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Gewerkschaften

In Deutschland sind rund ein Fünftel der Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert, und der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist seit Beginn der 90er Jahre drastisch gesunken, teilweise auf Grund des Zusammenbruchs der Beschäftigung in der verarbeitenden Industrie in Ostdeutschland nach der Vereinigung. Die überwiegende Mehrheit der Gewerkschafter gehört dem größten Gewerkschaftsbund DGB an, aber die einzelnen Mitgliedsgewerkschaften des DGB wie die IG Metall und Verdi verfügen über eine erhebliche Autonomie und einen großen Einfluss.

 

 

In Deutschland gibt es rund 7,4 Millionen Gewerkschaftsmitglieder. Viele von ihnen – 20% - sind jedoch im Ruhestand, und ihr Anteil nimmt weiter zu. In der ICTWSS Datenbank zur Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder wird der gewerkschaftliche Organisationsgrad in Deutschland 2011 mit 18,0 % angegeben.1

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat den Anspruch, alle Arten von Arbeitnehmern zu organisieren. Er ist mit insgesamt 6,15 Millionen Mitgliedern (Stand: 2012) mit Abstand der größte Gewerkschaftsbund in Deutschland.

 

Im öffentlichen Dienst und in ehemals öffentlichen Sektoren stehen die DGB-Gewerkschaften im Wettbewerb mit dem Deutschen Beamtenbund (dbb), der nicht dem DGB angehört und 1,26 Millionen Mitglieder zählt (Angaben: dbb-Website 2013). Ferner bestehen einige Berufsgewerkschaften mit einer beträchtlichen Anzahl von Mitgliedern, die ebenfalls nicht dem DGB angeschlossen sind, etwa die Ärztegewerkschaft Marburger Bund und der Pilotenverband Cockpit. Neben dem DGB gibt es den kleineren Christlichen Gewerkschaftsbund (CGB) mit mehr als 280.000 Mitgliedern (2011).

 

 

Ursprünglich waren die DGB-Gewerkschaften nach Branchen organisiert: So gab es Gewerkschaften für die Beschäftigten der Metallindustrie, der chemischen Industrie, des öffentlichen Dienstes, des Finanzsektors, des Einzelhandels und so weiter. Diese Struktur hat sich auch nach der Gründung des DGB 1949 noch viele Jahre gehalten. Seit dem Beginn der 90er Jahre ist es allerdings zu einigen größeren Zusammenschlüssen gekommen, die die Situation innerhalb des DGB grundlegend verändert haben.

 

 

Die beiden größten DGB-Mitgliedsgewerkschaften – IG Metall und Verdi – haben eine vergleichbare Mitgliederzahl, wobei die IG Metall nun mit 2.263.700 Mitgliedern (Ende 2012) wieder an der Spitze steht. Die meisten ihrer Mitglieder sind zwar nach wie vor in der Metallindustrie beschäftigt, aber seit den Fusionen mit der Gewerkschaft Textil und Bekleidung (1997) und mit der Gewerkschaft Holz und Kunststoff (1999) hat sich der Mitgliederkreis der IG Metall erweitert. Darüber hinaus vertritt die IG Metall auch Beschäftigte des Informations- und Kommunikationssektors.

 

 

Verdi ist 2001 aus dem Zusammenschluss von fünf Gewerkschaften in folgenden Bereichen entstanden: Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr; Handel, Banken und Versicherungen; Post und Telekommunikation; Druck und Medien sowie die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG), die durch diese Fusion in den DGB integriert wurde. Verdi war eine Zeitlang die größte Mitgliedsgewerkschaft des DGB, aber hat einige Mitgliederverluste hinnehmen müssen und steht nun mit 2.061.200 Mitgliedern (Ende 2012) an zweiter Stelle. Verdi organisiert Arbeitnehmer der Dienstleistungsbranchen im privaten wie im öffentlichen Sektor.

