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Gewerkschaften

In Schweden ist der Anteil der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer mit 70 % hoch, obwohl er im Vergleich zu 1995 (86 %) zurückgegangen ist. Es gibt in Schweden drei große Gewerkschaftsverbände, LO, TCO und Saco, die sich entsprechend der traditionellen Aufgliederung der schwedischen Arbeitnehmerschaft nach Berufs- und Bildungsgruppen voneinander abgrenzen, jedoch gut zusammenarbeiten.

In Schweden gibt es circa 3,5 Millionen Gewerkschaftsmitglieder. Und obwohl hierunter auch zahlreiche nicht erwerbstätige Mitglieder, vor allem Studenten und Rentner, sind, ist der Anteil der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer sehr hoch. Nach offiziellen Zahlen des nationalen Schlichtungsinstituts beträgt der gewerkschaftliche Organisationsgrad 70 % (Stand: 2011).1 Ähnlich hoch schätzt ihn mit 68,9 % die ICTWSS Datenbank zur Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder ein (Stand 2010).2

In Schweden organisieren drei große Gewerkschaftsverbände jeweils unterschiedliche Personengruppen. Der größte ist die LO mit 1.502.285 Mitgliedern, die vor allem Arbeiter organisiert. Der zweitgrößte Gewerkschaftsbund, TCO, organisiert überwiegend Angestellte und zählt 1.245.864 Mitglieder, darunter 995.891 Erwerbstätige und Arbeitsuchende. Als kleinster Gewerkschaftsverband der drei großen organisiert Saco Akademiker. Von den 636.301 Mitgliedern sind 479.417 erwerbstätig (alle Angaben stammen von den Websites der Gewerkschaften und geben den Stand Ende 2012 bzw. 2011 für die LO wieder). Die Verteilung der Mitglieder auf die drei Verbände hat sich in den letzten Jahren geändert: Saco hat Mitglieder dazu gewonnen, während LO und in geringerem Maße auch TCO Mitglieder verloren haben (s. unten). Daneben gibt es den Führungskräfteverband Ledarna, der keinem Gewerkschaftsbund angeschlossen ist und 89.740 Mitglieder zählt (Stand: Januar 2013).3

Die Beziehungen zwischen den Gewerkschaftsverbänden sind im Allgemeinen gut und Vereinbarungen zwischen Mitgliedsgewerkschaften von LO und TCO tragen zur Lösung potentieller Konflikte im Mitgliederbereich bei. Eine potentielle Konkurrenz gibt es eher zwischen TCO und Saco, da sich viele Arbeitnehmer beiden Gewerkschaften anschließen könnten. In der Praxis wählen die Beschäftigten in der Regel die Gewerkschaft, die einen Tarifvertrag mit ihrem Arbeitgeber abgeschlossen hat.

Während LO und TCO mehr oder weniger nach Branchen organisiert sind, beruht die Struktur von Saco auf den Berufen der Mitglieder. Die beiden größten der 14 Mitgliedsgewerkschaften der LO sind die Gewerkschaft der Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst bei den Kommunen Kommunal mit 504.600 Mitgliedern, und IF Metall, die 2006 aus dem Zusammenschluss der Metallarbeitergewerkschaft und der Gewerkschaft der Industriearbeiter hervorgegangen ist. Ihr gehören 348.287 Arbeitnehmer der Metallindustrie, der Baukomponentenindustrie und der Textil- und Bekleidungsindustrie an. Außerdem gehören LO die Einzelhandelsgewerkschaft Handels mit 144.891Mitgliedern an, die Gewerkschaft im Bereich Dienstleistung und Kommunikation, SEKO, mit 123.639 und die Bauarbeitergewerkschaft Byggnads mit 106.013 Mitgliedern. (Alle Angaben stammen von den Gewerkschaften und geben den Stand zum 31. Dezember 2011 wieder).4

Größtes TCO-Mitglied ist die Gewerkschaft Unionen, die aus dem Zusammenschluss von SIF, der Gewerkschaft der Verwaltungsangestellten und technischen Angestellten in der Industrie, und HTF, einer Gewerkschaft mit vielen Mitgliedern im Bereich Einzelhandel und Vertrieb, entstanden ist. Unionen wurde am 1. Januar 2008 gegründet und zählt 534.413 Mitglieder. Die zweitgrößte TCO-Mitgliedsorganisation ist die Lehrergewerkschaft Lärarförundet mit 230.698 Mitgliedern, gefolgt von der Gewerkschaft der Verwaltungsangestellten der lokalen und zentralen Regierungen, Vision (früher SKTF), mit 164.414 Mitgliedern. TCO umfasst 15 Einzelgewerkschaften (alle Angaben geben den Stand zum 31. Dezember 2012 wieder).5

