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Gewerkschaften

 

Rund ein Fünftel der Arbeitnehmer in Slowenien ist gewerkschaftlich organisiert. Die Gewerkschaften sind mit sieben unterschiedlichen Gewerkschaftsdachverbänden eher zersplittert, obwohl einer dieser Verbände, ZSSS, eine eindeutig vorherrschende Stellung einnimmt.

Die Konkurrenz zwischen den Gewerkschaften erschwert die Angabe präziser Zahlen zur Gewerkschaftsmitgliedschaft in Slowenien. Es gibt keine offiziellen Zahlen zum gewerkschaftlichen Organisationsgrad, aber das Public Opinion and Mass Communication Research Centre an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Ljubljana befragt regelmäßig die Bevölkerung zum Thema Gewerkschaftsmitgliedschaft.

 

Die letzte verfügbare Erhebung aus dem Jahr 2013 nennt einen gewerkschaftliche Organisationsgrad von 22,0%.[1] Diese Angabe geht von einer Erwerbsbevölkerung von etwas über 1 Million Menschen 2013 aus und unterstellt deshalb, dass rund 220.000 Gewerkschaftsmitglieder in Beschäftigung oder arbeitslos waren. Nimmt man als Basis lediglich die Beschäftigten (eine üblichere Art der Ermittlung des gewerkschaftlichen Organisationsgrades), wäre dieser höher. Die Schätzungen der ICTWSS-Datenbank zur Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder beziffert  den gewerkschaftlichen Organisationsgrad in Slowenien auf 24,4 % (Stand 2011)[2]. Der größte Gewerkschaftsbund ZSSS wiederum gibt auf seiner Website an, dass dieser Anteil bei „mehr als 27 %“ liege.[3] Die aktuelle Schätzung von Eurofound kommt dagegen zu niedrigeren Zahlen, da sie davon ausgeht, dass sich Insolvenzen und Arbeitslosigkeit negativ auf die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften ausgewirkt haben und dass „bei optimistischer Schätzung“ von einem gewerkschaftlichen Organisationsgrad von 20% auszugehen ist. [4]

 

Die slowenische Gewerkschaftsbewegung ist mit sieben Gewerkschaftsbünden und zahlreichen autonomen Gewerkschaften stark zersplittert.

 

Der größte Dachverband ist der ZSSS mit, nach eigenen Angaben auf seiner Website, 300.000 Mitgliedern, einschließlich Arbeitslosen und Rentnern. [5] Miroslav Stanojević und Živa Broder vom Institut für Sozialwissenschaften gaben 2009 für den ZSSS 155.000 Mitglieder an, die Zahl dürfte aber jetzt niedriger sein.[6] Dem ZSSS gehören 22 Gewerkschaftsorganisationen an, von denen sieben die Arbeitnehmer in der Industrie, sechs im privaten Dienstleistungssektor, sechs im öffentlichen Sektor organisieren und drei Gewerkschaften andere Gruppen wie z.B. Rentner vertreten. Laut Angaben des Instituts für Sozialwissenschaften ist die Gewerkschaft Metall und Elektroniktechnik SKEI die größte Mitgliedsorganisation des ZSSS, sie hatte nach Stanojević und Broders Zahlen 2009 ca. 38.000 Mitglieder

 

Der ZSSS ist aus den Gewerkschaftsstrukturen entstanden, die vor der Unabhängigkeit Sloweniens im Jahre 1991 bestanden hatten, doch bekam er bereits Anfang der 1990er Jahre Konkurrenz. 1990 wurde ein neuer Gewerkschaftsbund, der KNSS, gegründet und zwei weitere, KSS Pergam und Konfederacija ’90, spalteten sich vom ZSSS ab. Während der KNSS als Teil einer politischen Opposition zum ZSSS gebildet wurde – er vertritt zu den meisten Fragen einen politisch eher rechten Ansatz –, konzentrierten die beiden anderen Verbände ihre Tätigkeit ursprünglich auf engere Bereiche. KSS Pergam hatte als Organisation der Arbeitnehmer des Graphik- und Papiersektors begonnen, auch wenn seine Mitglieder heute aus breiteren Kreisen kommen. Konfederacija ‘90 war vor allem im Westen des Landes aktiv.