 

 

Die drittgrößte Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie und Energie (IG BCE), die 1997 durch die Fusion von drei Gewerkschaften entstanden ist, zählt 669.000 Mitglieder.

 

 

Diese Einzelgewerkschaften sind äußerst mächtig und verfügen sicherlich über mehr Mittel als der DGB selbst, dessen einzige Mitglieder, streng genommen, nur die ihm angeschlossenen Gewerkschaften sind. Die Macht der Einzelgewerkschaften ist durch die Fusionen noch verstärkt worden - die drei größten von ihnen machen zusammen 81% der Gesamtmitgliederzahl des DGB aus.

 

 

Der dbb umfasst 42 Einzelgewerkschaften, die jeweils die Beschäftigten in einem bestimmten Bereich des öffentlichen Dienstes oder ehemals staatlicher Dienstleistungssektoren organisieren, z. B. Lehrer an beruflichen Schulen oder Bundesgrenzschutzbeamte. Viele dbb-Mitglieder haben den Status von Beamten, denen gesetzlich untersagt ist, Arbeitskampfmaßnahmen zu ergreifen, und deren Bezüge und Arbeitsbedingungen nicht verhandelt werden. Rund ein Drittel der dbb-Mitglieder sind Angestellte, deren tarifpolitische Interessen durch die dbb tarifunion vertreten werden. Eine der mächtigsten dbb-Gewerkschaften, die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), war 2007 in einen langen Tarifstreit verwickelt. Ende 2010 fusionierte die GDBA, die andere dbb-Gewerkschaft im Eisenbahnsektor, mit der DGB-Gewerkschaft Transet. Damit haben sich zum ersten Mal zwei Gewerkschaften zusammengeschlossen, die verschiedenen Dachverbänden angehörten. Die neue Gewerkschaft EVG mit 213.600 Mitgliedern ist dem DGB beigetreten.

 

 

Der DGB vertritt offiziell keine bestimmte politische Richtung. Mindestens ein Mitglied seines Bundesvorstands ist Mitglied der CDU, und es gibt auch einige CDU-Mitglieder, die in den Einzelgewerkschaften führende Positionen innehaben. Insgesamt stehen die Gewerkschaften und die meisten Gewerkschaftsfunktionäre des DGB jedoch traditionell der sozialdemokratischen SPD nahe. Einige wichtige DGB-Persönlichkeiten unterstützen die Grünen, und Gewerkschafter der mittleren Funktionärsschicht haben an der Gründung der Linkspartei mitgewirkt.

 

 

Die Gesamtzahl der Gewerkschaftsmitglieder ist seit der Deutschen Wiedervereinigung stark gesunken. Am härtesten traf es den DGB, der seit seiner Rekordzahl im Jahr 1991 fast die Hälfte (48 %) seiner Mitglieder verloren hat – trotz der Gründung von Verdi, durch die 460.000 DAG-Mitglieder in den DGB integriert wurden. Die Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder in der ehemaligen DDR, die ursprünglich sehr hoch war, ist mit der sinkenden Beschäftigung steil gefallen. In den letzten Jahren war eine gewisse Stabilisierung zu beobachten: Zwischen 2010 und 2012 ist die Gesamtzahl der Gewerkschaftsmitglieder nur noch um 0,7 % gesunken und vier Gewerkschaften, darunter die größte deutsche Gewerkschaft IG Metall, verzeichneten sogar einen leichten Mitgliederzuwachs. Am höchsten ist der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder unter den Arbeitern der verarbeitenden Industrie und den Beschäftigten des öffentlichen Dienstes, in privaten Dienstleistungssektoren ist er wesentlich geringer.

 

 

L. Fulton (2013) Arbeitnehmervertretung in Europa. Labour Research Department und ETUI. Erstellt mit Unterstützung des SEEurope Netzwerks. Online-Publikation, verfügbar unter http://de.worker-participation.eu.