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Gewerkschaften

In Belgien verteilen sich die Gewerkschaften auf mehrere Gewerkschaftsbünde, die miteinander im Wettbewerb stehen und sich auf klare politische Traditionen berufen. Die zwei größten Gewerkschaftsbünde, der CSC/ACV und der FGTB/ABVV, sind jeweils der christlichen und sozialdemokratischen Bewegung zuzuordnen, während der kleinere CGSLB/ACLVB den Liberalen verbunden ist. Nichtsdestotrotz sind die Gewerkschaften in der Lage zusammenzuarbeiten. Rund die Hälfte der Beschäftigten in Belgien ist gewerkschaftlich organisiert, und die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder steigt.

Eigenen Angaben der Gewerkschaften zufolge gibt es in Belgien 3,5 Millionen Gewerkschaftsmitglieder, was allerdings etwas zu hoch angesetzt sein dürfte. In einer neueren Studie zur Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder wird davon ausgegangen, dass die tatsächliche Zahl der Gewerkschaftsmitglieder eher bei 3,2 Millionen liegt. 1 Hinzu kommt, dass viele Arbeitslose gewerkschaftlich organisiert sind (da das Arbeitslosengeld in der Regel von den Gewerkschaften ausbezahlt wird) und viele Gewerkschaftsmitglieder auch im Ruhestand in der Gewerkschaft bleiben. Aus derselben Studie geht hervor, dass im Zeitraum 2001-2010 durchschnittlich 31,1 % der Mitglieder der größten Gewerkschaftsbünde nicht erwerbstätig waren. Angesichts dieser Faktoren beträgt die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder weniger als 3,5 Millionen. In der ICTWSS Datenbank zur Zahl der Gewerkschaftsmitglieder wird für Belgien ein gewerkschaftlicher Organisationsgrad von 50,4 % angegeben (Stand: 2011).2

Es gibt zwei große Gewerkschaftsbünde in Belgien, den christlich-sozial orientierten CSC/ACV mit 1.661.800 Mitgliedern (2012) und den sozialistischen FGTB/ABVV mit 1.503.700 Mitgliedern (2010). Daneben besteht der kleinere liberale Verband CGSLB/ACLVB, dem 289.700 Mitglieder angehören (2012). Alle letztgenannten Zahlen stammen von den Gewerkschaften selbst. In der Studie zur Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder werden etwas geringere Zahlen genannt: 1.607.000 für den CSC/ACV, 1.324.000 für den FGTB/ABVV und 274.300 für den CGSLB/ACLVB. Infolge ihrer breiten Unterstützung genießen diese drei Gewerkschaftsbünde einen Status als so genannte "repräsentative" Gewerkschaften. (Im Dezember 2009 sind neue gesetzliche Bestimmungen in Kraft getreten, die klar definieren, wie die „repräsentativsten“ Gewerkschaften zu bestimmen sind.) Dieser Status erlaubt ihnen, Vereinbarungen zu unterzeichnen und Kandidaten für Betriebsratswahlen zu stellen. Darüber hinaus gibt es eine Gewerkschaft der Führungskräfte CNC/NCK mit knapp 20.000 Mitgliedern, die in begrenztem Umfang berechtigt ist, die Interessen dieser Arbeitnehmergruppe wahrzunehmen.

 

Ein Indikator für die Unterstützung, die die jeweiligen Gewerkschaften genießen, ist die Anzahl der Sitze, die sie in den vierjährlichen Betriebsratswahlen gewinnen. Im Jahr 2012 gewann der CSC/ACV 56,1 % der Sitze (51,7 % der Stimmen), der FGTB/ABVV 34,3 % der Sitze (35,6 % der Stimmen), der CGSLB/ACLVB 7,9 % der Sitze (11,2 % der Stimmen) und die CNC/NCK 1,0 % der Sitze (1,0 % der Stimmen).3 Betriebsräte müssen nur in Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten eingerichtet werden. Die Ergebnisse bei den Wahlen für Ausschüsse für Gefahrenverhütung und Schutz am Arbeitsplatz, die in allen Betrieben mit mehr als 50 Beschäftigten eingerichtet werden müssen, sind ähnlich, mit etwas mehr Stimmen für den CSC/ACV.

 

 

Ein besonderes Merkmal der industriellen Beziehungen in Belgien ist die Teilung in eine frankophone und eine flämisch- bzw. niederländischsprachige Gemeinschaft und in Regionen, die sich auf alle Aspekte der belgischen Gesellschaft auswirkt. Das Arbeitsrecht wird nach wie vor auf nationaler Ebene entschieden, doch die Spaltung zwischen den Gemeinschaften hat Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen den Gewerkschaften. Eine weitere Folge ist, dass sämtliche Gremien und Organisationen, die sich mit industriellen Beziehungen befassen, sowohl einen französischen als auch einen flämischen Namen bzw. Abkürzungen haben.

