Home / Nationale Arbeitsbeziehungen / Länder / Portugal / Gewerkschaften

Gewerkschaften

Da es an präzisen Daten mangelt, ist es schwierig, Angaben zur Zahl der Gewerkschaftsmitglieder in Portugal zu machen. Auch gibt es einen großen Unterschied zwischen den Mitgliederzahlen, die von den Gewerkschaften angegeben werden, und dem von der Regierung geschätzten gewerkschaftlichen Organisationsgrad. Die Beziehungen zwischen den beiden wichtigsten Gewerkschaftsbünden, CGTP-IN und UGT, waren ursprünglich konfliktreich, aber haben sich mittlerweile verbessert. Das portugiesische Gewerkschaftswesen ist komplex und umfasst nahezu 350 autonome Einzelgewerkschaften.

Laut Angaben der Gewerkschaften gibt es in Portugal 1,3 Millionen Gewerkschaftsmitglieder, aber in dem 2006 veröffentlichten Grünbuch über die Arbeitsbeziehungen in Portugal wurde darauf hingewiesen, dass die Zahl der Gewerkschafter und der gewerkschaftliche Organisationsgrad umstritten sind. Das Grünbuch selbst enthielt keine Schätzung des gewerkschaftlichen Organisationsgrads in Portugal.1 Das Weißbuch über Arbeitsbeziehungen, das Ende 2007 veröffentlicht wurde, schätzte den gewerkschaftlichen Organisationsgrad in Portugal auf 18,4 %.2 In der ICTWSS Datenbank zur Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder wird ein ähnlicher gewerkschaftlicher Organisationsgrad (19,3 %) angegeben (Stand 2010).3 Dies bedeutet, dass rund 550.000 Arbeitnehmer einer Gewerkschaft angehören – weniger als die Hälfte der von den Gewerkschaften angegebenen Zahl. EIRO-Schätzungen aus dem Jahr 2013 gehen davon aus, dass es insgesamt zwischen 700.000 und 800.000 Gewerkschaftsmitglieder in Portugal gibt und der durchschnittliche gewerkschaftliche Organisationsgrad vermutlich unter 20 % liegt.4

In Portugal gibt es zwei große Gewerkschaftsbünde, die CGTP-IN und die UGT. Der größere von beiden, die CGTP-IN, hat auf ihrem Kongress im Januar 2012 mitgeteilt, dass ihre Mitgliedsgewerkschaften 614.088 Mitglieder umfassen. Die UGT hat laut Angaben ihres Generalsekretärs João Proença (Interview vom November 2010) rund 500.000 Mitglieder. Daneben bestehen einige kleinere Gewerkschaften, die keinem der großen Gewerkschaftsbünde angeschlossen sind, mit insgesamt vermutlich 50.000 Mitgliedern.

 

Wie bereits erwähnt liegen die Gewerkschaftsangaben weit über dem gewerkschaftlichen Organisationsgrad, der im Weißbuch von 2007 ermittelt wurde, und auch außenstehende Beobachter gehen davon aus, dass die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder in Wirklichkeit wesentlich niedriger ist – etwa 500.000 für die CGTP-IN bzw. 200.000 für die UGT. Um zu ermitteln, welche Unterstützung die einzelnen Gewerkschaftsbünde genießen, wurden die Befragten im Rahmen der Erhebung für das Weißbuch von 2007 gebeten anzugeben, welcher Gewerkschaftsorganisation sie die größte Sympathie entgegen bringen. 21 % der Befragten gaben hier CGTP-IN-Gewerkschaften an, circa doppelt so viele diejenigen, die UGT-Gewerkschaften anführten. Gleichwohl ist „Sympathie“ nicht mit Gewerkschaftsmitgliedschaft gleichzusetzen.

 

 

Die Komplexität des portugiesischen Gewerkschaftswesens ist zum Teil auf das autoritäre korporatistische Regime zurückzuführen, das lange Zeit und bis zur Revolution im April 1974 herrschte. Aus dem Grünbuch von 2006 geht hervor, dass 2005 insgesamt 421 gewerkschaftliche Organisationen beim Arbeitsministerium eingetragen waren: 348 Gewerkschaften – bei vielen von ihnen handelt es sich um keine nationalen, sondern nur auf lokaler Ebene tätige Organisationen –, 27 Branchenverbände, 36 Distriktverbände und sieben Gewerkschaftsbünde, darunter die beiden größten, CGTP-IN und UGT. Auch wenn damals 50 dieser eingetragenen Gewerkschaftsorganisationen nicht mehr aktiv waren und sich seitdem manches geändert hat, bleibt das Gewerkschaftswesen in Portugal äußerst zersplittert. In der Datenbank des Arbeitsministeriums waren zum 31. Dezember 2010 490 Gewerkschaftsorganisationen erfasst.5

