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Gewerkschaften

Der gewerkschaftliche Organisationsgrad in der EU und in Norwegen ist äußerst unterschiedlich und reicht von circa 70 % in Finnland, Schweden und Dänemark bis zu 8 % in Frankreich und Litauen, wobei der Organisationsgrad nicht der einzige Indikator für die Fähigkeit der Gewerkschaften ist, die Arbeitnehmer zu mobilisieren. Die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder ist seit einiger Zeit rückläufig, aber in einigen Ländern gibt es Anzeichen dafür, dass dieser Trend gestoppt werden konnte. In den meisten europäischen Ländern gibt es mehrere konkurrierende Gewerkschaftsbünde. Sie wurden meist auf der Grundlage unterschiedlicher politischer Ausrichtungen gegründet, die ideologischen Unterschiede dürften mittlerweile aber weniger wichtig geworden sein. Der Trend zu Fusionen setzt sich fort und trägt dazu bei, die Gewerkschaftslandschaft neu zu gestalten. Diese Zusammenschlüsse haben bisher allgemein innerhalb von Gewerkschaftsbünden und nicht zwischen ihnen stattgefunden, dies könnte sich in Dänemark und Finnland demnächst ändern.

Gewerkschaftlicher Organisationsgrad

Um sich ein Bild der Macht der Gewerkschaften zu machen, muss zunächst der gewerkschaftliche Organisationsgrad betrachtet werden, das heißt der Anteil der Arbeitnehmer, die einer Gewerkschaft angehören. In manchen Ländern wird diese Zahl neben anderen Daten im Rahmen von Arbeitskräfteerhebungen erfasst. In anderen wird der gewerkschaftliche Organisationsgrad aus den Mitgliedszahlen abgeleitet, die von den Gewerkschaften angegeben werden. Die vorliegenden Zahlen und besonders diejenigen, die sich auf gewerkschaftliche Angaben stützen, sind nicht immer präzise, entweder weil die Gewerkschaften selbst keine genauen Zahlen veröffentlichen oder weil die veröffentlichten Zahlen auch Mitglieder umfassen, die nicht erwerbstätig sind, etwa Rentner, Studenten oder Arbeitslose. Die Details entsprechen auch nicht immer dem aktuellen Stand, während sie in einigen Ländern jährlich veröffentlicht werden, erfolgt die Publikation in anderen Ländern deutlich seltener, oder die letzte zuverlässige Studie ist schon mehrere Jahre alt.

Trotz dieser Schwierigkeiten liegen für alle Länder Schätzungen vor, die in der Tabelle unten angegeben sind. Es ist jedoch grundsätzlich zu berücksichtigen, dass die für viele Länder vorgelegten Prozentzahlen ungenau sind.

Aus den Zahlen[1] geht deutlich hervor, dass der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich ist: Er reicht von 74 % in Finnland, 70 % in Schweden und 67 % in Dänemark bis 10 % in Estland und 8 % in Frankreich und Litauen.

Allerdings ist dabei zu beachten, dass der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder nicht der einzige Indikator für die Macht der Gewerkschaften ist. In Spanien beispielsweise lässt sich die Unterstützung für die Gewerkschaften daran ablesen, dass sie bei den Betriebsratswahlen hohe Stimmenanteile erzielen, und in Frankreich haben die Gewerkschaften wiederholt gezeigt, dass sie trotz geringer Mitgliederzahlen in der Lage sind, Arbeitnehmer mit Erfolg für Massenstreiks und Demonstrationen zu mobilisieren. Sie haben außerdem eine starke Präsenz in zahlreichen Betrieben (siehe Abschnitt über Arbeitnehmervertretung).

