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Finanzielle Mitarbeiterbeteiligung

Die Beteiligung der Arbeitnehmer in Form von Kapitalbeteiligungen, Erfolgsbeteiligungen und Genossenschaften hat eine lange Tradition in Ungarn. Kapitalbeteiligungen – die wichtigste Beteiligungsform – wurden in den ersten Jahren des Privatisierungsprozesses durch das ungarische Arbeitnehmer-Kapitalbeteiligungsprogramm stark unterstützt. Trotz dieser Unterstützung in der ersten Zeit hat ihr relatives Gewicht in den letzten Jahren rapide abgenommen und ist heute gering.

1984 wurde in Ungarn die Selbstverwaltung der Unternehmen institutionalisiert. In diesem Rahmen war die Möglichkeit vorgesehen, Staatsbetriebe durch von der Belegschaft gewählte Vertretungsgremien oder -versammlungen zu verwalten. Diese Maßnahme schuf die Grundlage für den Privatisierungsprozess, der nach 1989 begann.

Seit dem Jahr 1988 besteht in Ungarn die Möglichkeit von Kapitalbeteiligungen. Mit dem Gesetz über Wirtschaftsvereinigungen von 1988 wurden Belegschaftsaktien eingeführt; unter der aktuellen Version des Gesetzes bestehen diese Regelungen immer noch. Demzufolge können Belegschaftsaktien bis zu 10% des Kapitalstocks eines privaten Unternehmens ausmachen. Diese Art des Eigentums ist bisher jedoch wenig beständig gewesen, da Mitarbeiter, die vom Unternehmen Anteile erhalten haben, diese so schnell wie möglich verkauften.1

Während der Massenprivatisierungsprogramme, die ab 1990 durchgeführt wurden, entwickelten sich zwei unterschiedliche Formen des Eigentumserwerbs durch Belegschaftsteile: Zum einen gab es die Möglichkeit für die Mitarbeiter eines Unternehmens, Eigentum im Wert von bis zu 10-15% des gezeichneten Kapitals des Unternehmens zu Vorzugsbedingungen zu erwerben.2 In großen staatlichen Unternehmen, die am Rande der Zahlungsunfähigkeit standen, mussten die Beschäftigten kaum Geld aufbringen, da das Eigentum unter Vorzugskonditionen so gut wie kostenlos erworben werden konnte. Anders war es in kommerziellen Unternehmen, wo die Beschäftigten weniger an Dividenden als an Gewinnen aus dem Verkauf ihrer Aktien am Zweitmarkt interessiert waren. Dort wurden die meisten dieser Aktien veräußert.

Die häufigste Form der Mitarbeiterbeteiligung ist aus MRP-Programmen entstanden. MRP steht für die ungarische Abkürzung für ESOP-Programme. Grundsätzlich sind die ungarischen Arbeitnehmerbeteiligungspläne an das amerikanische „Trust-Modell“ angelehnt. Allerdings gibt es einen großen Unterschied zwischen beiden Systemen: Während die ungarischen Pläne lediglich als Privatisierungsinstrument dienen und aufhören zu existieren, sobald alle Aufwendungen für die Anteile getilgt und diese auf die Angestellten übertragen worden sind, bleiben die amerikanischen Pläne weiter bestehen, um die Anteile der Angestellten zu verwalten.3

In Ungarn konnten die Beschäftigten eines Unternehmens zusammen mit externen Investoren an einer Ausschreibung teilnehmen, um das Unternehmenseigentum zu erwerben. Im Rahmen der MRP-Programme wurden den Arbeitnehmern dafür Darlehen zu Vorzugsbedingungen angeboten.

In der Phase der „spontanen Privatisierung“ wurden Unternehmen teilweise durch Mitglieder des Managements übernommen. Bei fast allen ESOP-Übernahmen handelte es sich de facto um Übernahmen durch das eigene Management (Management Buy-out, MBO).4 Allerdings wurden im Jahr 2003 gesetzlich „Fairness“-Regeln festgelegt, so dass der Manageranteil begrenzt wurde. Die Zahl der MRP-Programme sank beachtlich aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen und rechtlichen Situation. Nach der Rückzahlung der Kredite endeten die Programme aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen. Die Arbeitnehmer, die individuelle Eigner wurden, zogen direkte Lohnzahlungen den Anteilen vor und verkauften diese so schnell wie möglich.

Anfang 2003 trat eine neue Gesetzgebung in Kraft, die es Unternehmen erlaubt, staatlich und steuerlich anerkannte Aktienbeteiligungspläne ins Leben zu rufen. Für die Anerkennung muss das betreffende Unternehmen einen Antrag beim Finanzministerium stellen, das anschließend die zuständige Steuerbehörde von diesem Beschluss unterrichtet. Antragsteller sind in der Regel große multinationale Unternehmen in Ungarn, die die Programme des Hauptsitzes in allen nationalen Tochtergesellschaften einführen wollen.5

Insgesamt existiert derzeit keine politische Initiative der ungarischen Regierung zur Förderungen von Kapitalbeteiligungen. Obwohl alle politischen Parteien sich für dieses Thema aussprechen, gibt es keine konkreten politischen Entscheidungen.6

Genossenschaften, vor allem Kreditgenossenschaften, spielten in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen eine äußerst wichtige Rolle. Nach der Machtübernahme der Kommunisten 1948 wurde der Genossenschaftssektor künstlich aufgebläht, und bis 1986 stieg die Zahl der Beschäftigten von Genossenschaften auf fast ein Viertel der gesamten Arbeitnehmerschaft. Nach der Wende änderte sich diese Situation jedoch rapide: Im Jahr 2000 betrug der Anteil der einkommensbeziehenden Genossenschaftsmitglieder an der Gesamtarbeitnehmerschaft nur noch 0,2%.7

Erfolgsbeteiligungsprogramme gab es in Ungarn bereits im sozialistischen Staatssystem. Im traditionellen ungarischen Staatssozialismus war Erfolgsbeteiligung ein flexibler Bestandteil des Einkommens zusätzlich zum Grundlohn. Viele Unternehmen inländischen Besitzes führen noch heute diese Praxis. Multinationale und in Auslandsbesitz befindliche Unternehmen wenden andere Anreizsysteme für ihre Mitarbeiter an. Einige ausländische Unternehmen praktizieren Incentivemodelle, die sich an eher kurzfristig angelegten „amerikanischen Modellen“ orientieren, die stark gewinnorientiert sind und sich hauptsächlich auf Anreize für das Management stützen. Diese Modelle schaffen allerdings starke Ungleichgewichte im Unternehmen, während „europäische Anreizmodelle“, die u.a. von nationalen Unternehmen praktiziert werden, geringere Unterschiede und weniger Ungleichgewichte zwischen Belegschaftsgruppen mit sich bringen und zudem langfristigen Interessen dienen.8

Wilke, Maack und Partner (2014) Länderberichte über finanzielle Mitarbeiterbeteiligung in Europa. Erstellt für www.worker-participation.eu. Die Berichte wurden erstmals 2007 veröffentlicht und 2014 vollständig aktualisiert.