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Gewerkschaften

Derzeit sind etwas mehr als ein Viertel (26 %) der Arbeitnehmer in Großbritannien Mitglied einer Gewerkschaft, wobei der gewerkschaftliche Organisationsgrad im öffentlichen Sektor (55 %) wesentlich höher ist als in der Privatwirtschaft (14 %). In Großbritannien gibt es nur einen Gewerkschaftsdachverband, den TUC, und völlig unabhängige Einzelgewerkschaften. Mehr als die Hälfte aller britischen Gewerkschaftsmitglieder im TUC gehören den drei größten Gewerkschaften an, die durch Fusionen entstanden sind.

Nach Gewerkschaftsangaben gibt es in Großbritannien (offizielle Bezeichnung: Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Nordirland) 7.151.589 Gewerkschaftsmitglieder, die fast alle in einem Beschäftigungsverhältnis stehen.[1] Laut der jährlichen amtlichen Arbeitskräfteerhebung, die nicht erwerbstätige Mitglieder unberücksichtigt lässt, waren es 2012 insgesamt 6.755.000, davon 6.455.000 Arbeitnehmer.[2] (Bei den übrigen Gewerkschaftsmitgliedern handelt es sich wahrscheinlich um Selbständige). Dies entspricht 25,6  % aller Arbeitnehmer. In der ICTWSS Datenbank zur Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder wird für Großbritannien ein gewerkschaftlicher Organisationsgrad von 27,1 % angegeben (2010)[3].

 

Die große Mehrheit – 5.786.734 im Januar 2014 – gehört einer der Mitgliedsgewerkschaften des TUC an, dem einzigen Gewerkschaftsbund in Großbritannien.[4] Nordirland gehört jedoch nicht zu seinem Tätigkeitsbereich. Gewerkschaften, die sowohl in Britannien als auch in Nordirland tätig sind, gehören außerdem häufig, über den Nordirland-Ausschuss des ICTU, auch dem Dachverband irischer Gewerkschaften ICTU an (s. Abschnitt über Irland). Der ICTU hat in Nordirland insgesamt 218.514 Mitglieder. [5]

 

Die britischen Gewerkschaften sind unterschiedlich organisiert. Manche vertreten bestimmte Berufsgruppen, wie Lehrer oder Röntgenassistenten, andere – vor allem in Finanzsektor – organisieren die Mitarbeiter eines einzigen Unternehmens wie beispielsweise Aegis, die Gewerkschaft des Lebens- und Rentenversicherungskonzerns Aegon oder die NGSU der Nationwide Building Society. Die überwiegende Mehrheit der Gewerkschaftsmitglieder gehört heute jedoch einer der großen Gewerkschaften an, die durch Fusionen entstanden sind und Mitglieder in mehreren Wirtschaftszweigen haben. Branchengewerkschaften sind heute weniger üblich, auch wenn es noch die eine oder andere gibt, wie z.B. die Bauarbeitergewerkschaft UCATT.

 

Die größte britische Gewerkschaft ist Unite, die im Mai 2007 aus der Fusion der ehemals zweit- und drittgrößten Gewerkschaften Amicus und T&G hervorgegangen ist. Sie hat 1.310.649 Mitglieder (Januar 2014), die in fast allen Branchen tätig sind, einschließlich der Autoindustrie, der Druckindustrie, dem Finanzwesen, im Straßenverkehr und im Gesundheitswesen. Sie ist in der Privatwirtschaft stärker vertreten, hat aber mindestens 200.000 Mitglieder im öffentlichen Dienst.

 

UNISON, mit 1.266.711 Mitgliedern die zweitgrößte Gewerkschaft, organisiert in erster Linie die Beschäftigten im öffentlichen Dienst, wenngleich sie in Folge der Privatisie­rungen auch zahlreiche Mitglieder in privatwirtschaftlichen Unternehmen hat. Die dritt­größte Gewerkschaft ist die GMB mit 617.064 Mitgliedern. Wie Unite ist die GMB eine allgemeine Gewerkschaft mit Mitgliedern in verschiedenen Branchen, zumeist Arbeiter.

 

Diese drei Gewerkschaften stellen zusammen 55 % der Mitglieder des TUC, wobei die beiden größten allein schon 45 % der Mitglieder des Gewerkschaftsverbandes ausmachen.

 

Die nächste Gruppe der TUC-Mitglieder besteht aus kleineren und eher an spezifische Branchen oder Berufe gebundenen Gewerkschaften. Es sind die USDAW (433.402 Mitglieder), die in erster Linie Verkaufspersonal organisiert, aber auch Mitglieder aus anderen Bereichen hat; zwei Lehrergewerkschaften, NUT (330.719 Mitglieder) und NASUWT (293.024  Mitglieder), PCS (247.345 Mitglieder), eine Gewerkschaft, deren Mitglieder bei der zentralen Regierung arbeiten, sowie die CWU (201.729 Mitglieder), die Beschäftigte der Post- und Telekommunikation vertritt, jedoch nicht die Führungskräfte.

 

In ihrer Entscheidungsfindung sind die Einzelgewerkschaften unabhängig, doch ist der TUC in der Vergangenheit als Hauptgesprächspartner der Regierung aufgetreten.

