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Gewerkschaften

Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist hoch in Finnland, denn fast drei Viertel der finnischen Arbeitnehmer gehören einer Gewerkschaft an. Die einzelnen Gewerkschaften verfügen über eine erhebliche Autonomie und sind in drei Gewerkschaftsbünden zusammengeschlossen – SAK, STTK und AKAVA –  welche die Arbeitnehmergruppen nach Kriterien wie Beruf und Bildungsstand organisieren. Es gibt Pläne für einen weitreichenden Zusammenschluss.

 

In Finnland gibt es ungefähr 2,2 Millionen Gewerkschafter. Davon sind nicht alle berufstätig, da auch Rentner, Arbeitslose und  Studenten Mitglied einer Gewerkschaft sein können, und viele sind dies auch. Doch selbst wenn man dies berücksichtigt, ist ein sehr großer Anteil der Arbeitnehmer in Finnland gewerkschaftlich organisiert. Laut der periodischen Erhebung des finnischen Amtes für Statistik betrug der gewerkschaftliche Organisationsgrad in Finnland im Jahr 2008 74 %.[1] In der ICTWSS Datenbank zur Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder wird der gewerkschaftliche Organisationsgrad 2011 auf 69,0 % geschätzt[2].

 

Es gibt drei Gewerkschaftsbünde in Finnland. Der größte ist der Zentralverband der finnischen Gewerkschaften SAK mit 1.008.040 Mitgliedern (Januar 2015)[3]. Er vertritt überwiegend Arbeiter, aber rund ein Drittel seiner Mitglieder sind Angestellte. Der zweitgrößte Bund STTK zählt rund 608.000 Mitglieder (2015) und vertritt die Mehrheit der Angestellten in Finnland. An dritter Stelle kommt der Gewerkschaftsbund AKAVA, der Akademiker organisiert und 588.865 (2015) Mitglieder umfasst. Die drei Gewerkschaftsbünde arbeiten eng zusammen, seit 1978 gibt es ein Kooperationsabkommen zwischen ihnen. Nichtsdestotrotz konkurrieren der STTK und der AKAVA um Mitglieder mit Universitätsausbildung, wobei der AKAVA hier einen stärkeren Zuwachs aufweist.

 

Allen drei Verbänden gehört eine Reihe von Einzelgewerkschaften an, wobei sich in den letzten Jahren einige dieser Gewerkschaften zusammengeschlossen haben.

 

Der SAK umfasst 22 Einzelgewerkschaften, die in erster Linie nach Branchen organisiert sind. Die größte dieser Gewerkschaften ist mit 231.281 Mitgliedern die PAM, die Arbeitnehmer des privaten Dienstleistungssektors vertritt. Die zweitgrößte ist die JHL für den öffentlichen Dienst und das Sozialwesen, die infolge eines Zusammenschlusses von sechs Gewerkschaften im Jahr 2005 gegründet wurde und 230.176 Mitglieder zählt. An dritter Stelle kommt die Gewerkschaft der Metallarbeiter mit 144.182 Mitgliedern.

 

Die angegliederten Einzelgewerkschaften haben ihre eigenen Satzungen und verfügen über eine erhebliche Verhandlungsautonomie.

 

Der STTK hat 18 Mitgliedsgewerkschaften, die nach Berufen und Branchen organisiert sind. Derzeit ist die Gesundheitsgewerkschaft TEHY mit 160.000 Mitgliedern, einschließlich 25.000 Studenten (2015) [4], die größte dieser Gewerkschaften. Die zweitgrößte Gewerkschaft ist Pro union mit 130.000 Mitgliedern, darunter 110.000 Erwerbstätigen[5]. Pro ist  aus dem Zusammenschluss von Gewerkschaften, die Angestellte in der Privatwirtschaft und in industriellen Dienstleistungen und einer Finanzgewerkschaft hervorgegangen. Pardia, die drittgrößte STTK-Gewerkschaft, organisiert  Staatsbeamte und zählt 60.000 Mitglieder[6].

 

Der AKAVA umfasst 35 Einzelgewerkschaften, die nach Berufen organisiert sind. Sein größtes Mitglied, die Lehrergewerkschaft in Finnland OAJ, zählt 121.033 Mitglieder, an zweiter Stelle steht die Ingenieurgewerkschaft TEK mit 72.353 Mitgliedern und die drittgrößte ist die Ingenieursgewerkschaft IL mit 70.838 Mitgliedern (Stand jeweils 1. Januar 2015)..

 

Der SAK unterhält keine formalen Verbindungen zu einer spezifischen politischen Partei, doch er steht der sozialdemokratischen Partei (SPD) nahe. Generell sind diese politischen Bindungen heute nicht mehr so wichtig. Dennoch wurde die SPD bei der Wahlkampagne 2009 von den drei größten SAK-Gewerkschaften finanziell unterstützt, und auch das Linksbündnis (Vasemmistoliitto) erhielt Spenden, wenngleich geringere Beträge, von einigen SAK-Gewerkschaften. Die beiden anderen Gewerkschaftsbünde betonen ihre politische Unabhängigkeit.

