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Gewerkschaften

In Italien gibt es mehr Gewerkschafter als in allen anderen Ländern der EU. Da jedoch die Hälfte davon Rentner sind, ergibt sich ein gewerkschaftlicher Organisationsgrad von rund einem Drittel. Es gibt drei große Gewerkschaftsbünde, CGIL, CISL und UIL, die sich ursprünglich nach ihren politischen Zielsetzungen voneinander unterschieden, aber diese Abgrenzung ist heute weniger deutlich.

 

 

Die italienischen Gewerkschaften umfassen mehr als 12, vielleicht sogar 15 Millionen Mitglieder. Allerdings bestehen diese zum großen Teil aus Rentnern (49 %, d.h. fast die Hälfte der Mitglieder der drei größten Gewerkschaftsbünde). Unter Berücksichtigung dieser Tatsache wird in ICTWSS Datenbank zur Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder für Italien ein gewerkschaftlicher Organisationsgrad von 35,2 % angegeben (Stand 2011).1

In Italien gibt es drei große Gewerkschaftsbünde sowie eine Reihe anderer Gewerkschaftsverbände: Der größte Bund CGIL zählt 5.712.642 Mitglieder, aber davon sind nur 2.716.519 erwerbstätig. Der zweitgrößte Dachverband CISL umfasst 4.442.750 Mitglieder, von denen 2.328.030 noch aktiv sind, und der drittgrößte Gewerkschaftsbund UIL hat eine Mitgliederzahl von 2.206.181, darunter 1.342.876 Erwerbstätige (alle Angaben geben den Stand 2012 wieder).2

In der Vergangenheit waren diese drei Gewerkschaftsbünde politisch klar zuzuordnen. Während die CGIL der kommunistischen Partei nahe stand, wurde die CISL von katholischen Gewerkschaftern gegründet, die auch in der christdemokratischen Partei aktiv waren, die UIL hingegen war mit der sozialistischen Partei verbunden. Da sich die politische Struktur gewandelt hat – keine dieser Parteien existiert noch in ihrer ursprünglichen Form – und es auch innerhalb der Gewerkschaftsbünde Veränderungen gegeben hat, trifft diese politische Zuordnung nun nicht mehr zu.

 

Offensichtlich aber hat sich die CGIL sowohl gegenüber der rechten Regierung unter Silvio Berlusconi als auch der technokratischen Regierung unter Mario Monti und den Arbeitgebern generell kämpferischer gezeigt als die anderen beiden Gewerkschaftsbünde. So haben die drei Dachverbände zuletzt unterschiedliche Positionen vertreten, als es um Änderungen des Tarifverhandlungssystems ging. Im Januar 2009 einigten die CISL und der UIL mit der Regierung und den Arbeitgebern auf einen neuen Rahmen für Tarifverhandlungen, aber die CGIL weigerte sich, das Abkommen zu unterzeichnen (siehe unten). Seitdem sind die Beziehungen zwischen der CGIL und den anderen Gewerkschaftsbünden schwierig, auch wenn sie in einigen Bereichen den gleichen Standpunkt vertreten.

 

 

Diese Schwankungen in den Beziehungen zwischen den drei wichtigsten Gewerkschaftsbünden sind nicht neu. Jahrzehntelang haben sich Phasen enger Zusammenarbeit abgewechselt mit Zeiten, in denen sie sich kühl oder sogar feindlich gegenüber standen.

 

 

Heute sind die Beziehungen zwischen den drei traditionellen Gewerkschaftsbünden durch deutliche Meinungsunterschiede und Konkurrenz geprägt, und eine einheitliche Organisationsstruktur, die in den 70er Jahren ein klares Ziel darstellte, scheint nun in weite Ferne gerückt zu sein.

 

 

 

Neben diesen dominierenden Gewerkschaftsbünden gibt es noch andere Dachverbände: Der größte von ihnen ist die UGL, früher „CISNAL“. Die UGL hat zusammen mit den drei großen Gewerkschaftsbünden eine Reihe von nationalen Vereinbarungen unterzeichnet und zählt eigenen Angaben zufolge 1,9 Millionen Mitglieder, diese Zahl wird jedoch von anderen kleineren Dachverbänden angefochten.3 Die UGL steht der “Freiheitspartei” von Berlusconi nahe. Eine weitere Gewerkschaftsgruppe mit Verbindungen zum rechten politischen Spektrum ist Sindacato Padano (Sin.Pa), die der Lega Nord nahe steht. Sie ist in den 90er Jahren entstanden, aber es liegen keine Angaben über die Zahl ihrer Mitglieder vor.