 

 

Die Unterstützung für die beiden wichtigsten Gewerkschaftsbünde ebenso wie ihre Mitgliederschaft sind nicht gleichmäßig über das Land verteilt. Traditionell genießt der CSC/ACV seine stärkste Unterstützung im flämisch sprechenden Norden, während der FGTB/ABVV den stärksten Zulauf im frankophonen Süden hat. Trotzdem haben die 2008 abgehaltenen Wahlen für Betriebsräte und Ausschüsse für Gefahrenverhütung und Schutz am Arbeitsplatz wieder bestätigt, dass der CSC/ACV in allen drei Regionen Belgiens, d.h. in Flandern im Norden, in Wallonien im Süden sowie in der Hauptstadt Brüssel, in beiden Gremien mehr Stimmen erlangt und somit und mehr Sitze hat als der FGTB/ABVV.

 

 

Die beiden wichtigsten Gewerkschaftsbünde umfassen jeweils mehrere Einzelgewerkschaften. Die Arbeiter des Privatsektors sind weitgehend in Branchengewerkschaften organisiert, so gibt es Gewerkschaften für die Arbeiter der Metallindustrie, der Lebensmittelindustrie usw. Angestellte und Arbeitnehmer im privaten Dienstleistungssektor sind in beiden Gewerkschaftsbünden in getrennten Gewerkschaften organisiert. Ferner gehört beiden Gewerkschaftsbünden eine Gewerkschaft für Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst an. Manche Mitgliedsgewerkschaften des CSC/ACV vertreten lediglich Arbeitnehmer einer bestimmten Sprachgemeinschaft. So organisiert die dem CSC/ACV angeschlossene Gewerkschaft LBC-NVK die flämischen Angestellten und Arbeitnehmer des Dienstleistungssektors (315.000 Mitglieder), während die Gewerkschaft CNE, die ebenfalls dem CSC/ACV angeschlossen ist, die gleichen Kategorien von Arbeitnehmern organisiert, aber auf französischsprachiger Seite (160.000 Mitglieder). Der liberale Gewerkschaftsbund CGSLB/ACLVB umfasst keine sektoralen Einzelgewerkschaften. Im Lauf von 2013 soll die rechtliche Unterscheidung zwischen Arbeitern und Angestellten aufgehoben werden, und dies könnte sich auf die Gewerkschaftsstrukturen auswirken.

 

 

Die Struktur des CSC/ACV ist zentralisierter als die des FGTB/ABVV, dessen Mitgliedsgewerkschaften erheblich mehr Autonomie genießen. So hat der CSC/AV beispielsweise einen zentralen Streikfonds, während jede FGTB/ABVV-Gewerkschaft über einen eigenen Streikfonds verfügt.

 

 

Die beiden Hauptgewerkschaftsbünde haben sehr verschiedene traditionelle Ursprünge und nach wie vor unterschiedliche politische Bindungen. Der FGTB/ABVV unterhält Verbindungen zur sozialistischen Partei. Der CSC/ACV gehört der christlichen Arbeiterbewegung an, die auch gemeinnützige Vereine sowie Jugend- und Frauengruppen umfasst, und die im flämischen Norden – aber nicht im frankophonen Süden – zu dem Schluss gekommen ist, dass ihre politischen Interessen am besten durch die Christliche Volkspartei (CVP) vertreten werden. Trotz ihrer unterschiedlichen politischen Bindungen arbeiten beide Gewerkschaftsbünde häufig mit großem Erfolg zusammen.

 

 

Die Gewerkschaften haben die Zahl ihrer Mitglieder in den vergangenen Jahren steigern können. Zwischen 2001 und 2010 ist die Gesamtzahl der Gewerkschaftsmitglieder um 13 % gestiegen4 und der Gesamtanteil der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer in Belgien ist stabil geblieben. Nicht nur bieten die Gewerkschaften ihren Mitgliedern die Auszahlung der Arbeitslosenunterstützung und Rechtsberatung an, sondern in vielen Branchen zahlen sie ihren Mitgliedern auch einen von Arbeitgeberseite finanzierten Jahresbonus, der über die Hälfte der jährlichen Mitgliedsbeiträge der Gewerkschaften ausmachen kann.

L. Fulton (2013) Arbeitnehmervertretung in Europa. Labour Research Department und ETUI. Erstellt mit Unterstützung des SEEurope Netzwerks. Online-Publikation, verfügbar unter http://de.worker-participation.eu.