 

In den folgenden Jahren sind zwei neue Gewerkschaftsbünde entstanden: 1999 Alternativa, der in erster Linie die ehemals dem KNSS angeschlossenen Gewerkschaften des Verkehrssektors vertritt, und 2000 Solidarnost.

 

Diese Dachverbände sind im Wesentlichen im verarbeitenden Gewerbe und in traditionelleren Gewerkschaftsbereichen wie dem Verkehrssektor stark vertreten.

 

Ein Großteil der Arbeitnehmer des öffentlichen Sektors ist in Gewerkschaften außerhalb dieser Dachverbände organisiert sowie in fünf der größten Gewerkschaften des öffentlichen Sektors, die sich 2006 zu einem neuen Dachverband, dem KSJS, zusammengeschlossen haben (seither sind dem KSJS noch zwei weitere kleinere Gewerkschaften beigetreten.) Der KSJS gab 73.421 Mitglieder an, wobei die Lehrergewerkschaft SVIZ, die 39.127 Mitglieder hatte, seine größte Mitgliedsorganisation ist. [7] Seither sind die Mitgliedszahlen leicht zurückgegangen, aber in seinem Bericht an den Kongress hat der KSJS erklärt, immer noch mehr als 72.000 Mitglieder zu haben. [8]  Stanojević  und Broder schätzten 2012, dass der KSJS zwischen 60.000 und 70.000 Mitglieder umfasst.

 

Daneben gibt es noch eine Vielzahl autonomer Gewerkschaften mit Mitgliedern in spezifischen Bereichen.

 

Die 2013 vom Public Opinion and Mass Communication Research Centre gelieferten Zahlen erlauben auch eine Aufschlüsselung nach einzelnen Gewerkschaftsverbänden. Der ZSSS ist der größte und vereinigt 49,4% aller Gewerkschaftsmitglieder (Erwerbstätige und Arbeitslose), es folgt der Verband für den öffentlichen Sektor KSJS mit 23,3%. Die andere Verbände sind deutlich kleiner: auf den KNSS entfallen 5,6% der Gewerkschaftsmitglieder, auf die Konfederacija ’90 nur 1,7% und auf KSS Pergam 1,5%. Die verbleibenden 18,3% der Gewerkschaftsmitglieder verteilen sich auf Gewerkschaften außerhalb der Dachverbände.

 

 

Gesetzlich ist vorgesehen, dass eine Gewerkschaft als repräsentativ anerkannt werden kann. Dies stellt zwar keine Voraussetzung für die Tariffähigkeit der Gewerkschaft dar, aber bringt einige Vorteile mit sich. So können beispielweise lediglich von repräsentativen Gewerkschaften unterzeichnete Vereinbarungen auf Branchenebene für allgemeinverbindlich erklärt werden (siehe den Abschnitt über Tarifverhandlungen). Als repräsentativ auf nationaler Ebene gelten Gewerkschaften, die neben anderen formalen Bedingungen nachweisen können, dass sie finanziell unabhängig sind und seit mindestens sechs Monaten existieren. Ein landesweit organisierter Gewerkschaftsbund muss außerdem 10 % der Beschäftigten der Branchen, Unternehmen oder Berufe vertreten, in denen er die Anerkennung als repräsentativer Gewerkschaftsbund anstrebt. Voraussetzung für die Repräsentativität einzelner Gewerkschaften auf Ebene einer Branche, eines Unternehmens, eines Berufs oder eines lokalen Gebiets ist, dass sie 15 % der betreffenden Arbeitnehmer vertreten. Die Entscheidung über die Repräsentativität einer Gewerkschaft wird vom Minister auf der Grundlage der von der Gewerkschaft erbrachten Nachweise getroffen. Bei Gewerkschaften, die nur in einem Unternehmen als repräsentativ gelten, wird diese Entscheidung vom Arbeitgeber getroffen. 