Der durchschnittliche Anteil der Gewerkschaftsmitglieder in der Europäischen Union insgesamt, gewichtet nach den Arbeitnehmerzahlen in den einzelnen Mitgliedstaaten, beträgt 23 %. Dabei ist zu beachten, dass der relativ geringe gewerkschaftliche Organisationsgrad in einigen der größeren EU-Mitgliedstaaten wie Deutschland (18 %), Frankreich (8 %) sowie Spanien mit 19 % und Polen mit 12 % diesen Durchschnitt drückt. Die drei kleinsten Staaten hingegen – Zypern, Luxemburg und Malta – verzeichnen hier Anteile, die weit über dem Durchschnitt liegen.

Wie bereits erwähnt stehen die drei nordischen Länder Dänemark, Schweden und Finnland mit rund 70 % gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmern an der Spitze. Ebenso wie in Belgien – das ebenfalls einen überdurchschnittlichen gewerkschaftlichen Organisationsgrad aufweist – liegt dies zum Teil daran, dass das Arbeitslosengeld und andere soziale Leistungen in der Regel von den Gewerkschaften ausgezahlt werden. In Schweden haben sich  Änderungen bei der Regelung der Arbeitslosenunterstützung zwischen 2006 und 2008 negativ auf die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder ausgewirkt. Aber in den nordischen Ländern ist der hohe gewerkschaftliche Organisationsgrad auch dadurch zu erklären, dass die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft für erwerbstätige Arbeitnehmer eine Selbstverständlichkeit ist. So verzeichnet Norwegen, wo das Arbeitslosengeld nicht von den Gewerkschaften ausgezahlt wird, mit rund 52 % einen relativ hohen Anteil gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer.

In anderen Ländern herrscht ein eher gewerkschaftsfeindliches Klima, insbesondere in einigen der neuen EU-Mitgliedstaaten Mittel- und Osteuropas, wo der Anteil der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer auch unter dem Durchschnitt liegt. Neun der elf mittel- und osteuropäischen Länder verzeichnen einen gewerkschaftlichen Organisationsgrad unter dem EU-Durchschnitt, darunter Polen, das größte Land in dieser Gruppe, wo der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder unter den Arbeitnehmern auf 12 % geschätzt wird. In der oberen Hälfte der Tabelle befinden sich nur Kroatien und Rumänien, in beiden Ländern wird der gewerkschaftliche Organisationsgrad auf 35% geschätzt.

In den meisten Ländern ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad seit mehr als 15 Jahren kontinuierlich zurückgegangen. Die wichtigste Ausnahme ist hier Italien, wo die gewerkschaftliche Mitgliedschaft der Arbeitnehmer (fast die Hälfte der italienischen Gewerkschaftsmitglieder sind Rentner) in den letzten fünf Jahren zugenommen hat. Obwohl die Gesamtbeschäftigung zurückgegangen ist, hat der gewerkschaftliche Organisationsgrad zugelegt.

Die aktuellen Zahlen erlauben aber den Schluss, dass sich der Mitgliederverlust abgeschwächt hat und sich der gewerkschaftliche Organisationsgrad in einer Reihe von Ländern, die in der Vergangenheit Verluste hinnehmen mussten, stabilisiert hat.

In Deutschland beispielsweise hatte der größte Gewerkschaftsbund DGB seit seinem Mitgliederhöchststand im Jahr 1991 48 % seiner Mitglieder verloren, was zum Teil auf die hohen Mitgliederverluste im ehemaligen Ostdeutschland zurückzuführen war. Den neuesten Angaben zufolge ist die Zahl der DGB-Mitglieder in den letzten vier Jahren aber nur um 1,4 % gesunken. In Großbritannien hat sich die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder nach den erheblichen Verlusten der 80er Jahre und der ersten Hälfte der 90er Jahre mehr oder weniger stabilisiert. In den zehn Jahren zwischen 2003 und 2013 ging der gewerkschaftliche Organisationsgrad zurück, aber nur um 3,7% (von 29,3% auf 25,6%). Auch in Österreich scheinen die „Krisenjahre“ von 2006 bis 2009, wie der Gewerkschaftsbund sie nennt, überwunden zu sein, da die Mitgliederzahlen im Wesentlichen stabil bleiben. Wie bereits erwähnt, ist auch der gewerkschaftliche Organisationsgrad in dieser Zeit leicht zurückgegangen, hat sich aber hier seit 2011 stabilisiert.  

