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Gewerkschaften

Der gewerkschaftliche Organisationsgrad in den 28 EU-Staaten und in Norwegen ist äußerst unterschiedlich und reicht von circa 70 % in Finnland, Schweden und Dänemark bis zu 8 % in Frankreich. Neben dem Organisationsgrad gibt es aber auch andere Indikatoren für die Fähigkeit der Gewerkschaften, die Arbeitnehmer zu mobilisieren. In den meisten Ländern ist die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder in den letzten Jahren gefallen. In ein paar Ländern ist sie zwar gestiegen, aber nicht in demselben Maße wie die Zahl der Erwerbstätigen. In den meisten europäischen Ländern gibt es mehrere konkurrierende Gewerkschaftsbünde. Sie wurden meist auf der Grundlage unterschiedlicher politischer Ausrichtungen gegründet, die ideologischen Unterschiede dürften mittlerweile aber weniger wichtig geworden sein. Der Trend zu Fusionen – meist innerhalb und weniger zwischen Gewerkschaftsbünden – setzt sich fort und trägt dazu bei, die Gewerkschaftslandschaft neu zu gestalten.

Gewerkschaftlicher Organisationsgrad

Um sich ein Bild der Macht der Gewerkschaften zu machen, muss zunächst der gewerkschaftliche Organisationsgrad betrachtet werden, das heißt der Anteil der Arbeitnehmer, die einer Gewerkschaft angehören. In manchen Ländern wird diese Zahl neben anderen Daten im Rahmen von Arbeitskräfteerhebungen erfasst. In anderen wird der gewerkschaftliche Organisationsgrad aus den Mitgliedszahlen abgeleitet, die von den Gewerkschaften angegeben werden. Die vorliegenden Zahlen und besonders diejenigen, die sich auf gewerkschaftliche Angaben stützen, sind nicht immer präzise, entweder weil die Gewerkschaften selbst keine genauen Zahlen veröffentlichen oder weil die veröffentlichten Zahlen auch Mitglieder umfassen, die nicht erwerbstätig sind, etwa Rentner, Studenten oder Arbeitslose. Für alle Länder liegen Schätzungen vor, die in der Tabelle unten angegeben sind.

Aus den Zahlen1 geht deutlich hervor, dass der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich ist: Er reicht von 74 % in Finnland, 70 % in Schweden und 67 % in Dänemark bis 10 % in Estland und Litauen und 8 % in Frankreich. Allerdings ist dabei zu beachten, dass der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder nicht der einzige Indikator für die Macht der Gewerkschaften ist. In Spanien beispielsweise lässt sich die Unterstützung für die Gewerkschaften daran ablesen, dass sie bei den Betriebsratswahlen hohe Stimmenanteile erzielen, und in Frankreich haben die Gewerkschaften wiederholt gezeigt, dass sie trotz geringer Mitgliederzahlen in der Lage sind, Arbeitnehmer mit Erfolg für Massenstreiks und Demonstrationen zu mobilisieren.

Der durchschnittliche Anteil der Gewerkschaftsmitglieder in der Europäischen Union insgesamt, gewichtet nach den Arbeitnehmerzahlen in den einzelnen Mitgliedstaaten, beträgt 23 %. Dabei ist zu beachten, dass der relativ geringe gewerkschaftliche Organisationsgrad in einigen der größeren EU-Mitgliedstaaten wie Deutschland (18 %), Frankreich (8 %) sowie Spanien mit 19 % und Polen mit 12 % diesen Durchschnitt drückt. Die drei kleinsten Staaten hingegen – Zypern, Luxemburg und Malta – verzeichnen hier Anteile, die weit über dem Durchschnitt liegen.

Wie bereits erwähnt stehen die drei nordischen Länder Dänemark, Schweden und Finnland mit rund 70 %gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmern an der Spitze . Ebenso wie in Belgien – das ebenfalls einen überdurchschnittlichen gewerkschaftlichen Organisationsgrad aufweist – liegt dies zum Teil daran, dass das Arbeitslosengeld und andere soziale Leistungen in der Regel von den Gewerkschaften ausgezahlt werden. In Schweden haben sich die jüngsten Änderungen bei der Regelung der Arbeitslosenunterstützung negativ auf die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder ausgewirkt. Aber in den nordischen Ländern ist der hohe gewerkschaftliche Organisationsgrad auch dadurch zu erklären, dass die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft für erwerbstätige Arbeitnehmer eine Selbstverständlichkeit ist. So verzeichnet Norwegen, wo das Arbeitslosengeld nicht von den Gewerkschaften ausgezahlt wird, mit rund 52 % einen relativ hohen Anteil gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer.

