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Gewerkschaften

Polen verzeichnet mit rund 12 % einen relativ niedrigen gewerkschaftlichen Organisationsgrad. Die Gewerkschaftsmitglieder verteilen sich auf eine große Zahl von Gewerkschaften. Es gibt zwei große Gewerkschaftsbünde, NSZZ Solidarność und OPZZ, sowie einen etwas kleineren Gewerkschaftsbund, FZZ. Viele Gewerkschafter gehören kleinen lokalen Gewerkschaften an, die keinem Dachverband angeschlossen sind.

Die großen Gewerkschaftsbünde veröffentlichen ihre Mitgliederzahlen nicht auf regelmäßiger Basis, und es gibt auch keine offiziellen Schätzungen. Das Meinungsforschungsinstitut CBOS schätzte den Anteil gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer auf der Grundlage einer Umfrage im April 2012 auf 12 %.1 Die ICTWSS Datenbank zur Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder berechnete den gewerkschaftlichen Organisationsgrad auf 14,1 % im Jahr 2010.2

Die polnischen Gewerkschaftsmitglieder verteilen sich auf eine große Zahl von Organisationen. Drei landesweit organisierte Gewerkschaftsdachverbände gelten als repräsentativ und genießen bestimmte Rechte: NSZZ Solidarność und OPZZ, die beide mehr als 500.000 Mitglieder haben, sowie der kleinere Gewerkschaftsbund FZZ (er gibt an, mehr als 400.000 Mitglieder zu haben). Daneben bestehen einige kleinere Gewerkschaftsverbände und landesweit organisierte Gewerkschaften, die keinem Dachverband angeschlossen sind, sowie zahlreiche lokale Gewerkschaftsorganisationen, die meist nur in einem Betrieb vertreten sind und keiner anderen Gewerkschaftsstruktur angehören. Drei Viertel der betrieblichen Gewerkschaftsorganisationen sind jedoch NSZZ Solidarność, dem OPZZ oder dem FZZ angeschlossen.3

Die Gewerkschaft NSZZ Solidarność ist 1980 unter dem kommunistischen Regime aus den Streiks der Danziger Werftarbeiter hervorgegangen und wurde im September des gleichen Jahres als unabhängige selbstverwaltete Gewerkschaft eingetragen. Nachdem die Gewerkschaft nach Ausrufung des Kriegszustands im Dezember 1981 einige Jahre verboten war, konnte sie ab 1989 wieder in der Legalität arbeiten.4 In der ersten nicht-kommunistischen Regierung, die im selben Jahr gewählt wurde, nahmen die Gewerkschaftsführer von Solidarność eine Schlüsselposition ein, und auch in den darauf folgenden Jahren spielten sie im Rahmen des Wahlbündnisses Akcja Wyborcza Solidarność (Wahlaktion Solidarność), das von 1997 bis 2000 an der Regierungskoalition teilnahm, eine aktive Rolle in der Politik. Heute konzentriert sich Solidarność wieder mehr auf ihre gewerkschaftlichen Ziele, aber pflegt nach wie vor politische Beziehungen (siehe unten). 2008 hatte die Gewerkschaft Schätzungen zufolge 680.000 Mitglieder, während auf der Website des Ministeriums für Arbeit und Sozialpolitik eine Mitgliederzahl von 900.000 angegeben wird.5 Aus der Umfrage des CBOS 2012 ging hervor, dass schätzungsweise 5 % der polnischen Arbeitnehmer Mitglied von NSZZ Solidarność sind.

 

Der OPZZ wurde 1984, nach der Zeit des Kriegszustands, in der alle Gewerkschaften verboten waren, gegründet und war ohne Unterbrechung während des gesamten politischen und wirtschaftlichen Umwandlungsprozesses in Polen aktiv. 2009 hatte die Gewerkschaft Schätzungen zufolge 535.000 Mitglieder. Laut Umfrage des CBOS im August 2012 gaben 3 % der polnischen Arbeitnehmer an, einer OPZZ-Mitgliedsgewerkschaft anzugehören. Der tatsächliche Anteil könnte jedoch höher sein, da die OPZZ-Mitgliedsgewerkschaften, im Gegensatz zu NSZZ Solidarność, nicht direkt als solche identifiziert werden.

 

 

Der FZZ ist kleiner als die beiden anderen Gewerkschaftsbünde und umfasst überwiegend Gewerkschaften, die sich vom OPZZ abgetrennt haben. Der FZZ wurde im Jahr 2002 gegründet, als eine neue dreigliedrige Kommission mit Vertretern der Regierung, der Arbeitgeber und der Gewerkschaften geschaffen werden sollte, um künftige gesetzliche Bestimmungen zu erörtern (siehe den Abschnitt “Tarifverhandlungen”). Die Vorschriften für die Einsetzung dieser Kommission sahen vor, dass lediglich Gewerkschaftsbünde mit mindestens 300.000 Mitgliedern zugelassen werden. Um diese Zahl zu erreichen und sich einen Platz in dieser Kommission zu sichern, schlossen sich einige unabhängige Gewerkschaftsgruppen zusammen und gründeten den FZZ. Der FZZ gibt auf seiner Website an, mehr als 400.000 Mitglieder zu haben,6 und auch auf der Website des Ministeriums für Arbeit und Sozialpolitik wird eine Mitgliederzahl von rund 400.000 angegeben.7 Aus der Umfrage des CBOS 2012 ging hervor, dass schätzungsweise 2 % der polnischen Arbeitnehmer Mitgliedsgewerkschaften des FZZ angehörten.

