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Gewerkschaften

Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist niedrig in Litauen – nur 10 % der Arbeitnehmer gehören einer Gewerkschaft an. Die Gewerkschaften verteilen sich auf drei Hauptgewerkschaftsbünde, LPSK, LDF und Solidarumas, die – zumindest aus historischer Sicht – aus ideologischen Gründen gespalten sind. Allerdings arbeiten die Gewerkschaften nun verstärkt zusammen.

Laut Angaben des litauischen Amtes für Statistik gibt es ungefähr 109.000 Gewerkschaftsmitglieder in Litauen: Ihre Zahl betrug Ende 2011 108.900, etwas weniger als in den zwei vorangehenden Jahren (2010 waren es 112.600 und 2009 115.400).1 Bei einer Gesamtzahl von 1,1 Millionen abhängig Beschäftigten und ausgehend von der Annahme, dass es sich bei den Gewerkschaftsmitgliedern um abhängig Beschäftigte handelt, ergibt sich somit für das Jahr 2011 ein gewerkschaftlicher Organisationsgrad von rund 10 %. Dies entspricht auch den Angaben in der ICTWSS Datenbank zur Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder, die den gewerkschaftlichen Organisationsgrad in Litauen auf 9,5 % schätzt (Stand 2009).2

Die Mitgliederzahlen, die von den drei wichtigsten Gewerkschaftsbünden angegeben werden, stimmen weitgehend mit den Zahlen überein, die das litauische Amt für Statistik ermittelt hat. 2008 war die LPSK der größte Gewerkschaftsbund mit 90.000 Mitgliedern, an zweiter Stelle folgte die LDF mit 23.000 Mitgliedern und an dritter Stelle Solidarumas mit 7.000 Mitgliedern, insgesamt ergibt dies 120.000.3 Auf ihrer Website gibt die LDF 2011 an, „rund 20.000 Mitglieder“ zu haben. Weiterhin ist eine kleine Anzahl von Arbeitnehmern in unabhängigen Gewerkschaften organisiert, die keinem der drei Gewerkschaftsbünde angehören. Voraussetzung für die Gründung einer Gewerkschaft ist, dass sie entweder mindestens 20 % der Belegschaft eines bestimmten Unternehmens (mindestens aber drei Arbeitnehmer) vertritt, oder es mindestens 30 Mitglieder im Unternehmen gibt.

 

Jeder Gewerkschaftsbund beruft sich auf eine unterschiedliche Geschichte und Entwicklung. LPSK wurde 2002 nach dem Zusammenschluss zweier Gewerkschaftsbünde gegründet. Diese waren beide aus den Gewerkschaftsorganisationen hervorgegangen, die existierten, als Litauen noch der Sowjetunion angehörte.

 

Die Ursprünge der LDF gehen auf das Jahr 1919 zurück, als zum ersten Mal ein christlich ausgerichteter Gewerkschaftsbund in Litauen errichtet wurde. Ihre Ideologie ist von der christlichen Lehre über soziale Themen geprägt.

 

Der Ursprung des Gewerkschaftsbunds Solidarumas liegt in der litauischen Unabhängigkeitsbewegung "Sajudis", wobei er seinen aktuellen Namen erst im Jahr 2002 annahm.

 

Alle drei Gewerkschaftsbünde sind nach Branchen organisiert, aber sie umfassen auch wichtige regionale Strukturen. LPSK gehören 26 Branchenverbände an, LDF 11 und Solidarumas 12.

 

In politischer Hinsicht steht die LPSK der sozialdemokratischen Partei näher, während die Ausrichtung der LDF mehr mit der Ideologie der christdemokratischen Partei übereinstimmt. Solidarumas hat früher aktiv mit den Konservativen zusammengearbeitet, inzwischen nimmt er aber eine neutralere Position ein.

 

Trotz dieser politischen Unterschiede besteht der gemeinsame Wunsch, sich für die wirtschaftliche Entwicklung Litauens einzusetzen. So haben die Gewerkschaftsbünde vor allem bei den Protesten gegen die Sparmaßnahmen der Regierung zusammengearbeitet und im Oktober 2009 alle drei mit der Regierung und den Arbeitgebern ein nationales Abkommen unterzeichnet.

 

Ende 2006 hatte die LPSK einen Zusammenschluss der drei wichtigsten Gewerkschaftsbünde vorgeschlagen. Im April 2007 beschlossen die Führungen der drei Gewerkschaftsbünde, ein gemeinsames Koordinierungszentrum zu gründen, das auf eine Fusion hinarbeiten und gemeinsame Aktivitäten durchführen sollte, aber diese Fusion ist dann doch nicht zustande gekommen.

 

Jeder Gewerkschaftsbund hat seit der Unabhängigkeit Litauens im Jahr 1990 erheblich an Mitgliederzahlen einbüßen müssen, und besonders Solidarumas verzeichnet seit 2005 (als die Gewerkschaft laut eigenen Angaben noch mehr als 50.000 Mitglieder hatte) große Mitgliederverluste. Es gibt Bestrebungen, die Gewerkschaften wieder zu verstärken. Derzeit ist der höchste gewerkschaftliche Organisationsgrad im öffentlichen Sektor zu beobachten.

L. Fulton (2013) Arbeitnehmervertretung in Europa. Labour Research Department und ETUI. Erstellt mit Unterstützung des SEEurope Netzwerks. Online-Publikation, verfügbar unter http://de.worker-participation.eu.