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Tarifverhandlungen

Der Anteil der tarifvertraglich gedeckten Arbeitnehmer in den 28 EU-Staaten und Norwegen variiert zwischen weit über 90 % und 15 %. An der Spitze stehen Länder, die entweder einen hohen Anteil gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer verzeichnen wie die nordischen Länder, oder solche, in denen gesetzliche Vorschriften für einen breiten Geltungsbereich der Tarifverträge sorgen. Am unteren Ende sind die Länder zu finden, in denen Verhandlungen auf Unternehmensebene dominieren. In einigen Ländern, etwa Belgien, Italien und Schweden, sind die verschiedenen Verhandlungsebenen miteinander verbunden, im Gegensatz zu Ländern wie Luxemburg oder Zypern, wo verschiedene Ebenen einfach nebeneinander bestehen. Insgesamt gesehen zeichnet sich ein Trend zur Dezentralisierung der Tarifverhandlungen ab, der durch die Krise weiter beschleunigt wurde.

Tarifvertragliche Deckungsrate

Ein Indikator für die Bedeutung von Tarifverhandlungen ist der Anteil der Beschäftigten, die in den Geltungsbereich von Tarifverträgen fallen, an der Gesamtzahl der Beschäftigten – die so genannte “tarifvertragliche Deckungsrate”. EU-weit sind mehr als sechs von zehn Arbeitnehmern (62 %) tarifvertraglich abgesichert, dieser Anteil ist jedoch von Land zu Land sehr unterschiedlich. Bemerkenswert ist, dass in einigen Ländern die tarifvertragliche Deckungsrate (mit rund 80 % oder mehr) weit über dem gewerkschaftlichen Organisationsgrad liegt. Meist ist dies auf den spezifischen Rechtsrahmen für Tarifverhandlungen in diesen Ländern zurückzuführen.

Allgemein ist jedoch zu bedenken, dass die Angaben über die tarifvertragliche Deckungsrate in vielen Ländern unsicher sind, aber auch, dass Tarifverträge in manchen Ländern nur eine Wiederholung der gesetzlichen Mindestanforderungen darstellen und somit wenig Einfluss auf die Bedingungen für die Arbeitnehmer haben. Die diesbezüglichen Zahlen sind daher mit Vorsicht zu behandeln.

Die zehn Länder mit den höchsten Deckungsraten, d.h. rund 80 % oder mehr, lassen sich in zwei Gruppen einteilen.

Die erste Gruppe bilden drei Länder – Schweden, Finnland und Dänemark – in denen die hohe tarifvertragliche Deckungsrate einhergeht mit einem äußerst hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad. Hier sind die Gewerkschaften tatsächlich derart mächtig, dass sie verlangen können, dass die Lohn- und Arbeitsbedingungen ihrer Mitglieder verhandelt werden; in Finnland spielt allerdings auch eine Rolle, dass Tarifverträge in der Regel für alle Arbeitnehmer der betreffenden Branche für allgemeinverbindlich erklärt werden.

In der zweiten Gruppe – Belgien, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Österreich, Portugal und Slowenien – spiegelt der hohe Anteil tarifvertraglich abgesicherter Arbeitnehmer zumindest teilweise den rechtlichen Rahmen für Tarifverhandlungen wider. In Österreich werden Verhandlungen auf Arbeitgeberseite von den Industrie- und Handelskammern geführt, denen alle Arbeitgeber angehören müssen. Infolgedessen sind beinahe alle Arbeitnehmer tarifvertraglich abgesichert.

Belgien verzeichnet deswegen eine hohe tarifvertragliche Deckungsrate, weil Branchentarifverträge automatisch für alle Arbeitgeber der Branche verbindlich sind. In Italien ist die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen zwar nicht gesetzlich vorgeschrieben, aber die Gerichte legen diese in der Regel dahingehend aus.

In den Niederlanden gelten Tarifverträge nicht automatisch für die ganze Branche, aber aufgrund der Ausweitung des Geltungsbereichs von Tarifverträgen durch die Regierung werden weitere rund 15 % der Beschäftigten abgesichert. Eine ähnliche Situation gibt es in Slowenien, wo viele Vereinbarungen über die vertragschließenden Parteien hinaus für verbindlich erklärt werden. Auch in Frankreich ergibt sich die hohe tarifvertragliche Deckungsrate aus der Tatsache, dass die Regierung die Tarifverträge auch für Arbeitgeber verbindlich macht, die sie nicht unterzeichnet haben, sowie aus der Verpflichtung für die Arbeitgeber, jährlich auf Unternehmensebene (und unter bestimmten Umständen) auf Branchenebene zu verhandeln.