Die Umfrage des CBOS ergab jedoch auch, dass 2 % der Arbeitnehmer Gewerkschaften angehörten, die nicht den großen Gewerkschaftsbünden angeschlossen sind. Einige sind Mitglied kleinerer Gewerkschaftsverbände wie Sierpień 80 und manche gehören lokalen Gewerkschaften an, die einem der großen Dachverbände angeschlossen sind, aber ohne es zu wissen. Es ist aber davon auszugehen, dass eine große Zahl von Arbeitnehmern in Gewerkschaften organisiert sind, die keinem Dachverband angeschlossen sind. Gesetzlich kann eine Gewerkschaft bereits von zehn Beschäftigten gegründet werden, und laut Website des Ministeriums für Arbeit und Sozialpolitik gibt es rund 7.000 Betriebsgewerkschaften, die keinerlei Verbindung zu größeren Gewerkschaftsorganisationen haben.8

Die NSZZ Solidarność ist anders aufgebaut als die beiden anderen großen Gewerkschaftsbünde. Sie versteht sich als einheitliche Organisation, die in 14 sektorale Verbände sowie einen Verband für Rentner und einen Regionalverband unterteilt ist. Laut Angaben auf der Website des Ministeriums für Arbeit und Sozialpolitik verfügt die NSZZ Solidarność über 12.000 betriebliche Gewerkschaftsausschüsse.

 

OPZZ und FZZ ihrerseits bestehen weitgehend aus einzelnen Betriebsgewerkschaften, die sich größeren in Gewerkschaftsverbänden zusammenschließen und zusammen einen Gewerkschaftsbund bilden.

 

 

Der OPZZ umfasst 79 landesweit tätige Gewerkschaftsorganisationen - Einzelgewerkschaften und Gewerkschaftsverbände, die in neun Branchenverbänden organisiert sind – sowie mehrere Hundert Gewerkschaften auf lokaler und betrieblicher Ebene, die in Regionalgruppen zusammengefasst sind.9 Der weitaus größte der Branchenverbände des OPZZ ist die Gewerkschaft des Bildungswesens ZNP.

 

 

Der FZZ, der 2002 von 17 Gewerkschaften gegründet worden war, umfasst nun 42 auf nationaler Ebene organisierte Gewerkschaften sowie eine Vielzahl von lokalen Gewerkschaftsorganisationen, die in den Regionalverbänden des FZZ zusammengeschlossen sind.

Eine Studie aus dem Jahr 2006 stellte heraus, dass die Personalausstattung der Gewerkschaftszentralen diese strukturellen Unterschiede verdeutlichte: In der Gewerkschaftszentrale von NSZZ Solidarność waren im Jahr 2006 rund 150 Personen beschäftigt; für den OPZZ belief sich diese Zahl auf 19 und für die FZZ nur auf acht.10

Politisch stand NSZZ Solidarność der konservativen, von Jarosław Kaczyński geführten PiS-Partei nahe. Piotr Duda, der neue Präsident von Solidarność hat aber erklärt, die Gewerkschaft solle Distanz zu einzelnen politischen Organisationen wahren.11 Der OPZZ seinerseits hat bei den letzten Wahlen 2011 die linke Partei LSD unterstützt. Der FZZ ist parteiunabhängig.

 

Aufgrund dieser unterschiedlichen politischen Positionen sind die Beziehungen zwischen den großen Gewerkschaftsbünden manchmal gespannt, was jedoch auf lokaler oder betrieblicher Ebene weniger deutlich zum Ausdruck kommt als auf nationaler Ebene.

 

 

Seit dem Beginn der 90er Jahre ist die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder in Polen infolge der industriellen Umstrukturierung und Privatisierungsmaßnahmen und im Zuge des Beschäftigungswachstums in kleineren Betrieben des privaten Dienstleistungssektors drastisch gesunken. Die Umfragen des CBOS zeigen, dass der Anteil der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer zwischen 1991 und 2000 von 28 auf 20 %, bis zum Jahr 2010 weiter auf 15 % und 2012 auf 12 % gefallen ist.12

Laut CBOS-Umfrage (2012) ist der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder in den Bereichen Bergbau und verarbeitendes Gewerbe mit 20 % am höchsten, gefolgt von Bildung, Wissenschaft und Gesundheit (19 %), an dritter Stelle steht der öffentliche Dienst (17 %). Der geringste Anteil gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer ist im Handel und im Dienstleistungssektor zu finden (2 %). Gewerkschaften sind in größeren Unternehmen wesentlich besser vertreten als in kleinen Betrieben. Der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder beträgt 26 % in Unternehmen mit 250 oder mehr Beschäftigten aber nur 7 % in Betrieben mit weniger als 50 Arbeitnehmern. Die Verteilung zwischen Männern und Frauen ist jedoch ausgewogen.

 

Die Gewerkschaften bemühen sich, ihre Mitgliederzahl zu erhöhen und bieten in diesem Rahmen Beratung für die Gründung einer neuen Gewerkschaft oder den Beitritt zu einer bereits bestehenden lokalen Gewerkschaftsorganisation an. Auf dem Solidarność-Kongress von 2008 erklärte der damalige Präsident Janusz Śniadek, dass die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder im Vorjahr erstmals seit 1989 wieder gestiegen war.

 

L. Fulton (2013) Arbeitnehmervertretung in Europa. Labour Research Department und ETUI. Erstellt mit Unterstützung des SEEurope Netzwerks. Online-Publikation, verfügbar unter http://de.worker-participation.eu.