Home / Nationale Arbeitsbeziehungen / Länder / Belgien / Gewerkschaften

Gewerkschaften

In Belgien verteilen sich die Gewerkschaften auf mehrere Gewerkschaftsbünde, die miteinander im Wettbewerb stehen und sich auf klare politische Traditionen berufen. Die zwei größten Gewerkschaftsbünde, der CSC/ACV und der FGTB/ABVV, sind jeweils der christlichen und sozialdemokratischen Bewegung zuzuordnen, während der kleinere CGSLB/ACLVB den Liberalen verbunden ist. Nichtsdestotrotz sind die Gewerkschaften in der Lage zusammenzuarbeiten. Rund die Hälfte der Beschäftigten in Belgien ist gewerkschaftlich organisiert, und die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder steigt.

Der Rahmen

 

Das System der Tarifverhandlungen in Belgien ist in hohem Maße strukturiert, wobei die oberste, zentrale Ebene die gesamte Privatwirtschaft abdeckt, die untergeordnete Branchenebene einzelne Sektoren erfasst und auf der untersten Ebene Verhandlungen in den Betrieben geführt werden. Letztere erstrecken sich nur in einigen Unternehmen auf Löhne und Gehälter. In jedem Fall darf die untergeordnete Ebene nur Verbesserungen im Vergleich zu dem vereinbaren, was auf übergeordneter Ebene ausgehandelt wurde, und alle Vereinbarungen sind verbindlich.

 

Durch diese Struktur der Tarifverhandlungen ist ein hoher Anteil der Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft tarifvertraglich abgesichert. Eurofound schätzt die tarifvertragliche Deckungsrate in Belgien auf 96 [1]%.

 

Im öffentlichen Sektor führen die Verhandlungen oder Konsultationen mit den Gewerkschaften zum Abschluss so genannter „Protokolle“, die zwar im Gegensatz zu den Tarifverträgen im privaten Sektor nicht rechtsverbindlich sind, aber eine moralisch und politisch bindende Wirkung haben.[2]

 

Der Staat spielt potenziell eine wichtige Rolle bei Tarifverhandlungen. Nach einem Gesetz von 1996 dürfen Erhöhungen der Löhne und Gehälter in Belgien nicht über den vorhergesehenen Lohnsteigerungen in den Nachbarländern Belgiens, nämlich Frankreich, Deutschland und den Niederlanden, liegen. Dies soll die Wettbewerbsfähigkeit des Landes sicherstellen. Die Verhandlungen auf nationaler Ebene finden auf der Grundlage eines offiziellen Fachberichtes statt, der diese Vorausschau vornimmt. Die Regierung hat die Befugnis zu intervenieren, falls sich beide Seiten nicht auf eine Lohnerhöhung innerhalb dieser Grenze einigen können.

 

In den letzten Jahren wurde der Spielraum für Lohnverhandlungen auf der nationalen Ebene immer enger. Ein Vereinbarungsentwurf für den Zeitraum 2011 bis 2012 wurde von zwei der drei Gewerkschaftsbünde abgelehnt, sodass die Regierung die Bedingungen des ursprünglichen Entwurfs durchgesetzt hat. Für 2013 bis 2014 gab es überhaupt keine Vereinbarung. Die Führung des FGTB/ABVV sagte, die Absicht der Regierung, Lohnerhöhungen auf die automatische Anpassung an die Inflation zu begrenzen (s. unten), mache eine Vereinbarung unmöglich.

[1] Belgium Industrial relations profile, Eurofound, 2014 by Caroline Vermandere and Guy Van Gyes  http://www.eurofound.europa.eu/observatories/eurwork/comparative-information/national-contributions/belgium/belgium-industrial-relations-profile (Aufgerufen am 16.04.2015)

[2] Siehe: Sem Vanderkerckhove und Guy van Gyes: Collectively agreed wages in Belgium: indicators and trends, HIVA-KU Leuven 2012. http://hiva.kuleuven.be/resources/docs/vorming/20121129_CAWIEpaper_Belgium.pdf (Aufgerufen am 16.04.2015)

L. Fulton (2015) Worker representation in Europe. Labour Research Department and ETUI. Produced with the assistance of the SEEurope Network, online publication available at http://www.worker-participation.eu/National-Industrial-Relations.