Am Beispiel Frankreichs zeigt sich aber, weshalb Angaben zur tarifvertraglichen Deckungsrate mit Vorsicht zu behandeln sind: Frankreich hat zwar eine äußerst hohe Deckungsrate, aber einige Tarifverträge sind weitgehend bedeutungslos, da ihre Lohnsätze unter dem gesetzlichen französischen Mindestlohn liegen. Hinzu kommt, dass die Lohnerhöhungen für viele französische Arbeitnehmer individuell festgesetzt und nicht verhandelt werden.

In Portugal verändert sich derzeit die Situation in Folge der Finanzkrise. In der Vergangenheit wurden Tarifverträge häufig durch die Regierung auch für Arbeitgeber verbindlich gemacht, die sie nicht unterzeichnet hatten. Angesichts der Tatsache, dass diese Politik stark eingeschränkt wurde und weitere Änderungen vorgenommen wurden, liegt die tarifvertragliche Deckungsrate jetzt vermutlich weit unter den Angaben in der Tabelle, die aus dem Jahr 2010 stammen.

Im mittleren Teil der Tabelle befinden sich Deutschland, Griechenland, Kroatien, Norwegen und Spanien, allesamt Länder, in denen die tarifvertragliche Deckungsrate zwischen 55 und 70 % beträgt und Tarifverhandlungen auf Branchenebene weit verbreitet sind. In Griechenland und Spanien kann sich dies jedoch in Zukunft ändern (siehe unten) und in Kroatien kompensiert die Ausweitung des Geltungsbereichs einiger umfangreicher Tarifverträge durch die Regierung dafür, dass der Großteil der Tarifverhandlungen auf Unternehmensebene stattfindet. Malta mit einer geschätzten Deckungsrate von 61 % bildet die Ausnahme, da Tarifverhandlungen dort vollständig auf Unternehmensebene geführt werden.

In den Ländern in der unteren Hälfte der Tabelle werden Tarifverhandlungen in erster Linie auf Unternehmensebene geführt. Da Verhandlungen auf Unternehmensebene maßgeblich davon abhängen, ob es eine Gewerkschaft im Unternehmen gibt, sind sie eng mit dem gewerkschaftlichen Organisationsgrad verknüpft.

Ebene der Tarifverhandlungen

Die tarifvertragliche Deckungsrate sagt jedoch nicht alles aus. Eine wichtige Rolle spielt auch, auf welchen Ebenen die Verhandlungen stattfinden und wie sie miteinander interagieren. Diese Aspekte werden im Einzelnen in den Länderdarstellungen beschrieben. Es lohnt sich aber, ein paar Varianten herauszustellen.

In manchen Ländern werden auf nationaler Ebene Abkommen ausgehandelt, die den Rahmen für die Verhandlungsparteien der untergeordneten Ebenen festlegen. Dies ist besonders in Belgien der Fall, wo Verhandlungen auf Branchen- und Unternehmensebene geführt werden, sowie in Norwegen, wo eine klare Hierarchie für die Tarifverhandlungen besteht, von den Gewerkschaftsbünden über Einzelgewerkschaften bis hin zu den einzelnen Betrieben, obgleich die Gewerkschaftsbünde nicht immer die führende Rolle spielen. Dieses Muster scheint jedoch an Bedeutung zu verlieren. In Irland ist das System nationaler Abkommen, die mehr als 20 Jahre u.a. Lohnerhöhungen festsetzten, 2009 unter dem Druck der Wirtschaftskrise zusammengebrochen. Das finnische System der nationalen Abkommen mit Empfehlungen an die Verhandlungsparteien der untergeordneten Ebenen schien hingegen 2007, nach fast vierzig Jahren, zu enden, als die Arbeitgeber sich weigerten, ein neues Abkommen auf nationaler Ebene auszuhandeln. Im Zuge der Wirtschaftskrise erklärten sich die Arbeitgeber jedoch 2011 wieder bereit, eine nationale Rahmenvereinbarung zu unterzeichnen.

In anderen Ländern wird der Rahmen für Verhandlungen durch Branchenvereinbarungen vorgegeben. In Schweden und Dänemark beispielsweise liefern Branchentarifverträge die Grundlage für die Verhandlungsparteien auf den untergeordneten Ebenen, die dann über einen erheblichen Handlungsspielraum verfügen. In Schweden lag der Anteil der Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft, deren Arbeitsentgelt vollständig durch Branchentarifverträge geregelt war, 2012 nur bei 11 %.In Italien ist die Lage insofern ähnlich, als auf Branchenebene Lohnerhöhungen festgesetzt werden, die der Steigerung der Inflationsrate Rechnung tragen, während Erhöhungen aufgrund von Produktivitätssteigerungen auf Unternehmensebene zu verhandeln sind. Infolge der neuen Regelungen für Tarifverhandlungen haben Verhandlungen auf Unternehmensebene jedoch ein größeres Gewicht erhalten.