 

 

Daneben gibt es andere Gewerkschaftsverbände wie CISAL, der nach eigenen Angaben auf seiner Website 1,7 Millionen Mitglieder in “autonomen Gewerkschaften” vor allem im öffentlichen Dienst und im Finanzsektor organisiert,4 und CONFSAL, ebenfalls ein Verband autonomer Gewerkschaften, der 2010 eine Mitgliederzahl von 1,8 Millionen angab.5 Außerdem gibt es einige Gewerkschaften, die Arbeitnehmer in bestimmten Sektoren oder Berufen vertreten und keinem Dachverband angeschlossen sind. Dazu gehören beispielsweise FABI im Banksektor, die eigenen Angaben zufolge100.000 Mitglieder hat6 sowie die Gewerkschaften für Führungskräfte wie CIDA und Unionquadri. Weiter sind die "cobas" zu nennen, das heißt Basis-Gewerkschaften in bestimmten Bereichen wie Eisenbahn oder Luftfahrt, die häufig an Arbeitskämpfen beteiligt waren. Diese Gruppen tragen mit Sicherheit zur Gesamtzahl der Gewerkschaftsmitglieder bei, aber manche Gewerkschaftsverbände haben vermutlich mehr Mitglieder angegeben, als sie tatsächlich haben.

 

 

Insgesamt gesehen hat sich das Gewerkschaftswesen in Italien in den letzten 20 bis 30 Jahren vor allem im öffentlichen Dienst und im Verkehrssektor zunehmend zersplittert. Aus Zahlen der Agentur ARAN, die den Staat bei Tarifverhandlungen als Arbeitgeber vertritt, geht hervor, dass es :im öffentlichen Sektor Ende 2011 1.282.000 Gewerkschaftsmitglieder gab.7 Bei einer Gesamtbeschäftigtenzahl von rund 3,25 Millionen entspricht dies einem gewerkschaftlichen Organisationsgrad von circa 40 % im öffentlichen Sektor. Diese 1.282.000 Gewerkschaftsmitglieder verteilten sich allerdings auf mehr als 300 Gewerkschaften, darunter 200 mit weniger als 100 Mitgliedern und weitere 100 mit weniger als zehn Mitgliedern. Die fünf größten Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes, die alle mehr als 100.000 Mitglieder umfassen, sind die Mitgliedsgewerkschaften für Erziehung und den öffentlichen Dienst der CGIL und der CISL sowie die Erziehungsgewerkschaft der CONSAL (SNALS). Zusammen umfassen sie knapp 750.000 Mitglieder – weit mehr als die Hälfte aller Gewerkschaftsmitglieder im öffentlichen Sektor.

 

 

Manchen Beobachtern zufolge gibt es ein Merkmal, das allen autonomen Gewerkschaften mit Ausnahme von UGL und Sindacato Padano gemeinsam ist, nämlich ihre Ähnlichkeit mit Interessenverbänden kleiner Gruppen von Arbeitnehmern, die sich zusammenschließen, um ihre eigenen spezifischen Interessen zu schützen, und es nicht für notwendig halten, die Anliegen anderer zu berücksichtigen.8

Alle drei großen Gewerkschaftsbünde sind nach Branchen organisiert und umfassen getrennte Verbände für die metallverarbeitende Industrie, den öffentlichen Dienst, das Baugewerbe, Telekommunikation usw. Die CGIL ist der größte Gewerkschaftsbund in der verarbeitenden Industrie, während die CISL und die UIL vor allem im öffentlichen Dienst vertreten sind, obgleich die CGIL auch hier eine ähnlich hohe Unterstützung genießt wie die CISL. Die Branchenverbände sind unterschiedlich wichtig und mehr oder weniger unabhängig, aber einige wie insbesondere FIOM, der Metallverband der CGIL, sind einflussreiche Organisationen.

 

Nach einem zeitweiligen Mitgliederzuwachs hat sich die Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder in Italien seit 2008 unterschiedlich entwickelt. Zwei der drei großen Gewerkschaftsbünde haben im Zeitraum 2008-2012 einen sehr leichten Rückgang verzeichnet, die CGIL um 0,4 % und die CISL um 1,4 %, während der kleinere UIL die Zahl seiner Mitglieder um 5,8 % erhöhen konnte (doppelte Mitgliedschaften, die im Fall des UIL mit rund 300.000 eine erhebliche Zahl ausmachen, sind hier nicht mitgezählt). Was die Anzahl der Mitglieder ohne Rentner angeht, verzeichnet die CGIL zwischen 2008 und 2012 einen Rückgang von 0,9 %, die CISL hingegen einen Anstieg um 3 % und der UIL sogar eine Zunahme um 8,4 %.Da die Gesamtbeschäftigung in diesem Zeitraum um 2 % (von 23,3 auf 22,9 Millionen) gesunken ist, dürfte der gewerkschaftliche Organisationsgrad somit gestiegen sein.

 

L. Fulton (2013) Arbeitnehmervertretung in Europa. Labour Research Department und ETUI. Erstellt mit Unterstützung des SEEurope Netzwerks. Online-Publikation, verfügbar unter http://de.worker-participation.eu.