Von den neueren EU-Mitgliedstaaten in Mittel- und Osteuropa gibt es weniger positive Nachrichten zu vermelden, da dort die industrielle Umstrukturierung und eine grundlegende Änderung der Aufgaben der Gewerkschaften in der Vergangenheit stark Wirkung gezeigt haben und die Gewerkschaften sich immer noch in einem schwierigen Umfeld bewegen müssen. In den sieben Ländern, für die aktuelle Zahlen vorliegen[2]  (Bulgarien, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, Slowakei und Slowenien), sind die Mitgliedszahlen der Gewerkschaften zurückgegangen.

Da aktuelle Zahlen fehlen, ist es nur schwer zu beurteilen, wie sich die Wirtschafts- und Finanzkrise auf die Gewerkschaften in den meisten Staaten Südeuropas auswirkt, die am schwersten davon betroffen sind. Aus Zypern berichten die Gewerkschaften, dass sie Mitglieder verloren haben, aber das Ausmaß dieser Folgen bleibt ungewiss. Eine ähnliche Situation scheinen wir in Portugal und Griechenland zu haben. In Spanien haben die beiden großen Gewerkschaftsbünde detaillierte Mitgliederzahlen vorgelegt, sie weisen Verluste von 12,6% (UGT) und 16,7% (CCOO) seit 2010 aus. Dieser Rückgang fällt deutlicher aus als der Rückgang der Gesamtbeschäftigung und erlaubt den Schluss, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad ebenfalls rückläufig ist.

Im größten Teil Europas ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad sowohl im Westen als auch im Osten im öffentlichen Sektor höher als in der Privatwirtschaft. In Großbritannien wird dies besonders deutlich, im öffentlichen Sektor beträgt der gewerkschaftliche Organisationsgrad 55,4%, im privaten Sektor jedoch nur 14,4%.[3] In anderen europäischen Ländern  ist dieser Abstand meistens nicht so groß, aber immer noch deutlich sichtbar. In Frankreich geht aus offiziellen Angaben für den Zeitraum 2001-2005 hervor, dass der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder bei Staatsbediensteten 15,2 % betrug, in der Privatwirtschaft hingegen nur 5%.[4] In Norwegen sind 79% der Beschäftigten im öffentlichen Sektor Mitglieder einer Gewerkschaft, im privaten Sektor sind es lediglich 37%.[5] In Kroatien war laut einer Erhebung im Jahr 2010 der gewerkschaftliche Organisationsgrad im öffentlichen Sektor 68%, in der Privatwirtschaft nur 17%, damit ist das Verhältnis ähnlich wie in Großbritannien.[6]  In Schweden war der gewerkschaftliche Organisationsgrad im öffentlichen Sektor 2014 laut Angaben des Nationalen Schlichtungsinstituts mit 83 % höher als im Privatsektor mit nur 65 %, diese Differenz ist aber geringer als in den meisten anderen Ländern.[7]

Einige Länder legen Zahlen zum Anteil von Frauen und Männern unter den Gewerkschaftsmitgliedern vor. Dieser unterscheidet sich erheblich und wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst, wie z. B. der Anteil von Teilzeitarbeit und die Branchen, in denen Frauen und Männer beschäftigt sind.

