Home / Nationale Arbeitsbeziehungen / Länder / Griechenland / Gewerkschaften

Gewerkschaften

Der gewerkschaftliche Organisationsgrad in Griechenland beträgt zwischen einem Viertel und einem Fünftel der Beschäftigen, aber zwischen öffentlichem und privatem Sektor bestehen große Unterschiede. Im öffentlichen und staatlichen Sektor ist die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder hoch, in der Privatwirtschaft hingegen gering. Es gibt zwei große Gewerkschaftsbünde – ADEDY für die Staatsbediensteten und GSEE für alle anderen Bereiche. Die Gewerkschaftsstrukturen unterhalb der Ebene der Dachverbände sind zersplittert.

Über die Gewerkschaftsmitglieder in Griechenland liegen unterschiedliche Zahlen vor. Angaben der Gewerkschaften zufolge beträgt die Zahl der wahlberechtigten Mitglieder circa 800.000. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass einige Gewerkschaftsmitglieder nicht erwerbstätig sind, könnte davon ausgegangen werden, dass rund 22 % aller Arbeitnehmer einer Gewerkschaft angehören. Ein Bericht des größten Gewerkschaftsbundes GSEE, der 2001 auf der Grundlage einer Umfrage veröffentlicht wurde, ergab einen gewerkschaftlichen Organisationsgrad von rund 30 %. Dagegen wird in der ICTWSS Datenbank zur Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder für Griechenland ein gewerkschaftlicher Organisationsgrad von 25,4 % angegeben (Stand 2011).1

In Griechenland gibt es zwei große Gewerkschaftsbünde: Der GSEE organisiert Arbeitnehmer im privatwirtschaftlichen Sektor und in staatlich kontrollierten Sektoren, wie Banken, Verkehr und Strom- und Wasserversorgung. Der Gewerkschaftsbund ADEDY umfasst ausschließlich Beamte sowie Lehrer und Angestellte der Ministerien und Kommunalbehörden.

Der GSEE zählte bei seinem Kongress im Jahr 2007 472.000 wahlberechtigte Mitglieder. Der ADEDY seinerseits gibt an, circa 311.000 Mitglieder zu haben.2

In der Vergangenheit hatten die beiden Gewerkschaftsbünde erklärt, zusammenarbeiten zu wollen, um letztendlich eine Fusion der beiden Bünde herbeizuführen. Mittlerweile werden zwar einige Einrichtungen wie u. a. das Forschungsinstitut INE GSEE-ADEDY gemeinsam verwaltet, aber in der letzten Zeit wurden nur wenige Fortschritte auf dem Weg zu einem Zusammenschluss erzielt.

 

Die griechische Gesetzgebung sieht drei Ebenen der gewerkschaftlichen Organisation vor. Die unterste Ebene bilden die Basisgewerkschaften, deren Zahl im Jahr 2007 bei 3.400 lag.3 Ihre Autonomie ist gesetzlich verankert und ihre Tätigkeiten sind gesetzlich geregelt. Früher waren die Basisgewerkschaften überwiegend nach Berufen organisiert und beschränkten sich auf ein kleines geografisches Gebiet. Heute handelt es sich bei vielen von ihnen um Betriebsgewerkschaften, die zum Teil zu größeren, nationalen oder regionalen Gewerkschaftsorganisationen gehören. Dadurch kann es in einem Betrieb theoretisch mehrere Gewerkschaften geben, aber in der Praxis ist dies weniger weit verbreitet als früher.

 

 

Die zweite Ebene bilden die Gewerkschaften, die entweder nach Branchen oder Berufen oder auf regionaler Ebene (so genannte Arbeitnehmerzentren) organisiert sind. Die Basisgewerkschaften entscheiden selbst, welcher Branchen- oder Regionalorganisation sie beitreten möchten, und innerhalb des GSEE ist dies maßgebend dafür, über welchen Weg die Basisgewerkschaften ihre Delegierten in den nationalen Kongress entsenden, entweder über die Branchen-/Berufsverbände oder über die regionalen Arbeitnehmerzentren.