In anderen Ländern herrscht ein eher gewerkschaftsfeindliches Klima, insbesondere in einigen der neuen EU-Mitgliedstaaten Mittel- und Osteuropas, wo der Anteil der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer auch unter dem Durchschnitt liegt. Acht der elf mittel- und osteuropäischen Länder verzeichnen einen gewerkschaftlichen Organisationsgrad unter dem EU-Durchschnitt, darunter Polen, das größte Land in dieser Gruppe, wo der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder unter den Arbeitnehmern auf 12 % geschätzt wird. In der oberen Hälfte der Tabelle befinden sich nur Slowenien mit einem Organisationsgrad von 26 %, Kroatien mit einem Anteil von 35% und Rumänien, wo dieser Anteil Schätzungen zufolge bei 33 % liegt, obgleich die Gewerkschaften angeben, dass sie zwischen 40 und 50 % der Arbeitnehmer organisieren.

Die Länder weisen zwar sehr unterschiedliche Gewerkschaftsmitgliederzahlen auf, aber was ihre Entwicklung angeht, ist in den meisten Ländern der gleiche Trend zu beobachten: Nur in sechs Ländern - Belgien, Zypern, Italien, Luxemburg, Malta und Norwegen – ist die Zahl der Arbeitnehmer, die einer Gewerkschaft angehören, in den letzten Jahren gestiegen. Aber mit der Ausnahme Italiens hat dieser Anstieg nicht mit dem allgemeinen Beschäftigungswachstum Schritt gehalten, was bedeutet, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad gesunken ist.

In den übrigen EU-Ländern ist die Gesamtzahl der Gewerkschaftsmitglieder gesunken. Besonders hohe Mitgliederverluste verzeichneten die Gewerkschaften in den mittel- und osteuropäischen Ländern, vor allem infolge der industriellen Umstrukturierung und des grundlegenden Wandels der Rolle der Gewerkschaften. Aber auch in einigen westeuropäischen Ländern wie Österreich und Portugal ist die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder gesunken. Andererseits gibt es in einigen Ländern, die in der Vergangenheit hohe Mitgliederverluste aufwiesen, Anzeichen für eine Stabilisierung der Zahl der Gewerkschaftsmitglieder.

In Deutschland beispielsweise hatte der größte Gewerkschaftsbund DGB seit seinem Mitgliederhöchststand im Jahr 1991 48 % seiner Mitglieder verloren, was zum Teil auf die hohen Mitgliederverluste im ehemaligen Ostdeutschland zurückzuführen war. Neuesten Angaben zufolge ist die Zahl der DGB-Mitglieder in den letzten zwei Jahren aber nur um 0,7 % gesunken. In Großbritannien hat sich die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder nach den erheblichen Verlusten der 80er Jahre und der ersten Hälfte der 90er Jahre mehr oder weniger stabilisiert und ist 2011 und 2012 sogar geringfügig gestiegen.

In Großbritannien ist die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder in der Privatwirtschaft zwischen 2010 und 2012 infolge der Rekrutierungskampagnen der Gewerkschaften gestiegen, im öffentlichen Sektor ist ihre Zahl hingegen aufgrund der von der Regierung beschlossenen Stellenabbaumaßnahmen gesunken.2 Dennoch - über einen längeren Zeitraum hinweg war die Stabilisierung der Gewerkschaftsmitgliederzahlen in Großbritannien auf das Beschäftigungswachstum im öffentlichen Sektor zurückzuführen, wo die Gewerkschaften besser vertreten sind.

