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Gewerkschaften

In Norwegen sind über die Hälfte der Arbeitnehmer Mitglieder von Gewerkschaften, und obwohl der gewerkschaftliche Organisationsgrad in den letzten Jahren geringfügig zurückgegangen ist, hat die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder zugenommen. Die meisten Gewerkschaften sind den vier Gewerkschaftsbünden LO, UNIO, YS und Akademikerne angeschlossen. Während UNIO und Akademikerne hoch qualifizierte Arbeitnehmer organisieren, stehen LO und YS im direkten Wettbewerb um Mitglieder.

In Norwegen gibt es laut Angaben des nationalen Amtes für Statistik Statistics Norway 1.687.660 Gewerkschafter (Stand: Ende 2011).1 Rund drei Viertel von ihnen sind Arbeitnehmer, bei den übrigen handelt es sich um nicht erwerbstätige Studenten, Rentner und sonstige Personen. Eine Studie des Forschungsinstituts Fafo über die neuesten Zahlen aus der Arbeitskräfteerhebung zeigt, dass 2011 insgesamt 1.223.948 Arbeitnehmer einer Gewerkschaft angehörten. Bei einer Gesamtzahl von rund 2.365.000 Arbeitnehmern in Norwegen bedeutet dies, dass im Jahr 2011 51,8 % von ihnen gewerkschaftlich organisiert waren.2 Diese Angaben sind leicht niedriger zu denen der ICTWSS Datenbank, die den gewerkschaftlichen Organisationsgrad für Norwegen im Jahr 2011 mit 54,6% bemisst.3 In Norwegen wird diese relativ hohe Zahl erreicht und aufrecht erhalten (siehe unten), obwohl Leistungen bei Arbeitslosigkeit, im Gegensatz zu seinen nordischen Nachbarländern, nicht von den Gewerkschaften ausgezahlt werden.

In Norwegen gibt es vier Gewerkschaftsbünde. Davon ist der LO mit Mitgliedern aus allen Wirtschaftszweigen bei weitem der größte, obwohl er weniger Mitglieder mit höheren Bildungsabschlüssen zählt. Die dem LO angeschlossenen Gewerkschaften haben insgesamt 880.938 Mitglieder, davon sind 620.000 beschäftigte Arbeitnehmer. (Die Angaben zur Gesamtmitgliederzahl für den LO und die anderen Gewerkschaftsbünde geben den Stand 2011 wieder und stammen aus den Statistiken von Statistics Norway). Der zweitgrößte Dachverband UNIO zählt 300.486 Mitglieder, davon sind 232.048 beschäftigte Arbeitnehmer. UNIO wurde im Dezember 2001 gegründet, nachdem der Gewerkschaftsbund AF, dem Akademiker und Fachkräfte angehörten, 1997 aufgelöst worden war. UNIO organisiert hauptsächlich Lehrkräfte und Krankenschwestern/-pfleger, umfasst daneben aber auch andere bedeutende Mitgliedergruppen (siehe unten). YS, der drittgrößte Gewerkschaftsdachverband, hat 222.114 Mitglieder (159.115 beschäftigte Arbeitnehmer). Der YS wurde 1977 als Dachverband zuvor unabhängiger Gewerkschaften gegründet und umfasst Mitglieder aus dem öffentlichen und privaten Sektor. Der kleinste Gewerkschaftsbund ist der Akademikerverband Akademikerne mit 162.562 Mitgliedern (115.057 beschäftigte Arbeitnehmer).

Daneben gibt es Gewerkschaften, die keinem der Dachverbände angeschlossen sind und insgesamt 121.560 Mitglieder haben (97.728 beschäftigte Arbeitnehmer). NITO, die größte dieser Gewerkschaften, zählt 68.860 Mitglieder (52.136 beschäftigte Arbeitnehmer). Die meisten von ihnen sind Diplomingenieure, die ein mindestens dreijähriges Studium absolviert haben.

Hinsichtlich der Verteilung der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer auf die einzelnen Gewerkschaften steht der LO mit 51 % weit an der Spitze. UNIO gehören 19 % der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer an, dem YS 13 %, Akademikerne 9 % und den übrigen Gewerkschaften 8 %.

Die verschiedenen Gewerkschaftsbünde verfolgen verschiedene Ansätze im Hinblick auf die Frage, in welchem Umfang die Lohnsteigerungen in den einzelnen Branchen und Unternehmen variieren sollten (siehe den Abschnitt über Tarifverhandlungen). Dies war einer der Hauptgründe für die Auflösung des Gewerkschaftsbundes AF im Jahr 1997. Die Gewerkschaften des LO und des YS stehen sowohl in der Privatwirtschaft als auch im öffentlichen Sektor im Wettbewerb um Mitglieder.

