Home / Nationale Arbeitsbeziehungen / Länder / Frankreich / Finanzielle Beteiligung

Finanzielle Mitarbeiterbeteiligung

Frankreich blickt auf eine lange Tradition der finanziellen Mitarbeiterbeteiligung zurück. Im europäischen Vergleich zählt Frankreich hinsichtlich des Verbreitungsgrades von Beteiligungsmodellen zur Spitzengruppe. Mitarbeiterbeteiligung wird dort staatlich stärker gefördert als in anderen Ländern. Unternehmen mit über 50 Mitarbeitern sind per Gesetz zur Erfolgsbeteiligung der Arbeitnehmer verpflichtet.

Bereits im Jahr 1947 entwickelte die französische Regierung Vorschläge für kollektive Erfolgsbeteiligungen der Arbeitnehmer, die an der Produktivität des Unternehmens bemessen werden sollten. Trotz des wiederholten Wechsels zwischen rechten und linken Regierungen gibt es seit Ende der 1950er eine staatliche Förderung für Systeme der finanziellen Beteiligung. Das ursprüngliche Ziel bei der Einführung von Beteiligungsprogrammen war die Umverteilung von Einkommen und Vermögen. Die ersten Modelle basierten auf freiwilliger Basis und enthielten keine wesentlichen steuerlichen Anreize. Daher waren diese Modelle wenig erfolgreich. Erst durch die Einführung entsprechender steuerlicher Anreize hat der Verbreitungsgrad von finanziellen Beteiligungsmodellen in Frankreich zugenommen. Heute gibt es in Frankreich eine Reihe von gesetzlichen Bestimmungen zur Erfolgsbeteiligung und Vermögensbildung der Arbeitnehmer.

Zur Förderung der finanziellen Mitarbeiterbeteiligung wurden 1993 und 1994 zwei entsprechende Gesetze erlassen. Mit dem 1994 verabschiedeten Gesetz werden die drei Hauptsäulen der finanziellen Beteiligung in Frankreich – „intéressement des salaries“ (freiwillige Erfolgsbeteiligung), „participation“ (obligatorische aufgeschobene Gewinnbeteiligung) und Unternehmenssparpläne zum Erwerb von Kapitalbeteiligungen – vereinheitlicht. Gleichzeitig sollten die Unternehmen mit diesem Gesetz ermutigt werden, die am Unternehmenskapital beteiligten Arbeitnehmer auch in die Unternehmensführung (Entscheidungsfindung) zu involvieren.1

Dem „European Company Survey“ (Befragung von mehr als 27.000 Personalverantwortlichen in Europa im Jahr 2009) bieten 35% der privaten französischen Unternehmen mit 10 oder mehr Beschäftigten ihren Mitarbeitern eine Gewinnbeteiligung an. Frankreich befindet sich damit im europäischen Vergleich auf Platz 1 (Durchschnittswert der 30 untersuchten europäische Länder: 14%). Der Verbreitungsgrad von Gewinnbeteiligungsmodellen steigt deutlich mit zunehmender Unternehmensgröße. So hatten 29% der Unternehmen mit 10-49 Beschäftigten, 64% der Unternehmen mit 50-199 Mitarbeitern und 82% der Unternehmen mit 200 und mehr Beschäftigten ein Gewinnbeteiligungsmodell.2 Nach den Ergebnissen des „European Company Survey“ haben im Vergleich dazu jedoch nur rd. 5% der privaten Unternehmen in Frankreich Modelle der Kapitalbeteiligung. Dies entspricht dem europäischen Durchschnitt. Der höhere Verbreitungsgrad der Gewinnbeteiligung hängt mit den gesetzlichen Rahmenbedingungen zusammen; die Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmer für Unternehmen mit mehr als 50 Arbeitnehmern ist gesetzlich vorgeschrieben.

Auch nach den Ergebnissen der fünften Europäischen Befragung von Eurofound über Arbeitsbedingungen in Europa (EWCS)3 aus dem Jahr 2010 nimmt Frankreich bei der Verbreitung von Erfolgsbeteiligungsmodellen einen der vordersten Plätze ein. Mit 22,9% liegt der Verbreitungsgrad weit über dem europäischen Durchschnitt der Studie von ca. 12,5%. Bei der Verbreitung von Kapitalbeteiligungsmodellen liegt Frankreich laut Ergebnissen des EWCS mit 7% ebenfalls über dem europäischen Durchschnitt von ca. 3%.4

Die Ergebnisse des Cranet-Reports 2011 bestätigen eine überdurchschnittliche Verbreitung von Gewinnbeteiligungsmodellen in Unternehmen mit 100 und mehr Beschäftigten in Frankreich.5 Rund 79% der befragten Unternehmen in Frankreich geben an, dass sie über Gewinnbeteiligungsmodelle verfügen. Dies liegt weit über dem Durchschnitt von 36% unter allen untersuchten Ländern.

Gemäß einer vergleichenden Studie der FAS (Fédération des Associations des Actionnaires Salariés et Anciens Salariés) über Belegschaftsaktienprogramme in den 250 im französischen Aktienindex SBF 250 gelisteten Unternehmen hat sich diese Form des Aktienbesitzes relativ stabil entwickelt:6


Von Mitarbeitern gehaltenes Kapital in den Unternehmen des SBF 250 (2011)

Von Mitarbeitern gehaltener Kapitalanteil

Anteil der Unternehmen

<1%

16%

1-2%

36%

2-3%

12%

3-5%

12%

5-10%

8%

>10%

16%

Quelle: FAS, 2011


Mitarbeiter mit Kapitalbeteiligung in den Unternehmen des SBF 250 (2011)

Anteil der am Unternehmenskapital beteiligten Mitarbeiter

Anteil der Unternehmen

0-25%

48%

25-50%

24%

50-75%

20%

75-100%

8%

Quelle: FAS, 2011


Der jährlichen Trendanalyse von Aon Hewitt zufolge, in deren Rahmen im Jahr 2012 45 große französische Aktiengesellschaften befragt wurden, werden Belegschaftsaktienprogramme weiterhin von den Unternehmen unterstützt. 46% der befragten Unternehmen gaben an, im Folgejahr solche Mitarbeiterbeteiligungsmodelle umzusetzen. 2011 waren es noch 52%. Als Gründe für diesen Rückgang wurden die hohen Kosten, die Skepsis der Hauptaktionäre sowie das zu hohe Risiko für die Arbeitnehmer genannt. Gratisaktien werden inzwischen von 50% der Unternehmen angeboten (gegenüber 14% bzw. 26% in den Jahren 2009 und 2010), der Erwerb von Unternehmensaktien insgesamt von 72%. In 50% der befragten Unternehmen beträgt der von Mitarbeitern gehaltene Kapitalanteil mehr als 3%.7

2012 gab es in Frankreich 2165 Scops (sociétés cooperatives de production), d.h. Genossenschaften, bei denen die Belegschaft die Mehrheit des Kapitals hält. Bei diesen Genossenschaften ist es üblich, dass die Mitarbeiter das Management wählen bzw. das Unternehmen leiten, an wichtigen Entscheidungen und am Gewinn beteiligt sind. Nach französischem Handelsrecht können Scops als Aktiengesellschaft (Société anonyme) oder GmbH (société à responsabilité limitée) gegründet werden. 43.860 Personen waren im Jahr 2012 in Scops beschäftigt.8

Wilke, Maack und Partner (2014) Länderberichte über finanzielle Mitarbeiterbeteiligung in Europa. Erstellt für www.worker-participation.eu. Die Berichte wurden erstmals 2007 veröffentlicht und 2014 vollständig aktualisiert.