Die Tatsache, dass der öffentliche Sektor stärker gewerkschaftlich organisiert ist als die Privatwirtschaft, ist im Übrigen ein allgemeines Phänomen, das auf viele Länder West- wie Osteuropas zutrifft. In Frankreich beispielsweise geht aus offiziellen Angaben für den Zeitraum 2001-2005 hervor, dass der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder bei Staatsbediensteten 15,2 % betrug, in der Privatwirtschaft hingegen nur 5%.3 In Polen ergab eine Umfrage (2012), dass der Anteil gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer in staatlichen Betrieben und Einrichtungen drei Mal so hoch war wie in der Privatwirtschaft.4 In Kroatien bezifferte eine 2010 veröffentlichte Studie den gewerkschaftlichen Organisationsgrad auf 68% im öffentlichen Sektor, aber lediglich 17% im privaten Sektor5 .

Und auch in Schweden beträgt der gewerkschaftliche Organisationsgrad im öffentlichen Sektor laut Angaben des Nationalen Schlichtungsinstituts 83 %, im Privatsektor hingegen nur 65 %.6 In den Niederlanden geht aus der regelmäßigen Arbeitnehmererhebung des nationalen Amtes für Statistik hervor, dass der höchste gewerkschaftliche Organisationsgrad mit 34 % in der öffentlichen Verwaltung zu finden ist, während er im Hotel- und Gaststättengewerbe nur bei 7 % liegt (Stand: 2011).7

Der Anteil von Frauen und Männern unter den Gewerkschaftsmitgliedern – für die meisten Länder liegen keine diesbezüglichen Zahlen vor – ist unterschiedlich und wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst, wie z. B. dem Anteil von Teilzeitarbeit und den Branchen, in denen Frauen und Männer beschäftigt sind.

In Spanien etwa ging aus einer Erhebung der Regierung (2010) hervor, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad bei Männern 17,8 %, bei Frauen hingegen nur 14,8 % betrug, wobei dieses Gefälle kleiner geworden ist.8 Im Gegensatz dazu ergab die oben erwähnte Studie des LO, dass in Schweden 74 % der Arbeitnehmerinnen einer Gewerkschaft angehören, während dieser Anteil bei Männern 69 % betrug.

Land

Anteil der Arbeitnehmer, die einer Gewerkschaft angehören (in %)

Finnland

74%

Schweden

70%

Dänemark

67%

Zypern

55%

Norwegen

52%

Malta

51%

Belgien*

50%

Luxemburg*

41%

Italien*

35%

Kroatien

35%

Rumänien*

33%

Irland

31%

Österreich*

28%

Slowenien*

27%

Großbritannien

26%

Griechenland*

25%

Bulgarien*

20%

Niederlande

20%

Portugal**

19%

Spanien

19%

Deutschland *

18%

Tschechische Republik*

17%

Slowakei*

17%

Lettland

13%

Ungarn

12%

Polen

12%

Estland

10%

Litauen

10%

Frankreich

8%

   

EU Durchschnitt*

24%

Quellen: Bei vielen Ländern (*) stammen die Angaben aus der ICTWSS-Datenbank: Datenbank über institutionelle Besonderheiten von Gewerkschaften, Lohnfestsetzung, staatliche Intervention und Sozialpakte, 1960-2010, zusammengestellt von Jelle Visser, Amsterdam Institute for Advanced Labour Studies AIAS, Universität Amsterdam, Version 4,April 2013. Die Angaben für die übrigen Länder stammen aus folgenden Quellen:

Zypern: Department of Labour Relations

Dänemark: Udviklingen i den faglige organisering: årsager og konsekvenser for den danske model, by Jesper Due and Jørgen Steen Madsen. 2010, LO-dokumentation 1/2010.

Estland: Statistics Estonia database Table WQU96.

Finnland: Anna-Maija Lehto und Hanna Sutela: Three decades of working conditions: Findings of Finnish Quality of Work Life Surveys 1977-2008, 2009.

Frankreich: Le paradoxe du syndicalisme français: un faible nombre d’adhérents, mais des syndicats bien implantés, DARES, 2008.

Ungarn: Ágnes Szabó-Morvai: Szakszervezeti stratégia és megújulás (Trade union strategy and renewal), November 2010.

Irland: Quarterly National Household Survey, Union Membership, Quarter 2 2012, CSO, Ireland, März 2013.

Kroatien: Dragan Bagić: Industrijski odnosi u Hrvatskoj: društvena integracija ili tržišni sukob (Industrielle Beziehungen in Kroatien: Soziale Integration oder Marktkonflikt), 2010.

Lettland: LBAS.

Litauen: Statistics Lithuania, Table M319020.