 

Ende 2014 kündigten Gewerkschafter aus 22 Einzelgewerkschaften, einschließlich den größten Mitgliedern von SAK und STTK an, die Möglichkeit der Gründung eines neuen einzigen Dachverbandes für alle finnischen Gewerkschaften prüfen zu wollen. Bei einem anschließenden Treffen von Delegierten aus 73 Gewerkschaften wurde das Vorhaben im Januar 2015 offiziell unterstützt. Sowohl der SAK als auch der STTK befürworten einen Zusammenschluss, während der AKAVA dagegen ist, obwohl sein drittgrößtes Mitglied, die Ingenieursgewerkschaft IL sich dafür ausgesprochen hat. Bis Februar 2015 haben 44 Gewerkschaften, darunter Mitgliedsgewerkschaften aller drei Dachverbände, zugesagt, sich an den Bemühungen zur Schaffung eines neuen Gewerkschaftsdachverbandes zu beteiligen. Die Gewerkschaften haben einen Lenkungsausschuss gebildet, der sich aus Vertretern der einzelnen Gewerkschaften zusammensetzt. Ziel ist es, dass der neue Verband seine Arbeit 2016 aufnimmt. [7]

 

Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist hoch in Finnland.  Es ist üblich, die Mitgliedschaft in der Arbeitslosenversicherung durch die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft zu erlangen, aber es ist auch möglich, sich einer Arbeitslosenversicherung anzuschließen, ohne einer Gewerkschaft anzugehören. Aus der Erhebung des finnischen Amtes für Statistik geht hervor, dass die Zahl der Arbeitnehmer, die einer Arbeitslosenversicherung beitreten, ohne einer Gewerkschaft anzugehören, in den letzten Jahren zugenommen hat. Dieser Erhebung zufolge ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad zwischen 1984 und 1990 leicht gefallen, von 79 auf 72 %. 1997, als es angesichts der Wirtschaftskrise der 90er Jahre sinnvoll erschien, sich einer Gewerkschaft anzuschließen um bei Arbeitslosigkeit eine höhere Unterstützung erhalten zu können, ist dieser Anteil wieder auf 79 % gestiegen. 2003 ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad erneut auf 77 % und 2008 weiter auf 74 % gefallen[8].

 

Die Gewerkschaften werden sich immer mehr dessen bewusst, dass sie ihre Stärke und ihren Einfluss nur dann aufrechterhalten können, wenn sie sich aktiv darum bemühen, neue Mitglieder unter den Neuankömmlingen auf dem Arbeitsmarkt  zu gewinnen. Junge Menschen sind daher ein besonderes Zielobjekt für die Gewerkschaften, und Letztere tun alles, um Studenten zum Beitritt zu ermutigen. Dem AKAVA beispielsweise gehören mehr als 100.000 Studenten an, die im Studentenausschuss AOVA organisiert sind. Die Zahl der AKAVA-Mitglieder ist zwischen 2000 und 2015 stark angestiegen, von 375.000 auf 588.865.

 

Der Frauenanteil unter den Gewerkschaftsmitgliedern ist hoch. Laut Angaben der Gewerkschaften liegt er bei dem SAK bei 46%, beim STTK bei 75% und im AKAVA bei 52,7% (Stand 2015) [9]

[1] Anna-Maija Lehto und Hanna Sutela: Three decades of working conditions: Findings of Finnish Quality of Work Life Surveys 1977-2008, 2009.

[2] The ICTWSS Database: Database on Institutional Characteristics of Trade Unions, Wage Setting, State Intervention and Social Pacts, in 34 countries between 1960 and 2012, compiled by Jelle Visser, at the Amsterdam Institute for Advanced Labour Studies AIAS, University of Amsterdam, Version 4, April 2013 (siehe http://www.uva-aias.net/207 )

[3] Diese Zahl und die anderen Mitgliederzahlen sind auf den Websites der jeweiligen Gewerkschaften angegeben: SAK: http://www.sak.fi/tama-on-sak/ammattiliitot/jasenmaarat, STTK http://www.sttk.fi/mika-sttk/, AKAVA http://www.akava.fi/jasenmaarat

[4] http://www.tehy.fi/tehy/ (Aufgerufen am 16.04.2015)

[5] http://www.proliitto.fi/tama-on-pro (Aufgerufen am 16.04.2015)

[6] http://www.pardia.fi/jasenyys/ (Aufgerufen am 16.04.2015)

[7] http://www.sak.fi/svenska/nyheter/de-har-44-forbunden-vill-grunda-ny-fackcentral-2015-02-12 (Aufgerufen am 16.04.2015)

[8] Anna-Maija Lehto und Hanna Sutela: Three decades of working conditions: Findings of Finnish Quality of Work Life Surveys 1977-2008, 2009.

[9] Siehe: http://www.sak.fi/tama-on-sak/ammattiliitot/jasenmaarat, http://www.sttk.fi/mika-sttk/jasenistomme-pahkinankuoressa/ and http://www.akava.fi/files/14813/Kooste_Akavan_jasenmaarista_01012015.pdf

L. Fulton (2015) Worker representation in Europe. Labour Research Department and ETUI. Produced with the assistance of the SEEurope Network, online publication available at http://www.worker-participation.eu/National-Industrial-Relations.