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Gewerkschaften

In den Niederlanden gehört ein Fünftel der Arbeitnehmer (20 %) einer Gewerkschaft an. Ihr Anteil ist in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken. Es gibt zwei dominierende Gewerkschaftsbünde, wobei einer, der FNV, wesentlich mehr Mitglieder hat als der andere, der CNV. Zwischen diesen Bünden, die sich ursprünglich ideologisch bzw. konfessionell klar voneinander abgrenzten, bestehen heute gute Beziehungen. Der dritte Gewerkschaftsverband MHP, der höher qualifizierte Arbeitnehmer organisiert, hat sich kürzlich gespalten.

Laut Angaben des niederländischen Amtes für Statistik (CBS) gab es 2012 1,85 Millionen Gewerkschafter in den Niederlanden.1 Allerdings waren 15,5 % davon (287.000) über 65 Jahre alt und der Gesamtanteil nicht erwerbstätiger Gewerkschaftsmitglieder dürfte noch höher sein. Aus getrennten Statistiken des CBS im Rahmen einer Umfrage unter Arbeitnehmern (EBB) im Jahr 2011 geht hervor, dass 20 % der Arbeitnehmer einer Gewerkschaft angehörten, allerdings sind Arbeitnehmer, die bis zu 12 Stunden pro Woche arbeiten, hier nicht berücksichtigt.2 Diese Zahl ist etwas höher als die Angaben in der ICTWSS Datenbank zur Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder, wonach der gewerkschaftliche Organisationsgrad in den Niederlanden 19,0 % beträgt (Stand 2011).3

Der größte Gewerkschaftsbund in den Niederlanden ist der FNV mit 1.367.800 Mitgliedern (Stand: Dezember 2011, nun sind es weniger, siehe unten).4 Der zweitgrößte Gewerkschaftsbund CNV ist wesentlich kleiner und zählt 338.000 Mitglieder (Stand: Anfang 2012).5 FNV und CNV organisieren beide Arbeiter und Angestellte.

 

Der FNV und der CNV gehen zurück auf Organisationen, die auf der Grundlage einer religiösen oder politischen Überzeugung gegründet wurden. Der FNV ist aus dem Zusammenschluss der sozialistischen und katholischen Gewerkschaftsverbände hervorgegangen, während der CNV, der sich nach wie vor als christlichen Gewerkschaftsbund bezeichnet, aus der protestantischen Gewerkschaftsbewegung entstanden ist.

 

 

Der drittgrößte Gewerkschaftsbund MHP wurde 1974 gegründet, um die Interessen höherer Angestellter zu vertreten, die sich am Arbeitsplatz einem wachsenden Druck ausgesetzt sahen.

 

Nach Angaben des CBS hatte der MHP 2012 132.100 Mitglieder, hauptsächlich mittlere und höhere Angestellte. Heute ist die Mitgliederzahl des MHP vermutlich nur noch halb so hoch, da die größte MHP-Mitgliedsgewerkschaft Unie im Oktober 2012 beschlossen hat, aus dem MHP auszutreten. Seit dem 1. Januar ist die Gewerkschaft Unie völlig unabhängig. Als Hauptgrund für ihren Austritt aus dem MHP gab Unie, deren Mitglieder überwiegend in der Privatwirtschaft beschäftigt sind, an, dass der MHP als hauptsächlich im öffentlichen Sektor tätiger Verband ihre Interessen nicht angemessen vertrete.

 

 

Außerdem gibt es eine Reihe kleinerer Gewerkschaften wie die RMU und die LBV, die keinem der drei großen Gewerkschaftsbünde angeschlossen sind. Angaben des CBS zufolge umfassen diese kleineren Gewerkschaften insgesamt 196.400 Mitglieder (2012).

 

 

 

 

 

 

Dem FNV gehörten 2011 19 Gewerkschaften an. Im Anschluss an die Debatte über die Zukunft der Gewerkschaft im Jahr 2012 (siehe unten) wurde beschlossen, die FNV unter der Bezeichnung „de nieuwe vakbeweging“ (Die neue Gewerkschaftsbewegung) neu zu gründen. Mindestens drei Gewerkschaften kündigten an, der neuen Gewerkschaft nicht beizutreten: die Rentnergewerkschaft ABNO mit 181.800 Mitgliedern (2011), die Baugewerkschaft für Selbständige Zbo mit 10.200 Mitgliedern (2010) und die Friseur- und Körperpflegegewerkschaft Mooi mit 7.700 Mitgliedern. Nach dem Austritt von ABNO im Januar 2013 beträgt die Zahl der Mitglieder des FNV nur noch 1.186.00.

 

 

Die größte Gewerkschaft von „de nieuwe vakbeweging“ ist FNV Bondgenoten, die Arbeitnehmer in privatwirtschaftlichen Industrie- und Dienstleistungssektoren vertritt und 470.500 Mitglieder zählt (2011). Die zweitgrößte Mitgliedsgewerkschaft, die Gewerkschaft für den öffentlichen Dienst ABVAKABO FNV umfasst 355.500 Mitglieder, als drittgrößtes Mitglied folgt die Gewerkschaft des Baugewerbes FNV Bouw mit 118.100 Mitgliedern..