Dann gibt es eine Reihe von Ländern, in denen Verhandlungen auf Branchen- und Unternehmensebene nebeneinander bestehen, ohne miteinander verbunden zu sein. Dazu gehören Zypern, die Niederlande und Spanien. In diesen Ländern werden überwiegend Branchentarifverträge abgeschlossen – in Spanien in der Regel auf Provinzebene – aber einige Arbeitnehmer besonders in größeren Unternehmen sind durch Vereinbarungen auf Unternehmensebene abgesichert. (Wie bereits erwähnt, kann sich diese Situation in Spanien in Folge einer neuen Gesetzgebung ändern, die betrieblichen Vereinbarungen den Vorrang gegenüber Vereinbarungen gibt, die auf anderen Ebenen unterzeichnet wurden). In Luxemburg werden in einigen Sektoren überwiegend Verhandlungen auf Unternehmensebene geführt, in anderen hauptsächlich auf Branchenebene. In Kroatien werden Tarifverhandlungen meist auf Unternehmensebene geführt. Allerdings gibt es einige Branchen wie die Baubranche, das Gaststättengewerbe sowie der öffentliche Sektor, in denen Branchentarifverträge bestehen, manchmal zusätzlich zu den Vereinbarungen auf Unternehmensebene.

Schließlich gibt es eine Gruppe von Ländern, zu denen Großbritannien und die meisten mittel- und osteuropäischen Länder zählen, in denen – zumindest im Privatsektor – kaum noch Branchentarifverträge abgeschlossen werden und Verhandlungen auf Unternehmensebene dominieren.

Tarifverhandlungssysteme sind nicht statisch, und seit einiger Zeit geht der Trend zur Dezentralisierung der Tarifverhandlungen. In einigen Fällen hat sich dies darin geäußert, dass Arbeitgeber (z. B. einige Arbeitgeber in Deutschland und zuletzt auch Fiat in Italien) aus den Arbeitgeberverbänden ausgetreten sind, um ihre eigenen Bedingungen auferlegen zu können. In anderen Fällen wie in Dänemark und Schweden werden wichtige Teile des Arbeitsentgelts auf lokaler Ebene verhandelt. Wiederum in anderen Ländern besteht die Möglichkeit, bei Schwierigkeiten des Unternehmens im Unternehmenstarifvertrag von der Branchenvereinbarung abzuweichen – diese Möglichkeit ist in Deutschland in vielen Tarifverträgen vorgesehen und in Frankreich nun auch gesetzlich zulässig.

Insgesamt gesehen beschleunigt die Wirtschaftskrise den Wandel. Sowohl in Griechenland als auch in Spanien wurden neue gesetzliche Regelungen eingeführt, wonach die Arbeitgeber erstmals auf Betriebsebene Bedingungen aushandeln können, die unter den Bedingungen liegen, die auf höherer Ebene vereinbart wurden und die für sie gelten. In Rumänien wurde das Tarifabkommen auf nationaler Ebene abgeschafft.

Eines hat sich über einen längeren Zeitraum betrachtet eindeutig verändert – nämlich dass die Zahl der Mitgliedstaaten mit einem gesetzlichen Mindestlohn zugenommen hat. In sieben EU-Mitgliedstaaten gibt es keinen Mindestlohn: Dänemark, Deutschland, Finnland, Italien, Österreich, Schweden und Zypern. In Norwegen gibt es ebenfalls keinen Mindestlohn.

Land

tarifvertragliche Deckungsrate (in %)

Hauptebene der Tarifverhandlungen

Frankreich

98 %

Branche und Unternehmen

Belgien*

96 %

National (legt den Rahmen fest)

Österreich

95 %

Branche

Portugal

92 %

Branche

Finnland

91 %

Branche – aber Verhandlungen auf Unternehmensebene sollen größere Bedeutung erhalten

Slowenien

90 %

Branche

Schweden

88 %

Branche – aber viel wird den Verhandlungen auf Unternehmensebene überlassen

Niederlande

81 %

Branche (zum Teil auch Unternehmen)