Die größte Mitgliedsgewerkschaft von Saco ist Sveriges Ingenjörer, die Gewerkschaft der Diplomingenieure mit 136.358 Mitgliedern, gefolgt von der Gewerkschaft der Lehrer im höheren Schuldienst LR mit 87.336 Mitgliedern sowie Jusek mit 81.551 Mitgliedern, der Rechtsanwälte, Manager, Personalleiter und Computerfachleute angehören (alle Angaben geben den Stand zum 31. Dezember 2012 wieder). Saco zählt 22 Einzelgewerkschaften (eine kleine Schiffsoffiziersgewerkschaft ist 2012 ausgetreten).6

Mit dem Ende der zentralen Tarifverhandlungen verloren die Gewerkschaftsverbände zum Teil ihre Macht und die Einzelgewerkschaften haben nun größeren Spielraum und mehr Einfluss. Bei der Koordinierung der Gewerkschaftsforderungen spielen die Dachverbände jedoch noch eine Rolle (s. Abschnitt Tarifverhandlungen).

Die LO hat traditionell eine enge Beziehung zur Sozialdemokratischen Partei Schwedens, der SAP. Lokale Gewerkschaftsstrukturen können sich den lokalen Organen der SAP anschließen und der Vorsitzende der LO, ihr wichtigster Vertreter, ist Mitglied des Parteivorstandes. Die Bindungen sind jedoch etwas lockerer geworden. Die beiden anderen Gewerkschaftsbünde betonen ihre parteipolitische Unabhängigkeit

Der Anteil der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer ist in den letzten Jahren von dem äußerst hohen Prozentsatz von 86 % im Jahre 1995 zurückgegangen, mit 70 % ist er aber immer noch hoch.

Bis zum Regierungswechsel im Jahr 2006 vollzog sich der Rückgang relativ langsam und spiegelte zum Teil die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt wider. Zwischen 2001 und 2006 hat LO 160.000 und TCO 16.000 Mitglieder verloren, während die Mitgliederzahl der akademisch geprägten Saco in demselben Fünfjahreszeitraum um 72.000 gestiegen ist. Zwischen 2006 und 2008 ist die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder jedoch stark gesunken, da die Mitte-Rechts-Regierung die gesetzlichen Vorschriften über den Arbeitnehmerbeitrag zur Arbeitslosenversicherung, der häufig zusammen mit dem Mitgliedsbeitrag der Gewerkschaft entrichtet wird, änderte. 7 Infolgedessen fiel der gewerkschaftliche Organisationsgrad von 77 % (2006) auf 73 % (2007) und 2008 weiter auf 71 %. Dabei wurde in der Privatwirtschaft ein stärkerer Rückgang verzeichnet als im öffentlichen Sektor: Zwischen 2006 und 2008 bzw. 2009 fiel der gewerkschaftliche Organisationsgrad im Privatsektor von 71 % auf 65 %, im öffentlichen Sektor von 88 % auf 84 %.8

Seitdem ist bei der Entwicklung der Mitgliederzahlen eine Rückkehr zu den Trends von vor 2006 zu beobachten, mit Verlusten für die LO, die zum Teil durch Zuwächse bei anderen Gewerkschaften wettgemacht wurden: Zwischen Ende 2008 und Ende 2011 verlor die LO 108.200 Mitglieder, während TCO und Saco die Zahl ihrer Mitglieder um 25.400 bzw. 45.900 erhöhen konnten.

In Bezug auf die Verteilung der Gewerkschaftsmitglieder geht aus den Berichten des schwedischen Schlichtungsinstituts hervor, die, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad im öffentlichen Sektor (83 %) höher ist als in der Privatwirtschaft (65 %) und dass der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder sowohl im öffentlichen als auch privaten Sektor bei Angestellten (73 %) höher ist als bei Arbeitern (67 %): In der Privatwirtschaft sind 64 % der Arbeiter und 66 % der Angestellten Mitglied einer Gewerkschaft, im öffentlichen Dienst liegt dieser Anteil bei 83 % (Arbeiter) und 86 % (Angestellte). Frauen, mit einem gewerkschaftlichen Organisationsgrad von 74 %, schließen sich eher einer Gewerkschaft an als Männer, die nur zu 67 % Gewerkschafts­mitglieder sind9 .

L. Fulton (2013) Arbeitnehmervertretung in Europa. Labour Research Department und ETUI. Erstellt mit Unterstützung des SEEurope Netzwerks. Online-Publikation, verfügbar unter http://de.worker-participation.eu.