Jeder der Gewerkschaftsdachverbände besteht aus einer Reihe von Einzelgewerkschaften, die nach Branchen und Berufen organisiert sind. Der LO hat 22 Mitgliedsgewerkschaften, von denen Fagforbundet die größte ist. Sie ist 2003 aus einer Fusion der Gewerkschaft für kommunale Angestellte (NKF) und einer Gewerkschaft der Beschäftigten des Gesundheits- und Sozialwesens, die auch überwiegend von den Kommunen beschäftigt werden, hervorgegangen und zählt insgesamt 323.727 Mitglieder (Stand: 2011). Die zweitgrößte Mitgliedsgewerkschaft des LO, Fellesforbundet, ist das Ergebnis mehrerer Gewerkschaftszusammenschlüsse. Zu den fünf Gründergewerkschaften, die zum größten Teil aus der verarbeitenden Industrie und dem Bausektor stammten, stießen 2006 die Gewerkschaft der grafischen Industrie und 2007 die Gewerkschaft des Hotel- und Gaststättengewerbes. Fellesforbundet zählt heute 151.137 Mitglieder. Die übrigen Mitgliedsgewerkschaften des LO sind bedeutend kleiner. Die Gewerkschaft HK organisiert Arbeitnehmer in Banken, im Einzelhandel, in der Touristik- und Verkehrsbranche und einigen anderen Dienstleistungssektoren sowie Angestellte in der verarbeitenden Industrie und umfasst 65.651 Mitglieder. Die Gewerkschaft der Öl- und Chemieindustrie IE hat sich mit der Gewerkschaft der Möbelindustrie zusammengeschlossen und zählt 55.359 Mitglieder. Die Gewerkschaft der Staatsbediensteten NTL hat 49.170 Mitglieder. Die übrigen 16 Mitgliedsgewerkschaften des LO bewegen sich in Größenordnungen von 37.548 Mitgliedern in der EL & IT Forbundet, die Elektriker und Arbeitnehmer der IT-Branche organisiert, bis zu 650 Mitgliedern in der Gewerkschaft der Profisportler.

Der zweitgrößte Gewerkschaftsbund Norwegens UNIO umfasst zehn Einzelgewerkschaften, wobei – wie beim LO auch - zwei von ihnen wesentlich größer sind als der Rest. Die größte Mitgliedsgewerkschaft von UNIO ist die Gewerkschaft für das Erziehungswesen Utdanningsforbundet, die 2002 aus dem Zusammenschluss von zwei Lehrergewerkschaften hervorgegangen ist. Die meisten der 152.908 Mitglieder von Utdanningsforbundet sind an Grund- und weiterführenden Schulen beschäftigt, aber auch in der vorschulischen Erziehung ist die Gewerkschaft gut vertreten. NSF, die Gewerkschaft der Krankenschwestern/-pfleger, ist mit 95.602 Mitgliedern die zweitgrößte UNIO-Mitgliedsgewerkschaft. Daneben gehören dem Gewerkschaftsbund einige Gewerkschaften mittlerer Größe an: Forskerforbundet, die wissenschaftliche Mitarbeiter an Universitäten und Forschungseinrichtungen organisiert, mit 18.039 Mitgliedern, die Polizeigewerkschaft Politiets Fellesforbund mit 13.613 Mitgliedern und die Gewerkschaft der Physiotherapeuten Norsk Fysioterpeutforbund mit 9.572 Mitgliedern.

YS, der drittgrößte Gewerkschaftsbund, umfasst 21 Mitgliedsgewerkschaften. Die größte ist Delta (früher bekannt als KFO) mit 65.459 Mitgliedern, die überwiegend in den Kommunalverwaltungen beschäftigt sind. An zweiter Stelle steht die Finanzgewerkschaft Finansforbundet mit 39.220 Mitgliedern, gefolgt von Parat, die Arbeitnehmer mehrerer Branchen organisiert, mit 29.934 Mitgliedern, und Negotia mit 19.470 Mitgliedern. Negotia ist die größte YS-Gewerkschaft in der Privatwirtschaft und vertritt Arbeitnehmer der IT-Branche, Verkaufspersonal, Techniker und Buchhalter. Parat und Negotia sind beide 2005 aus Gewerkschaftszusammenschlüssen hervorgegangen. Parat entstand aus der Fusion der Gewerkschaft 2fo, die die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes und kürzlich privatisierter Sektoren organisiert, mit der Gewerkschaft der Privatangestellten PRIFO. Negotia ist aus dem Zusammenschluss der Gewerkschaft NOFU, die Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft organisiert, und der Gewerkschaft der Kommunikationsbranche entstanden.