In Spanien etwa ging aus einer Erhebung der Regierung (2010) auf Basis der gesamten Erwerbsbevölkerung und nicht nur der Beschäftigten hervor, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad bei Männern 17,8 %, bei Frauen hingegen nur 14,8 % betrug, wobei dieses Gefälle kleiner geworden ist[8]. Auch in den Niederlanden erlaubt eine regelmäßige Umfrage unter Arbeitnehmern (EBB) den Schluss, dass Männer mit einem Organisationsgrad von 23% im Jahre 2011 eher Gewerkschaftsmitglied waren als Frauen mit 17%. In Polen hat eine 2014 durchgeführte Umfrage ergeben, dass es bei der gewerkschaftlichen Organisierung von Frauen und Männern keinen Unterschied gibt. [9]   

Im Gegensatz dazu war der gewerkschaftliche Organisationsgrad bei Frauen mit 12,9% höher als bei Männern mit 11,1% (Zahlen aus dem Jahr 2011)[10]. Das gilt ebenfalls für Schweden, hier lassen die Zahlen des nationalen Schlichtungsinstituts erkennen, dass weibliche Arbeitskräfte (74%) eher gewerkschaftlich organisiert sind als Männer (67%)[11]. Eine ähnliche Situation haben wir auch in Irland mit einem gewerkschaftlichen Organisationsgrad von 32% bei Frauen und 26% bei Männern[12] sowie in Großbritannien mit 28% weiblichen Arbeitnehmern und 23% ihrer männlichen Kollegen, die gewerkschaftlich organisiert sind.[13]

 

Land

Anteil der Arbeitnehmer, die einer Gewerkschaft angehören (in %)

Finnland

74%

Schweden

70%

Dänemark

67%

Zypern

55%

Norwegen

52%

Belgien*

50%

Malta

47%

Luxemburg*

41%

Kroatien

35%

Italien*

35%

Rumänien*

35%

Irland

31%

Österreich*

28%

Großbritannien

26%

Großbritannien

26%

Griechenland*

25%

Slowenien

22%

Niederlande

20%

Portugal**

19%

Spanien

19%

Bulgarien*

18%

Deutschland *

18%

Tschechische Republik*

17%

Slowakei*

13%

Lettland

13%

Ungarn

12%

Polen

12%

Estland

10%

Frankreich

8%

Litauen

8%

 

 

EU Durchschnitt

23%

Durchschnitt mit Norwegen

24%

 

Quellen: Bei vielen Ländern (*) stammen die Angaben aus der ICTWSS-Datenbank: Datenbank über institutionelle Besonderheiten von Gewerkschaften, Lohnfestsetzung, staatliche Intervention und Sozialpakte, 1960-2010, zusammengestellt von Jelle Visser, Amsterdam Institute for Advanced Labour Studies AIAS, Universität Amsterdam, Version 4,April 2013. Die Angaben für die übrigen Länder stammen aus folgenden Quellen:

Bulgarien: Official census of trade union membership 2012;The effects of the economic crisis on industrial relations in Croatia, by Hrvoje Butković, Višnja Samardžija and Sanja Tišma, 2012;

Zypern: Department of Labour Relations

Dänemark: Udviklingen i den faglige organisering: årsager og konsekvenser for den danske model, by Jesper Due and Jørgen Steen Madsen. 2010, LO-dokumentation 1/2010.

Estland: Statistics Estonia database Table WQU96.

Finnland: Anna-Maija Lehto und Hanna Sutela: Three decades of working conditions: Findings of Finnish Quality of Work Life Surveys 1977-2008, 2009.

Frankreich: Le paradoxe du syndicalisme français: un faible nombre d’adhérents, mais des syndicats bien implantés, DARES, 2008.

Ungarn: Ágnes Szabó-Morvai: Szakszervezeti stratégia és megújulás (Trade union strategy and renewal), November 2010.

Irland: Quarterly National Household Survey, Union Membership, Quarter 2 2013; CSO, Ireland.

Lettland: Errechnet auf Grundlage der Zahlen von LBAS.

Litauen: Errechnet auf Grundlage der Anzahl der Mitglieder in Mitgliedsorgaisationen zum Ende des Jahres, Statistics Lithuania

Luxemburg : Jean Ries: Regards sur la syndicalisation au Luxembourg, Statec, 12.