 

 

Der CNV umfasst 11 Mitgliedsgewerkschaften, die größte von ihnen, CNV Vakmensen, zählt 132.800 Mitglieder (sie ist aus dem Zusammenschluss von CNV BedrijvenBond, deren Mitglieder überwiegend in der verarbeitenden Industrie beschäftigt sind, und der Baugewerkschaft CNV Hout en Bouw hervorgegangen). Die zweitgrößte CNV Publieke Zaak umfasst 79.200 Mitglieder im öffentlichen Sektor, und die Gewerkschaft des Bildungswesens - Onderwijsbond CNV – hat 53.500 Mitglieder (Angaben vom Januar 2012).

 

 

Die meisten Mitglieder des MHP gehören zwei Gewerkschaftsverbänden an – dem CMHF, dessen Mitglieder größtenteils im Staatssektor und im Bildungswesen beschäftigt sind, und dem UOV, der Mitglieder im privaten und halbstaatlichen Sektor umfasst. Der CMHF und der UOV sind selbst Dachverbände, die mehrere Mitgliedsgewerkschaften umfassen. Weiter gehören dem MHP die Pilotengewerkschaft VNV und die Gewerkschaft für Fach- und Führungskräfte der Fluggesellschaft KLM (VHKP) an. Früher hatten der CMHF und der UOV etwa gleich viele Mitglieder, aber nach dem Austritt der Gewerkschaft Unie (die bis 2013 die weitaus größte Mitgliedsgewerkschaft des UOV war) ist CMHF der größte von beiden Gewerkschaftsbünden.

 

 

Die Beziehungen zwischen dem FNV und dem CNV sind gut. Zwischen ihnen und dem MHP ist es jedoch nach Aktionen der MHP-Mitgliedsgewerkschaft Unie bei Tarifverhandlungen zu Konflikten gekommen: FNV und CNV beschuldigten Unie, in Bereichen, in denen sie nur gering vertreten ist, unzureichende Vereinbarungen unterzeichnet und so ihre eigenen Bemühungen um Verbesserungen behindert zu haben (siehe den Abschnitt “Tarifverhandlungen”).

 

 

 

Die Beziehungen zwischen der zentralen Ebene und den Mitgliedsgewerkschaften innerhalb der großen Gewerkschaftsbünde sind komplex. Die einzelnen, insbesondere die größeren Gewerkschaften sind mächtig, aber sie stützen sich auch auf den Dachverband, um bestimmte Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen und sich im Wettbewerb mit den anderen Gewerkschaftsbünden besser behaupten zu können. 2011 ist es im Zusammenhang mit der Frage der betrieblichen Altersvorsorge zu einem Konflikt zwischen den drei größten FNV-Gewerkschaften Bondgenoten, Abvakabo und Bouw und der zentralen FNV-Leitung gekommen. Dieser Konflikt war einer der Gründe für die Entscheidung, den neuen Gewerkschaftsbund “de nieuwe vakbeweging” zu gründen (siehe oben).

 

 

Bondgenoten, Abvakabo und Bouw planen, ihre Mitglieder in die neue Struktur zu übernehmen, das heißt dass diese künftig nicht mehr den Mitgliedsgewerkschaften sondern direkt dem neuen Gewerkschaftsbund angehören werden. Die anderen Gewerkschaften werden dem neuen Dachverband beitreten, aber im Gegensatz zu den drei oben genannten großen Gewerkschaften als eigenständige Gewerkschaften weiterbestehen. Der gesamte Prozess soll vor 2016 abgeschlossen sein, und es bleibt abzuwarten, wie dieser in der Praxis ablaufen wird.

 

 

Der FNV und der CNV sind offiziell parteiunabhängig, aber der FNV steht der niederländischen Arbeiterpartei PvdA nahe, während der CNV sich politisch näher an den Christdemokraten positioniert. Der MHP seinerseits macht geltend, dass er keine religiöse oder politische Ausrichtung hat.

 

 

Der Anteil der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer ist in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken. Laut Statistiken des CBS fiel dieser Anteil zwischen 1995 und 2011 von 28 % auf 20 %. Zum Teil ist dies darauf zurückzuführen, dass die Gesamtzahl der Arbeitnehmer gewachsen ist. Aber seit 2003 scheint auch die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder gesunken zu sein, wenngleich eine genaue Auslegung der Zahlen schwierig ist, da sich die Methode für ihre Erhebung geändert hat. Der neue Gewerkschaftsdachverband der ehemaligen FNV-Gewerkschaften wurde auch deswegen gegründet, weil man sich dadurch einen Mitgliederzuwachs erhofft.

 

 

Aus den Statistiken des CBS geht hervor, dass Männer sich eher einer Gewerkschaft anschließen als Frauen –23 % der Männer sind gewerkschaftlich organisiert, während dieser Anteil bei Frauen nur 17 % beträgt. Die öffentliche Verwaltung weist mit 34 % den höchsten gewerkschaftlichen Organisationsgrad auf, im Hotel- und Gaststättengewerbe hingegen liegt er bei nur 7 %. (Alle Zahlen stammen aus der Arbeitnehmerumfrage EBB für 2011.)

 

L. Fulton (2013) Arbeitnehmervertretung in Europa. Labour Research Department und ETUI. Erstellt mit Unterstützung des SEEurope Netzwerks. Online-Publikation, verfügbar unter http://de.worker-participation.eu.