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Gewerkschaften

Der gewerkschaftliche Organisationsgrad in Griechenland beträgt rund ein Viertel der Beschäftigen, aber zwischen öffentlichem und privatem Sektor bestehen große Unterschiede. Im öffentlichen und staatlichen Sektor ist die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder relativ hoch, in der Privatwirtschaft hingegen gering. Es gibt zwei große Gewerkschaftsbünde – ADEDY für die Staatsbediensteten auf zentraler, lokaler und regionaler Ebene und GSEE für alle anderen Bereiche. Die Gewerkschaftsstrukturen unterhalb der Ebene der Dachverbände sind zersplittert.

Über die Gewerkschaftsmitglieder in Griechenland liegen unterschiedliche Zahlen vor. Angaben der Gewerkschaften zufolge beträgt die Zahl der wahlberechtigten Mitglieder circa 650.000. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass einige Gewerkschaftsmitglieder nicht erwerbstätig sind, könnte davon ausgegangen werden, dass rund ein Viertel aller Arbeitnehmer einer Gewerkschaft angehören. [1] Ein Bericht des größten Gewerkschaftsbundes GSEE, der 2001 auf der Grundlage einer Umfrage veröffentlicht wurde, ergab einen gewerkschaftlichen Organisationsgrad von rund 30 %. Dagegen wird in der ICTWSS Datenbank zur Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder für Griechenland ein gewerkschaftlicher Organisationsgrad von 25,4 % angegeben (Stand 2011).[2]

 

In Griechenland gibt es zwei große Gewerkschaftsbünde: Der GSEE organisiert Arbeitnehmer im privatwirtschaftlichen Sektor und in staatlich kontrollierten Sektoren, wie Banken, Verkehr und Strom- und Wasserversorgung. Der Gewerkschaftsbund ADEDY umfasst ausschließlich Beamte sowie Lehrer und Angestellte der Ministerien und Kommunalbehörden.

Der GSEE zählte bei seinem Kongress im März 2013 418.433 wahlberechtigte Mitglieder. Der ADEDY gab bei seinem Kongress im November 2013 seine Mitgliedszahlen mit rund 200.000 an[3].

 

In der Vergangenheit hatten die beiden Gewerkschaftsbünde erklärt, zusammenarbeiten zu wollen, um letztendlich eine Fusion der beiden Bünde herbeizuführen. Mittlerweile werden zwar einige Einrichtungen wie u. a. das Forschungsinstitut INE GSEE-ADEDY gemeinsam verwaltet, aber in der letzten Zeit wurden nur wenige Fortschritte auf dem Weg zu einem Zusammenschluss erzielt.

 

Die griechische Gesetzgebung sieht drei Ebenen der gewerkschaftlichen Organisation vor. Die unterste Ebene bilden die Basisgewerkschaften, deren Zahl im Jahr 2007 bei 3.400 lag[4]. Ihre Autonomie ist gesetzlich verankert und ihre Tätigkeiten sind gesetzlich geregelt. Früher waren die Basisgewerkschaften überwiegend nach Berufen organisiert und beschränkten sich auf ein kleines geografisches Gebiet. Heute handelt es sich bei vielen von ihnen um Betriebsgewerkschaften, die zum Teil zu größeren, nationalen oder regionalen Gewerkschaftsorganisationen gehören. Dadurch kann es in einem Betrieb theoretisch mehrere Gewerkschaften geben, aber in der Praxis ist dies weniger weit verbreitet als früher.

 

Die zweite Ebene bilden die Gewerkschaften, die entweder nach Branchen oder Berufen oder auf regionaler Ebene (so genannte Arbeitnehmerzentren) organisiert sind. Die Basisgewerkschaften entscheiden selbst, welcher Branchen- oder Regionalorganisation sie beitreten möchten, und innerhalb des GSEE ist dies maßgebend dafür, über welchen Weg die Basisgewerkschaften ihre Delegierten in den nationalen Kongress entsenden, entweder über die Branchen-/Berufsverbände oder über die regionalen Arbeitnehmerzentren.

 

Die dritte Ebene schließlich umfasst die Gewerkschaftsbünde wie den GSEE, die sich aus Organisationen der zweiten Ebene zusammensetzen. Der GSEE umfasst etwa 150 Organisationen der zweiten Ebene – laut seiner Webseite 73 Branchen- und Berufsverbände und 81 regionale „Arbeitnehmerzentren“. [5]  Bei seinem Kongress 2013 waren 2.190 Gewerkschaften der untersten Ebene sowie 92 Rentnerorganisationen der untersten Ebene anwesend. Der ADEDY ist hauptsächlich nach Ministerien oder Behörden organisiert und führt auf seiner Webseite 46 Verbände auf.[6]

 

Die Gewerkschaftsstrukturen in Griechenland sind äußerst zersplittert. Die Gewerkschaftsbünde haben sich zwar bemüht, das Problem der Zersplitterung zu lösen und in diesem Zusammenhang die Zusammenarbeit zwischen den Branchenverbänden gefördert, aber bislang wurden dabei nur langsam Fortschritte erzielt.