Malta: Errechnet auf Grundlage der Zahlen des Report by the Registrar of Trade Unions 2011-12, Malta.

Niederlande: Centraal Bureau voor de Statistiek (EBB-Erhebung).

Norwegen: Kristine Nergaard und Torgeir Aarvaag Stokke: Organisasjonsgrader og tariffavtaledekning i norsk arbeidsliv 2008, Fafo, 2010, aktualisierte Fassung 2012.

Polen: Związki zawodowe i prawa pracownicze, NR106/2014, Centrum Badania Opinii Społecznej (CBOS), 2014

Romania: Romania: Industrial relations profile by Luminita Chivu, EurWork, 2014

Slowakei: Errechnet auf Basis der Zahlen von KOZ SR für 2015.

Slowenien: Public Opinion and Mass Communication Research Centre at the Faculty of Social Sciences, University of Ljubljana 2013.

Spanien: Encuesta de la Calidad de Vida en el Trabajo (ECV) (2010).

Schweden Avtalsrörelsen och lönebildningen 2014 Medlingsinstitutets årsrapport, Table 3.3 Medlingsinstitutet, February 2015.

Großbritannien: Trade Union Membership 2013: Statistical Bulletin, Department for Business, Innovation and Skills, May 2015

 

Die Gesamtwerte für die EU und die EU und Norwegen wurden auf der Grundlage von Eurostat-Angaben zu abhängig beschäftigten Arbeitnehmern berechnet.

 

 

Gewerkschaftsstrukturen

Die Gewerkschaftsbünde in der Europäischen Union – die Spitzenverbände der Gewerkschaften auf nationaler Ebene – sind auf unterschiedliche Weise organisiert.

In nur fünf Mitgliedstaaten gibt es einen einzigen Gewerkschaftsbund, dem alle oder fast alle Gewerkschaftsmitglieder angehören: Österreich, Irland, Lettland, die Slowakei und Großbritannien; eine ähnliche Situation ist aber auch in Deutschland und Griechenland zu finden. In Deutschland existieren neben dem dominierenden DGB der DBB, dem viele Beschäftigte des öffentlichen Dienstes angehören, sowie ein wesentlich kleinerer christlicher Gewerkschaftsbund. In Griechenland gibt es einen Gewerkschaftsbund für die Beschäftigten der Privatwirtschat (GSEE) und einen für den öffentlichen Dienst (ADEDY).

In fünf nordeuropäischen Ländern, das heißt in Dänemark, Finnland, Norwegen, Schweden und – in geringerem Umfang – in Estland sind die Gewerkschaftsbünde hauptsächlich nach Berufen oder Bildungsabschlüssen organisiert. Hier gibt es Gewerkschaftsbünde für Arbeiter, für Angestellte und für Akademiker, bis auf Estland, wo nur zwischen Arbeitern und Angestellten unterschieden wird, und auch dies nicht immer. Dieses Muster könnte sich aber in Dänemark und Finnland ändern (siehe unten).

In den meisten Ländern gibt es mehrere Gewerkschaftsbünde, die zumindest zu Beginn aufgrund ihrer politischen oder religiösen Ausrichtung miteinander rivalisierten. Dies trifft auf 17 Länder zu: Belgien, Bulgarien, Frankreich, Italien, Kroatien, Litauen, Luxemburg, Malta, die Niederlande, Polen, Portugal, Rumänien, Slowenien, Spanien, Tschechische Republik, Ungarn und Zypern.