Die CGTP-IN beispielsweise umfasst laut Angaben auf ihrer Website 80 förmliche Mitgliedsgewerkschaften sowie 33 Gewerkschaften, die über die einheitliche Gewerkschaftsbewegung MSU (Movimento Sindical Unitário) mit der CGTP-IN verbunden sind. Bei vielen seiner Mitgliedsgewerkschaften handelt es sich nicht um landesweit tätige Verbände, sondern um Verbände auf regionaler Ebene oder auf der Ebene einzelner Distrikte oder Gruppen von Distrikten. Die größte unter ihnen, die Gewerkschaft der Angestellten der Kommunalverwaltungen STAL mit 56.000 Mitgliedern ist jedoch auf nationaler Ebene organisiert.Seit den frühen 90er Jahren hat die CGTP-IN erhebliche Fortschritte bei der Rationalisierung ihrer Strukturen gemacht. So hat sich die Zahl ihrer Mitgliedsgewerkschaften durch Fusionen zwischen 1993 und 1999 von 150 auf 107 und bis 2008 weiter auf 88 reduziert. Die 10 Branchenverbände und die ihnen angeschlossenen Einzelgewerkschaften bieten jetzt eine weit klarere Organisationsstruktur. Die CGTP-IN vertritt, mit Ausnahme des Finanz- und des Energiesektors, die Mehrheit aller organisierten Arbeitnehmer und hat ihre Hochburgen in der verarbeitenden Industrie und im öffentlichen Sektor.

 

Die UGT ihrerseits umfasst eine Mischung aus Branchen- und Berufsgewerkschaften. Die meisten ihrer 49 Mitgliedsgewerkschaften sind landesweit tätig, manche sind auch in bestimmten Gebieten organisiert, wie z. B. die Bankangestellten- und Lehrergewerkschaften. Die Beschäftigten des Banksektors sind in Gewerkschaften für den Norden, den Süden, die Mitte und die Inseln organisiert. Daneben gibt es auch zwei Gewerkschaftsverbände, die förmlich der UGT angeschlossen sind und Hafenarbeiter- und Erziehungsgewerkschaften umfassen, sowie vier Verbände, die nicht angeschlossen sind, aber deren Mitglieder überwiegend der UGT-Gewerkschaften sind. Die UGT umfasst ferner einen Gewerkschaftsbund für Führungskräfte und leitende Angestellte (FENSIQ). Die meisten UGT-Mitglieder sind in öffentlichen und privatwirtschaftlichen Dienstleistungsunternehmen beschäftigt, insbesondere in der Bank- und Versicherungsbranche. SBSI, die Bankgewerkschaft für Südportugal, gibt auf ihrer Website mehr als 50.000 Mitglieder an und ist damit die größte Gewerkschaft der UGT.

 

 

Neben den Gewerkschaften, die den großen Gewerkschaftsbünden angeschlossen sind oder mit ihnen zusammenarbeiten, bestehen rund 100 andere Gewerkschaften. Manche von ihnen haben sich in kleineren Bünden wie dem USI zusammengeschlossen, die meisten haben allerdings keinerlei Bindungen.

 

 

Der Gewerkschaftsbund CGTP-IN wurde unmittelbar nach der Revolution von 1974 gegründet und unterhielt damals enge Beziehungen zur kommunistischen Partei. Die UGT wurde 1978 als politische Alternative zur CGTP-IN von Gewerkschaften gegründet, die – nach eigenen Aussagen – den sozialdemokratischen und liberal-konservativen Parteien nahe standen. Die Beziehungen zwischen den beiden Gewerkschaftsbünden waren folglich zu Beginn sehr angespannt. Seit den späten 80er Jahren hat sich die Lage wesentlich verbessert, auch wenn nach wie vor klare Unterschiede zwischen ihnen bestehen.

 

 

Ihre divergierenden Reaktionen auf die Änderungen im Bereich der Arbeitsbeziehungen und der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, die 2009 durch das überarbeitete Arbeitsgesetzeingeführt wurden, und ihre Positionen zu den verschiedenen Sparpaketen seit 2010 haben diese Unterschiede deutlich gezeigt. CGTP-IN und UGT haben die Vorschläge abgelehnt und am 24. November 2010 zum ersten Mal seit 1988 gemeinsam zu Generalstreik aufgerufen. Ein zweiter gemeinsamer Generalstreik wurde genau ein Jahr später, am 24. November 2011, im Anschluss an neue Kürzungen organisiert. Nachdem der Plan für eine Arbeitszeitverlängerung dann doch zurückgezogen wurde, unterzeichnete die UGT Anfang 2012 eine Vereinbarung mit der Regierung und den Arbeitgebern. Die CGTP-IN hingegen hat ihre ablehnende Haltung nicht aufgegeben und weiter Kampagne gegen die geplanten Maßnahmen geführt, mit der Unterstützung einiger UGT-Gewerkschaften und -Gewerkschaftsverbände.

 

 

Es ist schwierig, sich ein Bild über die Entwicklung der Gewerkschaftsmitgliederzahlen in Portugal zu machen, da es an präzisen Informationen fehlt. Es scheint jedoch klar, dass die beiden größten Gewerkschaftsbünde in den 90er Jahren Mitgliederverluste hinnehmen mussten. Zwar ist die Zahl der Mitglieder in bestimmten Bereichen, insbesondere im öffentlichen Sektor, gestiegen, aber durch den Stellenabbau in der verarbeitenden Industrie in den letzten Jahren haben sie Mitglieder verloren. CGTP-IN und UGT haben auf ihren jüngsten Kongressen Programme zur Werbung neuer Mitglieder verabschiedet; die CGTP-IN hat sich darin zum Ziel gesetzt, innerhalb von vier Jahren 100.000 neue Mitglieder zu gewinnen.

 

L. Fulton (2013) Arbeitnehmervertretung in Europa. Labour Research Department und ETUI. Erstellt mit Unterstützung des SEEurope Netzwerks. Online-Publikation, verfügbar unter http://de.worker-participation.eu.