 

Alle sieben Dachverbände gelten als repräsentativ auf nationaler Ebene und in einer Reihe von Tätigkeitsbereichen und Berufen, allerdings in sehr unterschiedlichem Umfang. So umfasst der ZSSS 19 Gewerkschaften, die unter anderem bei der Feuerwehr, in der Metallindustrie und in der Elektronikbranche repräsentativen Status haben, während der Dachverband Alternativa diesen Status nur im Landverkehr und in der Schifffahrt sowie bei Mitarbeitern der Steuerverwaltung hat und Solidarnost nur in der Kraftfahrzeug- und Kraftfahrzeuganhängerindustrie sowie bei der Eisenbahn und der Stadtpolizei repräsentativ ist. Daneben gibt es 40 Einzelgewerkschaften, die in einem bestimmten Wirtschaftszweig oder Beruf repräsentativ sind, darunter die Eisenbahnergewerkschaften SDZDS und SZPS, die Ärztegewerkschaft FIDES und die Bankgewerkschaft SBS. [9]

 

Die sieben Dachverbände, die als repräsentativ auf nationaler Ebene gelten, sind im dreigliedrigen Wirtschafts- und Sozialrat ESS vertreten, der sich aus Vertretern der Gewerkschaften, der Arbeitgeber und der Regierung zusammensetzt. Der ZSSS verfügt über zwei Sitze, alle anderen Gewerkschaftsverbände haben je einen Sitz.

 

Die Beziehungen zwischen diesen Gewerkschaftsverbänden, insbesondere zwischen ZSSS und KNSS, waren zeitweilig schwierig. Nach 15 Jahre dauernden Verhandlungen haben sich alle sieben Gewerkschaftsbünde und weitere 17 autonome Gewerkschaften 2006 jedoch über die Aufteilung des Gewerkschaftsvermögens geeinigt, das vor der Unabhängigkeit dem Einheitsgewerkschaftsverband gehört hatte.

 

Seit der Unabhängigkeit 1991, als rund zwei Drittel (66,5 %) der Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert waren, ist die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder zurückgegangen.[10] Auch hat sich die Verteilung der Mitglieder auf die Gewerkschaften verändert: Die Gewerkschaften im öffentlichen Sektor konnten ihre Mitgliederzahlen halten, während die Gewerkschaften im verarbeitenden Gewerbe Mitglieder verloren haben.

 

[1] Zahlen aus einer E-Mail an Labour Research vom 8. Mai 2015

[2] The ICTWSS Database: Database on Institutional Characteristics of Trade Unions, Wage Setting, State Intervention and Social Pacts, in 34 countries between 1960 and 2012, compiled by Jelle Visser, at the Amsterdam Institute for Advanced Labour Studies AIAS, University of Amsterdam, Version 4, April 2013 ( siehe http://www.uva-aias.net/207 )

[3] Siehe:

http://www.sindikat-zsss.si/index.php?option=com_content&view=article&id=726&Itemid=219 (Zugriff am 04.05.2015)

[4] Slovenia: Industrial relations profile by Štefan Skledar , Eurofound October 2014   http://www.eurofound.europa.eu/observatories/eurwork/comparative-information/national-contributions/slovenia/slovenia-industrial-relations-profile

[5] http://www.zsss.si/attachments/article/7/PredstavitvenaBrosuraZSSS.pdf (Zugriff am 05.05.2015)

[6] Siehe: Miroslav Stanojević and Živa Brode: Trades Union in Slovenia: historical development and the current situation, 2012

 

[7] http://www.konfederacija-sjs.si/predstavitev/o-ksjs/index.php (Zugriff am 05.05.2015)

[8] http://www.konfederacija-sjs.si/dok/porocilo/index.php (Zugriff am 05.05.2015)

[9] Liste repräsentativer Gewerkschaften (Seznam reprezentativnih sindikatov), Ministry of Labour, Family and Social Affairs (10.11.14)

http://www.mddsz.gov.si/si/delovna_podrocja/delovna_razmerja_in_pravice_iz_dela/socialno_partnerstvo/seznam_reprezentativnih_sindikatov/ (Zugriff am 06.05.2015)

[10] Trades Union in Slovenia: historical development and the current situation by Miroslav Stanojević and Živa Broder, 2012

L. Fulton (2015) Worker representation in Europe. Labour Research Department and ETUI. Produced with the assistance of the SEEurope Network, online publication available at http://www.worker-participation.eu/National-Industrial-Relations.