In den verschiedenen Teilen Europas haben unterschiedliche Gründe dazu geführt, dass sich rivalisierende Gewerkschaftsbünde gegenüberstehen. In Westeuropa und in den Inselstaaten des Mittelmeerraums grenzen sich die Gewerkschaftsbünde durch unterschiedliche Positionen voneinander ab, die zum Teil während des Kalten Krieges entstanden sind, andere reichen noch weiter in die Vergangenheit zurück. Dies ist unter anderem in Belgien, Frankreich, Italien und Portugal sowie in Malta und Zypern der Fall, auch wenn die politischen Bindungen, die zu den ursprünglichen Gegensätzen geführt hatten, bei den meisten von ihnen im Lauf der Zeit schwächer geworden sind. In Mittel- und Osteuropa hingegen teilen sich die Gewerkschaftsbünde auf in jene, die aus der reformierten offiziellen Gewerkschaftsstruktur der kommunistischen Zeit hervorgingen  (wie KNSB in Bulgarien oder OPZZ in Polen), und solche, die aus der Opposition gegen die damaligen Regierungen entstanden sind (wie Podkrepa in Bulgarien oder NSZZ Solidarność in Polen).

Es gibt auch andere Elemente, die zur Komplexität der Lage beitragen. In Italien, Spanien und Luxemburg bestehen innerhalb bestimmter branchenbasierter Gewerkschaften wichtige Gewerkschaftergruppen - in Italien im Finanzsektor, in Spanien in der öffentlichen Verwaltung und in Luxemburg im Finanzsektor und in der öffentlichen Verwaltung. In Slowenien und Ungarn unterscheiden sich die Gewerkschaftsbünde nicht nur nach politischen Gesichtspunkten, sondern sind zudem nach Branchen organisiert. In den Niederlanden wurde neben dem FNV, der aus dem Zusammenschluss eines sozialistischen und eines katholischen Gewerkschaftsbundes entstanden ist, und dem CNV, der sich auf seine protestantische Tradition beruft, ein dritter Dachverband VCP gegründet, um die Interessen der Führungskräfte zu vertreten, aber aufgrund einer Aufteilung der Mitgliedschaft 2013 ist er heute nur noch halb so groß. In Spanien schließlich bestehen bedeutende Gewerkschaftsbünde, die auf regionaler Basis organisiert sind – eine Tatsache, die das Streben nach mehr Autonomie und manchmal auch nach Unabhängigkeit auf dieser Ebene zum Ausdruck bringt.

Bis vor kurzem gab es in den meisten Ländern kaum Anzeichen dafür, dass diese Aufspaltungen der Gewerkschaften in nächster Zukunft verschwinden würden. In Rumänien haben die Gewerkschaftsbünde  Schritte unternommen, um ein neues Bündnis zu schließen, aber dieser Versuch ist 2012 gescheitert. Auch in Frankreich haben zwei kleinere Gewerkschaftsbünde (CFE-CGC und UNSA) 2008 und Anfang 2009 über einen möglichen Zusammenschluss beraten, konnten sich aber nicht  einigen. In Ungarn haben drei der sechs Gewerkschaftsbünde im Mai 2013 Fusionspläne mitgeteilt, und 2014 wurden Pläne für potenzielle Fusionen sowohl in Dänemark als auch in Finnland bekannt.

In Dänemark haben die beiden Gewerkschaftsdachverbände, die den größten Teil der Arbeiter und Angestellten vertreten (LO und FTF), eine gemeinsame Vorlage erarbeitet, in der es speziell um die Aussichten für  die Gründung einer einheitlichen Gewerkschaftsorganisation ging. Allerdings hat sich Akademikerne, der hoch qualifizierte Arbeitnehmer organisiert, nicht an den Gesprächen beteiligt. Die Situation ist vergleichbar in Finnland, hier sind SAK und STTK (beide Gewerkschaften vertreten das Gros der Arbeiter und Angestellten) für einen Zusammenschluss, während sich der AKAVA als Interessenverband der Akademiker dagegen ausgesprochen hat Die Zeitplanung in Finnland scheint weiter fortgeschritten zu sein als in Dänemark, der neue Dachverband soll schon 2016 seine Arbeit aufnehmen. 