Dem viertgrößten Gewerkschaftsbund Akademikerne sind 13 Gewerkschaften angeschlossen, wobei - wie bei LO und UNIO - die zwei größten dieser Gewerkschaften mehr als die Hälfte der Mitglieder des Gewerkschaftsbundes stellen. Tekna, mit 58.686 Mitgliedern die größte Mitgliedsgewerkschaft von Akademikerne, organisiert Fachkräfte mit einem Universitätsdiplom oder gleichwertigen Hochschulabschluss im naturwissenschaftlichen oder technischen Bereich, unabhängig davon, in welchem Wirtschaftszweig sie tätig sind. Die zweitgrößte Akademikerne-Gewerkschaft ist die Ärztegewerkschaft Den Norske Lægeforening, die 28.454 Mitglieder umfasst. Weitere wichtige Mitgliedsgewerkschaften sind der Verband der Betriebswirtschaftler Econa (früher Siviløkonomene) mit 17.771 Mitgliedern und der Anwaltsverband Norges Juristforbund mit 17.159 Mitgliedern.

Der LO und die Arbeiterpartei (Arbeiderpartiet) haben seit ihrer Gründung Ende des neunzehnten Jahrhunderts enge Beziehungen. (Die Arbeiterpartei wurde 1887 und der LO 1899 gegründet.) Im Lauf der Zeit ist ihre organisatorische Verflechtung jedoch schwächer geworden. Dies zeigt sich beispielsweise daran, dass lokale Gewerkschaftsgruppen seit 1997 nicht mehr kollektiv der Arbeiterpartei beitreten können. Dennoch besteht zwischen beiden nach wie vor eine enge Beziehung. Der Präsident des LO und die Präsidenten der zwei größten LO-Mitgliedsgewerkschaften Fagforbundet und Fellesforbundet sind alle drei Mitglied des nationalen Exekutivausschusses der Arbeiterpartei, und die Führungen des LO und der Arbeiterpartei kommen wöchentlich in einem beratenden Ausschuss zusammen. Der LO unterstützt die Arbeiterpartei bei Wahlen auch finanziell, obgleich er seine Spenden für die Wahlkampagne 2009 auf die drei Parteien der Regierungskoalition verteilte: 5 Millionen Kronen (rund 560.000 €) für die Arbeiterpartei, 1,5 Millionen Kronen (rund 170.000 €) für die Sozialistische Linkspartei (SV) und 500.000 Kronen (56.000 €) für die Zentrumspartei.

Die enge Beziehung zur Arbeiterpartei unterscheidet den LO vom Gewerkschaftsbund YS, der seine politische Unabhängigkeit geltend macht. Auch die Gewerkschaftsbünde UNIO und Akademikerne sind keiner bestimmten politischen Richtung zuzuordnen.

Die Zahl der Gewerkschafter in Norwegen hat in den letzten Jahren zugenommen: Zwischen 2000 und 2011 ist die Anzahl der beschäftigten Arbeitnehmer, die einer Gewerkschaft angehören, um 9,5 % gestiegen. Den stärksten Anstieg verzeichneten die Gewerkschaftsbünde, die höher qualifizierte Arbeitnehmer organisieren: Die Zahl der Mitglieder von UNIO stieg um 33 % (seit 2001), die von Akademikerne um 32,8 %, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, dass die Gewerkschaft Forskerforbundet 2006 mit rund 15.000 Mitgliedern aus dem Dachverband Akademikerne ausgetreten ist und sich dem UNIO angeschlossen hat. Auch der LO und der YS verzeichneten in diesem Zeitraum einen Mitgliederzuwachs, wenn auch in geringerem Maße: Die Zahl der abhängig beschäftigten Mitglieder des LO stieg zwischen 2000 und 2011 um 7 % und die des YS (2001-2011) um 1 %. Die Zahl der Mitglieder von Gewerkschaften, die nicht den großen Gewerkschaftsbünden angeschlossen sind, ist im gleichen Zeitraum um 40 % gesunken.4

Die Anzahl der beschäftigten Arbeitnehmer, die einer Gewerkschaft angehören, ist zwar im Zeitraum 2000-2011 um 9,5 % gestiegen, aber die Gesamtzahl der Beschäftigten ist zwischen dem letzten Quartal 2000 und dem letzten Quartal 2011 noch stärker angestiegen, von 2.093.000 auf 2.385.000.5 Dadurch ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad zwischen 2005 und 2011 sehr geringfügig (von 52,9 % auf 51,8%) gesunken. Der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder im öffentlichen Sektor ist höher als in der Privatwirtschaft und der Anteil der Frauen, die einer Gewerkschaft angehören, ist höher als bei Männern. Dies ist jedoch weitgehend darauf zurückzuführen, dass besonders viele Frauen im öffentlichen Sektor beschäftigt sind.6

L. Fulton (2013) Arbeitnehmervertretung in Europa. Labour Research Department und ETUI. Erstellt mit Unterstützung des SEEurope Netzwerks. Online-Publikation, verfügbar unter http://de.worker-participation.eu.