Luxemburg : Jean Ries: Regards sur la syndicalisation au Luxembourg, Statec, 12.

Malta: Report by the Registrar of Trade Unions 2011-12, Malta.

Niederlande: Centraal Bureau voor de Statistiek.

Norwegen: Kristine Nergaard und Torgeir Aarvaag Stokke: Organisasjonsgrader og tariffavtaledekning i norsk arbeidsliv 2008, Fafo, 2010, aktualisierte Fassung 2012.

Polen: Związki zawodowe i prawa pracownicze, BS/52/2102, Centrum Badania Opinii Społecznej (CBOS), 2012.

Slowakei: Statistical Yearbook of the Slovak Republic: 2011.

Slowenien: Miroslav Stanojević und Živa Broder: Trade Unions in Slovenia: historical development and the current situation 2012.

Spanien: Encuesta de la Calidad de Vida en el Trabajo (ECV) (2010).

Schweden: Avtalsrörelsen och lönebildningen 2012 Medlingsinstitutets årsrapport, Medlingsinstitutet, 2013.

Großbritannien: Trade Union Membership 2012: Statistical Bulletin, Department for Business, Innovation and Skills, 2013.

Die Gesamtwerte für die EU und die EU und Norwegen wurden auf der Grundlage von Eurostat-Angaben zu abhängig beschäftigten Arbeitnehmern berechnet..

Gewerkschaftsstrukturen

Die Gewerkschaftsbünde in der Europäischen Union – die Spitzenverbände der Gewerkschaften auf nationaler Ebene – sind auf unterschiedliche Weise organisiert.

In nur fünf Mitgliedstaaten gibt es einen einzigen Gewerkschaftsbund, dem alle oder fast alle Gewerkschaftsmitglieder angehören: Österreich, Irland, Lettland, die Slowakei und Großbritannien; eine ähnliche Situation ist aber auch in Deutschland und Griechenland zu finden. In Deutschland existieren neben dem dominierenden DGB der DBB, dem viele Beschäftigte des öffentlichen Dienstes angehören, sowie ein wesentlich kleinerer christlicher Gewerkschaftsbund. In Griechenland gibt es einen Gewerkschaftsbund für die Beschäftigten der Privatwirtschat (GSEE) und einen für den öffentlichen Dienst (ADEDY).

In fünf nordeuropäischen Ländern, das heißt in Dänemark, Finnland, Norwegen, Schweden und – in geringerem Umfang – in Estland sind die Gewerkschaftsbünde hauptsächlich nach Berufen oder Bildungsabschlüssen organisiert. Hier gibt es Gewerkschaftsbünde für Arbeiter, für Angestellte und für Akademiker, bis auf Estland, wo nur zwischen Arbeitern und Angestellten unterschieden wird, und auch dies nicht immer.

In den meisten Ländern gibt es mehrere Gewerkschaftsbünde, die zumindest zu Beginn aufgrund ihrer politischen oder religiösen Ausrichtung miteinander rivalisierten. Dies trifft auf 17 Länder zu: Belgien, Bulgarien, Frankreich, Italien, Kroatien, Litauen, Luxemburg, Malta, die Niederlande, Polen, Portugal, Rumänien, Slowenien, Spanien, Tschechische Republik, Ungarn und Zypern.

In den verschiedenen Teilen Europas haben unterschiedliche Gründe dazu geführt, dass sich rivalisierende Gewerkschaftsbünde gegenüberstehen. In Westeuropa und in den Inselstaaten des Mittelmeerraums grenzen sich die Gewerkschaftsbünde durch unterschiedliche Positionen voneinander ab, die zum Teil während des Kalten Krieges entstanden sind, zum Teil auch weiter in die Vergangenheit zurückreichen. Dies ist unter anderem in Belgien, Frankreich, Italien und Portugal sowie in Malta und Zypern der Fall, auch wenn die politischen Bindungen, die zu den ursprünglichen Gegensätzen geführt hatten, bei den meisten von ihnen im Lauf der Zeit schwächer geworden sind. In Mittel- und Osteuropa hingegen teilen sich die Gewerkschaftsbünde auf in jene, die aus der reformierten offiziellen Gewerkschaftsstruktur der kommunistischen Zeit hervorgingen (wie KNSB in Bulgarien oder OPZZ in Polen), und solche, die aus der Opposition gegen die damaligen Regierungen entstanden sind (wie Podkrepa in Bulgarien oder NSZZ Solidarność in Polen).