 

Lediglich zwei nach Mitgliederzahlen große Gewerkschaften sind nicht dem TUC oder einem anderen Dachverband beigetreten: die RCN, die 415.843 Mitglieder unter den Krankenpflegern hat, und die BMA, eine Ärztegewerkschaft mit 152.277 Mitgliedern.[6]

 

Rund die Hälfte der TUC-Mitglieder gehören Gewerkschaften an, die Mitglied der Labour-Partei sind, obwohl der TUC selbst kein Parteimitglied ist. Die Ausnahme bilden hauptsächlich Gewerkschaften, die Berufsgruppen wie Lehrer und Bedienstete bei der zentralen Regierung organisieren. Die Gewerkschaften, die Parteimitglieder sind, nehmen an Kongressen und Abstimmungen der Partei teil und sind im Exekutivausschuss der Labour-Partei vertreten. Sie sind die wichtigste Einnahmequelle der Partei, ihr Beitrag beläuft sich auf 60 % der gesamten Einnahmen der Partei. Aufgrund geänderter Regeln haben die Gewerkschaften heute jedoch längst keinen so großen formalen Einfluss mehr auf die Parteipolitik wie in der Vergangenheit.

 

In den 1980er und der ersten Hälfte der 1990er Jahre haben die Gewerkschaften viele Mitglieder verloren, vor allem aufgrund der veränderten Belegschaftsstrukturen.  Ende der 1990er Jahre konnte der starke Mitgliederrückgang aufgehalten werden, und seither ist der Anteil gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer langsamer gesunken. In den zehn Jahren von 2003 bis 2013 ist laut Arbeitskräfteerhebung die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder um 9,2% von 7.105.000 auf 6.499.000 zurückgegangen, während der gewerkschaftliche Organisationsgrad um 3,7% rückläufig war – von 29,3% auf 25,6% im gleichen Zeitraum.

 

Bis vor kurzem war diese relative Stabilisierung insbesondere auf den Anstieg des Anteils der Beschäftigten im öffentlichen Sektor zurückzuführen, wo der gewerkschaftliche Organisationsgrad wesentlich höher ist. Die Zahlen der Arbeitskräfteerhebung (2013) weisen den gewerkschaftlichen Organisationsgrad im öffentlichen Sektor mit 55,4 % aus gegenüber 14,4 % in der Privatwirtschaft.  Die derzeitigen Personalkürzungen im öffentlichen Sektor insgesamt haben hier jedoch eine Trendumkehr eingeleitet. Die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder im öffentlichen Sektor ist von 4.100.000 im Jahre 2009 auf 3.816.000 im Jahre 2013 zurückgegangen. Die Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder in der Privatwirtschaft ist über den gleichen Zeitraum von 2.467.000 auf 2.633.000 gestiegen.

 

Die Tatsache, dass mehr Frauen im öffentlichen Sektor arbeiten als Männer, erklärt zu einem großen Teil, warum der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder bei Frauen höher ist als bei Männern– 28,3 % gegenüber 22,9 %. Es besteht also ein Gefälle von mehr als fünf Prozentpunkten,  obwohl der Organisationsgrad der Männer in der Privatwirtschaft mit 16,0 % höher ist als bei Frauen (12,2 %) und im öffentlichen Sektor nur ein kleiner Unterschied besteht (hier gehören 55,8 % der Frauen und 54,6 % der Männer einer Gewerkschaft an). Das erklärt auch, warum mehr Frauen Mitglieder einer Gewerkschaft sind (3,5 Millionen) als Männer (2,9 Millionen).

[1] 7.086.116 Gewerkschaftsmitglieder in Gewerkschaften, deren Zentrale in Großbritannien ist (Annual Report of the Certification Officer 2013-2014) plus 51.812 in Nordirland und weitere 13.661 in Gewerkschaften in der Republik Irland (Annual Report of the Certification Officer for Northern Ireland 2012-2013).

[2] Diese sowie alle anderen Angaben zum gewerkschaftlichen Organisationsgrad stammen aus: Trade Union Membership 2013: Statistical Bulletin, Department for Business, Innovation and Skills, Mai 2014 https://www.gov.uk/government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/313768/bis-14-p77-trade-union-membership-statistical-bulletin-2013.pdf (letzter Zugriff 19.05.2015)

[3] The ICTWSS Database: Database on Institutional Characteristics of Trade Unions, Wage Setting, State Intervention and Social Pacts, in 34 countries between 1960 and 2012, compiled by Jelle Visser, at the Amsterdam Institute for Advanced Labour Studies AIAS, University of Amsterdam, Version 4, April 2013 ( siehe http://www.uva-aias.net/207 )

[4] Die Angaben für den TUC und seine Mitgliedsgewerkschaften stammen aus: TUC Directory 2013 und geben den Stand vom Januar 2012 wieder.

[5] Annual Report of the Certification Officer for Northern Ireland 2011-12 Appendix 1 (Laut eigenen Angaben hatte der ICTU Anfang 2011 217.711 Mitglieder.)

[6] Annual Report of the Certification Officer 2013-14

L. Fulton (2015) Worker representation in Europe. Labour Research Department and ETUI. Produced with the assistance of the SEEurope Network, online publication available at http://www.worker-participation.eu/National-Industrial-Relations.