Innerhalb der Gewerkschaftsbünde ist ein anhaltender Trend zu Fusionen zwischen Einzelgewerkschaften zu beobachten. Einige der größten europäischen Gewerkschaften sind aus Zusammenschlüssen der letzten 15 Jahre hervorgegangen. Dazu gehören ver.di, die zweitgrößte Gewerkschaft Deutschlands (Jahr der Gründung: 2001), die größte norwegische Gewerkschaft Fagborbundet (2003), 3F, die größte Gewerkschaft Dänemarks (2005), die größte Gewerkschaft Großbritanniens Unite (2007) und Unionen, die zweitgrößte Gewerkschaft Schwedens (2008). 2009 ist auch die zweitgrößte Gewerkschaft Österreichs PRO-GE aus einer Fusion hervorgegangen, groß angelegte Fusionen gab es 2014 auch in Spanien.

Der dramatischste Zusammenschluss von Gewerkschaften in letzter Zeit ist jedoch nicht dem Muster der Fusion großer Einzelgewerkschaften zu einer großen Gewerkschaft gefolgt, während die formellen Beziehungen mit dem Dachverband davon unberührt bleiben. In den Niederlanden wurde ein anderes Modell ausprobiert. Am 1. Januar 2015 haben sich fünf Gewerkschaften des Gewerkschaftsbundes FNV, darunter die drei größten, direkt mit dem FNV zusammengeschlossen, der einerseits jetzt selbst eine Gewerkschaft ist, andererseits aber ein Dachverband für die 12 Gewerkschaften bleibt, die nach wie vor Mitglieder, jedoch kein Teil der neu fusionierten Organisation sind.

In manchen Ländern sind Zusammenschlüsse von Gewerkschaften weniger wahrscheinlich, da das Gewerkschaftswesen auf nationaler Ebene nicht auf starken Einzelgewerkschaften beruht. In anderen Ländern bilden die Betriebsgewerkschaften die grundlegende Einheit. Diese schließen sich mit den Gewerkschaften anderer Betriebe zu Branchen- oder Regionalverbänden zusammen, die wiederum Gewerkschaftsbünden angeschlossen sind. Dies ist unter anderem der Fall in Polen (mit Ausnahme von Solidarność), Kroatien, Frankreich, Rumänien, Portugal und Griechenland.

[1] Zu den Quellen siehe die Tabelle unten.

[2] Zahlen ab 2012.

[3] Trade Union Membership 2013: Statistical Bulletin, Department for Business, Innovation and Skills, 2013.

[4] Le paradoxe du syndicalisme français: un faible nombre d’adhérents, mais des syndicats bien implantés, DARES April 2008

[5] Organisasjonsgrader, tariffavtaledekning og arbeidskonflikter 2013, by Kristine Nergaard, Fafo, 2014

[6] Industrijski odnosi u Hrvatskoj: društvena integracija ili tržišni sukob (Industrial relations in Croatia: social integration or market conflict) by Dragan Bagić, 2010

[7] Avtalsrörelsen och lönebildningen 2012,Table 1.10 Medlingsinstitutets årsrapport, Medlingsinstitutet, 2013.

[8] Encuesta de la Calidad de Vida en el Trabajo (ECV) (2010)

[9] Związki zawodowe i prawa pracownicze, NR106/2014, Centrum Badania Opinii Społecznej (CBOS), 2014

[10] See Szakszervezeti stratégia és megújulás (Trade union strategy and renewal) by Ágnes Szabó-Morvai, November 2010

[11] Avtalsrörelsen och lönebildningen 2012,Table 1.10 Medlingsinstitutets årsrapport, Medlingsinstitutet, 2013

[12] Quarterly National Household Survey, Union Membership, Quarter 2 2014; CSO

[13] Trade Union Membership 2013: Statistical Bulletin, Department for Business, Innovation and Skills, 2014

L. Fulton (2015) Worker representation in Europe. Labour Research Department and ETUI. Produced with the assistance of the SEEurope Network, online publication available at http://www.worker-participation.eu/National-Industrial-Relations.