Dänemark

80 %

Branche – aber viel wird den Verhandlungen auf Unternehmensebene überlassen

Italien*

80 %

Branche

Norwegen

70 %

National und Branche

Spanien

70 %

Branche – aber neues Gesetz gibt betrieblichen Vereinbarungen Vorrang

Griechenland

65 %

Branche – aber in Folge der Krise spielen betriebliche Verhandlungen nun eine größere Rolle

Kroatien

61 %

Branche und Unternehmen

Malta*

61 %

Unternehmen

Deutschland

59%

Branche

Zypern

52 %

Branche und Unternehmen

Luxemburg

50 %

Branche und Unternehmen (je nach Sektor)

Irland*

44 %

Unternehmen

Tschechische Republik

38 %

Unternehmen

Rumänien

36 %

Branche und Unternehmen

Slowakei

35 %

Branche und Unternehmen

Lettland

34 %

Unternehmen

Estland

33 %

Unternehmen

Ungarn

33 %

Unternehmen

Bulgarien

30 %

Unternehmen

Großbritannien

29 %

Unternehmen

Polen

25 %

Unternehmen

Litauen

15 %

Unternehmen

     

EU insgesamt

62 %

 

Insgesamt einschließlich Norwegen

62 %

 

Quellen: Bei mehreren Ländern (mit * versehen) stammen die Angaben aus der jeweiligen Beschreibung der Arbeitsbeziehungen der EIRO (Industrial relations profile).Die Angaben für die übrigen Länder stammen aus folgenden Quellen: Österreich: Sepp Zuckerstätter: Collectively agreed wages in Austria: indicators, AK Wien, 2012.

Bulgarien: KNSB.

Zypern: ICTWSS Datenbank, Version 4, April 2103.

Tschechische Republik: Structure of earnings survey 2011, Table A7, Czech Statistical Office, 2012.

Dänemark: Jesper Due und Jørgen Steen Madsen: Udviklingen i den faglige organisering: årsager og konsekvenser for den danske model 2010, LO-dokumentation 1/2010.

Estland: Statistics Estonia, Table WQU96;

Finnland: Lasse Ahtiainen: Työehtosopimusten kattavuus Suomessa vuonna 2004, Ministerium für Arbeit, 2007.

Frankreich: La couverture conventionnelle a fortement progressé entre 1997 et 2004, DARES, 2006.

Germany: Peter Ellguth und Susanne Kohaut: Tarifbindung und betriebliche Interessenvertretung: Aktuelle Ergebnisse aus dem IAB-Betriebspanel 2011, WSI-Mitteilungen 4/2012.

Griechenland: Schätzung von Christos A Ioannou.

Kroatien: Dragan Bagić: Industrijski odnosi u Hrvatskoj: društvena integracija ili tržišni sukob (Industrielle Beziehungen in Kroatien: Soziale Integration oder Marktkonflikt), 2010.

Ungarn: Zentrum für sozialen Dialog (Társadalmi Párbeszéd Központ).

Lettland: Number of employees having a collective pay agreement by kind of activity in the end of October, Central Statistical Bureau of Latvia, 2009.

Luxemburg: Alain Schäfer : Conventions collectives et salaires, Économie et statistiques, Statec, 2010.

Niederlande: Cao-afspraken 2011, Bijlage VIII Cao’s in Nederland, SZW, Oktober 2012.

Norwegen: Kristine Nergaard und Torgeir Aarvaag Stokke : Organisasjonsgrader og tariffavtaledekning i norsk arbeidsliv 2008, Fafo, 2010.

Portugal: Quadros de pessoal 2010; Gabinete de Estratégia e Planeamento (GEP), 2012.

Rumänien: Schätzung von CNS Cartel Alfa und BNS 2012.

Spanien: Estadística de Convenios Colectivos de Trabajo: 2010 Datos Definitivos Cuadro 2.

Schweden: Avtalsrörelsen och lönebildningen 2012 Medlingsinstitutets årsrapport, Medlingsinstitutet, 2013.

Großbritannien: Trade Union Membership 2012: Statistical Bulletin, Department for Business, Innovation and Skills, 2013.

Die Gesamtwerte für die EU und die EU und Norwegen wurden auf der Grundlage von Eurostat-Angaben zu abhängig beschäftigten Arbeitnehmern berechnet.

L. Fulton (2013) Arbeitnehmervertretung in Europa. Labour Research Department und ETUI. Erstellt mit Unterstützung des SEEurope Netzwerks. Online-Publikation, verfügbar unter http://de.worker-participation.eu.

ETUI Collective Bargaining newsletter

This newsletter presents up-to-date information on collective bargaining developments across Europe. It aims to facilitate information exchange between trade unions and to support the work of the ETUC’s collective bargaining committee.