Die dritte Ebene schließlich umfasst die Gewerkschaftsbünde wie den GSEE, die sich aus Organisationen der zweiten Ebene zusammensetzen. Der GSEE umfasst etwa 150 Organisationen der zweiten Ebene – 75 Branchen- und Berufsverbände und 70 regionale „Arbeitnehmerzentren“. Der ADEDY ist hauptsächlich nach Ministerien organisiert und umfasst 52 Verbände.4

Die Gewerkschaftsstrukturen in Griechenland sind äußerst zersplittert. Die Gewerkschaftsbünde haben sich zwar bemüht, das Problem der Zersplitterung zu lösen und in diesem Zusammenhang die Zusammenarbeit zwischen den Branchenverbänden gefördert, aber bislang wurden dabei nur langsam Fortschritte erzielt.

 

Dies liegt möglicherweise daran, dass finanzielle Schwierigkeiten, die die Gewerkschaften in anderen Ländern zu Fusionen gezwungen haben, in Griechenland weniger zum Tragen kommen. Die griechischen Gewerkschaften auf der zweiten und dritten Organisationsebene beziehen ihr Einkommen nicht nur aus direkten Mitgliedsbeiträgen, sondern erhalten erhebliche Beiträge aus einem staatlichen Fonds, in den alle – Gewerkschaftsmitglieder wie nicht organisierte Arbeitnehmer – einzahlen müssen. Mit diesen Mitteln werden Ausstattung, Gehälter und bestimmte Gemeinkosten wie Porto und Telefon finanziert. Seit der Krise ist diese Einkommensquelle jedoch bedroht. Im November 2012 wurden die Beiträge zu dem Fonds um die Hälfte reduziert und die OEE, die Einrichtung, die unter anderem für die Mittelüberweisung an die Gewerkschaften zuständig war, wurde abgeschafft. Es ist noch unklar, wie die Gewerkschaften in Zukunft finanziert werden.

 

 

In Griechenland besteht traditionell eine enge Verflechtung zwischen Gewerkschaftsbewegung und Politik, und die großen Parteien sind direkt durch politische Fraktionen in den Gewerkschaftsstrukturen repräsentiert. Der Exekutivausschuss des GSEE umfasst 45 Mitglieder, die vom Kongress auf der Grundlage politischer Blöcke gewählt werden. Der im März 2010 gewählte Exekutivausschuss zählte 22 Mitglieder aus dem Lager der sozialdemokratischen Partei PASOK, 11 Mitglieder aus der Gruppe der konservativen Partei Neue Demokratie, 9 Mitglieder standen der kommunistischen Partei nahe, und drei gehörten einer autonomen Gruppierung an, die die Linie der linken Partei SYRIZA vertrat. Diese Blöcke waren in der Vergangenheit auch auf der Führungsebene des GSEE vertreten: Der Präsident stammte aus der PASOK-Gruppe, der Sekretär gehörte der Gruppe der Partei Neue Demokratie an. Durch die Krise haben sich die politischen Ausrichtungen und Bindungen jedoch geändert.

 

 

Wie sich die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften im Einzelnen entwickeln, lässt sich nur schwer feststellen, da es an präzisen Angaben fehlt. Die langfristigen Tendenzen sind jedoch klar und zeigen, dass zwischen öffentlichem und privatem Sektor ein Unterschied besteht. Während der gewerkschaftliche Organisationsgrad in der Privatwirtschaft im Vergleich zur Mitte der 80er Jahre heute weniger als die Hälfte beträgt, ist er im Staatsdienst in den letzten 20 Jahren um 50 % gestiegen. Insgesamt gesehen ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad um ein Drittel gesunken. Dies hat zur Folge, dass der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder in den einzelnen Wirtschaftszweigen heute sehr unterschiedlich ist. Der Organisationsgrad ist hoch im öffentlichen Sektor, in staatlich kontrollierten oder kürzlich privatisierten Wirtschaftsbereichen, etwa bei der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft DEH oder bei der nationalen Telekommunikationsgesellschaft OTE (die durch den Verkauf eines großen Aktienpakets an die Deutsche Telekom privatisiert wurde), aber niedrig in der Privatwirtschaft, die überwiegend aus Kleinstunternehmen besteht. 5

L. Fulton (2013) Arbeitnehmervertretung in Europa. Labour Research Department und ETUI. Erstellt mit Unterstützung des SEEurope Netzwerks. Online-Publikation, verfügbar unter http://de.worker-participation.eu.