsmitglieder gehört heute jedoch einer der großen Gewerkschaften an, die durch Fusionen entstanden sind und Mitglieder in mehreren Wirtschaftszweigen haben. Branchengewerkschaften sind heute weniger üblich, auch wenn es noch die eine oder andere gibt, wie z.B. die Bauarbeitergewerkschaft UCATT.

 

Die größte britische Gewerkschaft ist Unite, die im Mai 2007 aus der Fusion der ehemals zweit- und drittgrößten Gewerkschaften Amicus und T&G hervorgegangen ist. Sie hat 1.407.399 Mitglieder (Januar 2012), die in fast allen Branchen tätig sind, einschließlich der Autoindustrie, der Druckindustrie, dem Finanzwesen, im Straßenverkehr und im Gesundheitswesen. Sie ist in der Privatwirtschaft stärker vertreten, hat aber mindestens 200.000 Mitglieder im öffentlichen Dienst.

 

 

UNISON, mit 1.317.500 Mitgliedern die zweitgrößte Gewerkschaft, organisiert in erster Linie die Beschäftigten im öffentlichen Dienst, wenngleich sie in Folge der Privatisie­rungen auch zahlreiche Mitglieder in privatwirtschaftlichen Unternehmen hat. Die dritt­größte Gewerkschaft ist die GMB mit 610.116 Mitgliedern. Wie Unite ist die GMB eine allgemeine Gewerkschaft mit Mitgliedern in verschiedenen Branchen, zumeist Arbeiter. Die GMB war ursprünglich an den Fusionsgesprächen, die zur Unite geführt haben, beteiligt, hat sich dann aber für die Unabhängigkeit entschieden und ist 2006 aus den Gesprächen ausgestiegen.

 

 

Diese drei Gewerkschaften stellen zusammen 56 % der Mitglieder des TUC, wobei die beiden größten allein schon 46 % der Mitglieder des Gewerkschaftsverbandes ausmachen.

 

 

Die nächste Gruppe der TUC-Mitglieder besteht aus kleineren und eher an spezifische Branchen oder Berufe gebundenen Gewerkschaften. Es sind die USDAW (412.441 Mitglieder), die in erster Linie Verkaufspersonal organisiert, aber auch Mitglieder aus anderen Bereichen hat;, zwei Lehrergewerkschaften, NUT (324.387 Mitglieder) und NASUWT (293.885 Mitglieder), PCS (280.547 Mitglieder), eine Gewerkschaft, deren Mitglieder bei der zentralen Regierung arbeiten, sowie die CWU (204.419 Mitglieder), die Beschäftigte der Post- und Telekommunikation vertritt, jedoch nicht die Führungskräfte.

 

 

In ihrer Entscheidungsfindung sind die Einzelgewerkschaften unabhängig, doch ist der TUC in der Vergangenheit als Hauptgesprächspartner der Regierung aufgetreten.

 

Lediglich zwei, nach Mitgliederzahlen große Gewerkschaften sind nicht dem TUC oder einem anderen Dachverband beigetreten: die RCN, die 415.019 Mitglieder unter den Krankenpflegern hat, und die BMA, eine Ärztegewerkschaft mit 144.428 Mitgliedern.6

Rund die Hälfte der TUC-Mitglieder gehören Gewerkschaften an, die Mitglied der Labour-Partei sind, obwohl der TUC selbst kein Parteimitglied ist. Die Ausnahme bilden hauptsächlich Gewerkschaften, die Berufsgruppen wie Lehrer und Bedienstete bei der zentralen Regierung organisieren. Die Gewerkschaften, die Parteimitglieder sind, nehmen an Kongressen und Abstimmungen der Partei teil und sind im Exekutivausschuss der Labour-Partei vertreten. Sie sind die wichtigste Einnahmequelle der Partei, ihr Beitrag beläuft sich auf 60 % der gesamten Einnahmen der Partei. Aufgrund geänderter Regeln haben die Gewerkschaften heute jedoch keinen so großen formalen Einfluss auf die Parteipolitik wie in der Vergangenheit.

 

In den 1980er und der ersten Hälfte der 1990er Jahre haben die Gewerkschaften viele Mitglieder verloren, vor allem aufgrund der veränderten Belegschaftsstrukturen. Seit 1998 ist der starke Mitgliederrückgang zum Stillstand gekommen, und seither ist der Anteil gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer langsamer gesunken oder – in manchen Jahren - sogar gestiegen. Laut Arbeitskräfteerhebung ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad zwischen 2001 und 2012 nur von 28,8 auf 26,0 % bzw. um 2,8 Prozentpunkte gefallen. Zwischen 2011 und 2012 stieg die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder von 6.396.000 auf 6.455.000 leicht an. Die Zuwächse in der Privatwirtschaft konnten dabei die Verluste im öffentlichen Sektor ausgleichen.

 

 

Bis vor kurzem war diese relative Stabilisierung insbesondere auf den Anstieg des Anteils der Beschäftigten im öffentlichen Sektor zurückzuführen, wo der gewerkschaftliche Organisationsgrad wesentlich höher ist. Die Zahlen der Arbeitskräfteerhebung (2012) weisen den gewerkschaftlichen Organisationsgrad im öffentlichen Sektor mit 56,3 % aus, gegenüber 14,4 % in der Privatwirtschaft. Angesichts der derzeitigen Kürzungen im öffentlichen Sektor wird sich dies jedoch in Zukunft ändern, es sei denn, das Wachstum in der Privatwirtschaft im Jahr 2012 würde sich in den kommenden Jahren fortsetzen.

 

 

Die Tatsache, dass mehr Frauen im öffentlichen Sektor arbeiten als Männer erklärt zu einem großen Teil, warum der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder bei Frauen höher ist als bei Männern– 28,7 % gegenüber 23,4 %. Es besteht also ein Gefälle von mehr als fünf Prozentpunkten, obwohl der Organisationsgrad der Männer in der Privatwirtschaft mit 15,9 % höher ist als bei Frauen (12,4 %) und im öffentlichen Sektor nur ein kleiner Unterschied besteht (hier gehören 56,5 % der Frauen und 55,9 % der Männer einer Gewerkschaft an).

L. Fulton (2013) Arbeitnehmervertretung in Europa. Labour Research Department und ETUI. Erstellt mit Unterstützung des SEEurope Netzwerks. Online-Publikation, verfügbar unter http://de.worker-participation.eu.