 

Dies liegt möglicherweise daran, dass finanzielle Schwierigkeiten, die die Gewerkschaften in anderen Ländern zu Fusionen gezwungen haben, in Griechenland weniger zum Tragen kommen. Die griechischen Gewerkschaften auf der zweiten und dritten Organisationsebene beziehen ihr Einkommen nicht nur aus direkten Mitgliedsbeiträgen, sondern erhalten erhebliche Beiträge aus einem staatlichen Fonds, in den alle – Gewerkschaftsmitglieder wie nicht organisierte Arbeitnehmer – einzahlen müssen. Mit diesen Mitteln werden Ausstattung, Gehälter und bestimmte Gemeinkosten wie Porto und Telefon finanziert. Seit der Krise ist diese Einkommensquelle jedoch bedroht. Im November 2012 wurden die Beiträge zu dem Fonds um die Hälfte reduziert und die OEE, die Einrichtung, die unter anderem für die Mittelüberweisung an die Gewerkschaften zuständig war, wurde abgeschafft. Innerhalb des Budgets des staatlichen Beschäftigungsdienstes wurde eine neue Quelle zur Finanzierung der Gewerkschaften eingerichtet, doch wurde der zur Verfügung gestellte Betrag seit 2012 stark beschnitten.

 

In Griechenland besteht traditionell eine enge Verflechtung zwischen Gewerkschaftsbewegung und Politik, und die großen Parteien sind direkt durch politische Fraktionen in den Gewerkschaftsstrukturen repräsentiert. Der Exekutivausschuss des GSEE umfasst 45 Mitglieder, die vom Kongress auf der Grundlage politischer Blöcke gewählt werden. Der mit 22 Mitgliedern stärkste Block in dem im März 2010 gewählten Exekutivausschuss gehört dem Lager der sozialdemokratischen Partei PASOK an. Die seit 2010 andauernde  Krise hat jedoch zur Verschiebung der politischen Ausrichtungen und Bindungen geführt. Die der PASOK nahestehende Gruppierung stellte auch nach den Wahlen auf dem Kongress 2013 die größte Anzahl an Mitgliedern im Exekutivausschuss. Mit nur noch 16 Mitgliedern hat sie allerdings Boden an die Gruppierungen der Linken verloren. Die mit der Kommunistischen Partei verbundene Gruppierung hat ein Mitglied dazugewonnen und stellt jetzt 10 statt 9 Mitglieder. Eine der linken Partei SYRIZA nahestehende autonome Gruppe hat zwei Mitglieder gewonnen du ist von drei auf fünf angewachsen, und eine weitere autonome Gruppierung, die sich von der PASOK abgespalten hatte und zuvor nicht vertreten war, erhielt drei Sitze. Die Zahl der Mitglieder, die der konservativen Partei Neue Demokratie nahestehen ist mit 11 konstant geblieben. Die der PASOK nahestehende Gruppierung ist auch der größte politische Block in der ADEDY, wenngleich er auch hier auf dem Kongress im November 2013 Sitze an die linken Parteien abgeben musste und nun nur noch 22 von 85 Mitgliedern stellt.

 

Wie sich die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften im Einzelnen entwickeln, lässt sich nur schwer feststellen, da es an präzisen Angaben fehlt. Die langfristigen Tendenzen sind jedoch klar und zeigen, dass zwischen öffentlichem und privatem Sektor ein deutlicher Unterschied besteht. Während der gewerkschaftliche Organisationsgrad in der Privatwirtschaft im Vergleich zur Mitte der 80er Jahre heute weniger als die Hälfte beträgt, ist er im Staatsdienst in den letzten 20 Jahren um 50 % gestiegen. Insgesamt gesehen ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad um ein Drittel gesunken. Dies hat zur Folge, dass der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder in den einzelnen Wirtschaftszweigen heute sehr unterschiedlich ist. Der Organisationsgrad ist noch immer relativ hoch im öffentlichen Sektor, in staatlich kontrollierten oder kürzlich privatisierten Wirtschaftsbereichen, etwa bei der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft DEH oder bei der nationalen Telekommunikationsgesellschaft OTE (die durch den Verkauf eines großen Aktienpakets an die Deutsche Telekom privatisiert wurde), aber niedrig in der Privatwirtschaft, die überwiegend aus Kleinstunternehmen besteht[7].

[1] There are around 3.59 million employed in Greece (4th Quarter 2013) but only 63.1% are employees, Hellenic Statistical Authority March 2013

[2] The ICTWSS Database: Database on Institutional Characteristics of Trade Unions, Wage Setting, State Intervention and Social Pacts, in 34 countries between 1960 and 2012, compiled by Jelle Visser, at the Amsterdam Institute for Advanced Labour Studies AIAS, University of Amsterdam, Version 4, April 2013 (siehe: http://www.uva-aias.net/207 ).

[3] Christos A. Ioannou, Paradigm Change in Greek Industrial Relations and Wage Formation, 2014, mimeo (revised paper of that presented at bank of Greece 2012  Paradigm Change in Wage Formation,  http://www.bankofgreece.gr/BoGDocuments/cioannou-271112.pdf

[4] Siehe: Christos A Ioannou: Challenges and Future Directions in Hellenic Industrial Relations, IREC 2007, Athen CIRN AUEB 27.7.2007.

[5] http://www.gsee.gr/left_menu_files/left_m_p2c.php?p_id=5&p2_id=12   and http://www.gsee.gr/left_menu_files/left_m_p2c.php?p_id=5&p2_id=13 (Accessed 11.08.2014)

[6] Ebd.

[7] Weitere Informationen zur Entwicklung und Struktur des gewerkschaftlichen Organisationsgrads sind zu finden in : Christos A Ioannou: From Divided “Quangos” to Fragmented “Social Partners”: The Lack of Trade Union Mergers in Greece, in: Restructuring Representation, The Merger Process and Trade Union Structural Development in Ten Countries, S. 139-164, herausgegeben von Jeremy Waddington, P.I.E-Peter Lang, Brüssel 2005.

L. Fulton (2015) Worker representation in Europe. Labour Research Department and ETUI. Produced with the assistance of the SEEurope Network, online publication available at http://www.worker-participation.eu/National-Industrial-Relations.