Es gibt auch andere Elemente, die zur Komplexität der Lage beitragen. In Italien, Spanien und Luxemburg bestehen innerhalb bestimmter Branchenverbände wichtige Gewerkschaftsgruppen, in Italien im Finanzsektor, in Spanien in der öffentlichen Verwaltung und in Luxemburg im Finanzsektor und in der öffentlichen Verwaltung. In Slowenien und Ungarn unterscheiden sich die Gewerkschaftsbünde nicht nur nach politischen Gesichtspunkten, sondern sind zudem nach Branchen organisiert. In Kroatien scheinen die Unterschiede eher organisatorischer denn politischer Natur zu sein. In den Niederlanden wurde neben dem FNV, der aus dem Zusammenschluss eines sozialistischen und eines katholischen Gewerkschaftsbundes entstanden ist, und dem CNV, der sich auf seine protestantische Tradition beruft, ein dritter Dachverband MHP gegründet, um die Interessen der Führungskräfte zu vertreten, aber dieser Verband hat sich vor Kurzem gespalten. In Spanien schließlich bestehen bedeutende Gewerkschaftsbünde, die auf regionaler Basis organisiert sind – eine Tatsache, die das Streben nach mehr Autonomie und manchmal auch nach Unabhängigkeit auf dieser Ebene zum Ausdruck bringt.

Es gibt in den meisten Ländern kaum Anzeichen dafür, dass diese Aufspaltungen der Gewerkschaften in nächster Zukunft verschwinden werden. In Rumänien haben die Gewerkschaftsbünde Schritte unternommen, um ein neues Bündnis zu schließen, aber dieser Versuch ist 2012 gescheitert. Auch in Frankreich haben zwei kleinere Gewerkschaftsbünde (CFE-CGC und UNSA) 2008 und Anfang 2009 über einen möglichen Zusammenschluss beraten, aber konnten sich nicht einigen. In Ungarn haben drei der sechs Gewerkschaftsbünde im Mai 2013 Fusionspläne mitgeteilt.

Andererseits ist innerhalb der Gewerkschaftsbünde ein anhaltender Trend zu Fusionen zwischen Einzelgewerkschaften zu beobachten. Einige der größten europäischen Gewerkschaften sind aus Zusammenschlüssen der letzten zwölf Jahre hervorgegangen. Dazu gehören Verdi, die zweitgrößte Gewerkschaft Deutschlands (Jahr der Gründung: 2001), die größte norwegische Gewerkschaft Fagborbundet (2003), 3F, die größte Gewerkschaft Dänemarks (2005), die größte Gewerkschaft Großbritanniens Unite (2007) und Unionen, die zweitgrößte Gewerkschaft Schwedens (2008). Und 2009 ist auch die zweitgrößte Gewerkschaft Österreichs PRO-GE aus einer Fusion hervorgegangen.

In Finnland ist es 2009 und 2010 zu zwei Gewerkschaftsfusionen gekommen, aber nicht im geplanten Umfang, da letztendlich nur ein Teil der an den Gesprächen beteiligten Gewerkschaften dem Zusammenschluss zustimmte. Diese Erfahrungen haben gezeigt, welche Probleme mit solchen Zusammenschlüssen verbunden sein können.

In manchen Ländern beruht das Gewerkschaftswesen auf starken Einzelgewerkschaften, die in den Betrieben durch lokale Gewerkschaftsgruppen vertreten sind, wie z.B. in Deutschland und in Großbritannien. In anderen Ländern bilden die Betriebsgewerkschaften die grundlegende Einheit. Diese schließen sich mit den Gewerkschaften anderer Betriebe zu Branchen- oder Regionalverbänden zusammen, die wiederum Gewerkschaftsbünden angeschlossen sind. Dies ist unter anderem der Fall in Polen (mit Ausnahme von Solidarność), Frankreich, Kroatien, Rumänien, Portugal und Griechenland.

L. Fulton (2013) Arbeitnehmervertretung in Europa. Labour Research Department und ETUI. Erstellt mit Unterstützung des SEEurope Netzwerks. Online-Publikation, verfügbar unter http://de.worker-participation.eu.