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Gewerkschaften

Unter den Gewerkschaftsbünden in der Tschechischen Republik nimmt ČMKOS eine dominante Stellung ein. Insgesamt sind rund ein Sechstel aller Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert.

In der Tschechischen Republik gibt es vermutlich 800.000 Gewerkschaftsmitglieder, wobei nicht alle Gewerkschaften präzise Zahlen veröffentlichen. Es gibt auch keine offiziellen Statistiken zum Anteil der Gewerkschaftsmitglieder an der Arbeitnehmerschaft. In der ICTWSS Datenbank zur Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder wird für die Tschechische Republik ein gewerkschaftlicher Organisationsgrad von 17,3 % angegeben (Stand 2009)[1].

 

Mit 407.000 Mitgliedern (2011) ist ČMKOS bei weitem der größte Gewerkschaftsbund[2]. Er ist als tschechische Nachfolgeorganisation aus dem Tschechisch-Slowakischen Gewerkschaftsbund (CS KOS) hervorgegangen, der im März 1990 nach der “Samtrevolution” (1989) auf der Grundlage der im November 1989 gebildeten Streikausschüsse gegründet wurde. Der ehemalige Gewerkschaftsbund aus der kommunistischen Zeit ROH wurde auf dem Gründungskongress von ČS KOS aufgelöst. Obwohl er mit der Politik und Organisation des ROH brach, trat die Mehrheit der ROH-Mitglieder dem neuen Gewerkschaftsbund bei. Als sich die Tschechoslowakei 1993 in zwei Staaten aufspaltete, spaltete sich der ČS KOS in eine Organisation für die tschechische Republik – ČMKOS – und eine für die Slowakische Republik, KOZ SR.

 

ASO, der zweitgrößte Gewerkschaftsbund, wurde 1995 gegründet, als die Gewerkschaft der Landwirtschaft und der Lebensmittelindustrie (OSPZV) sich vom ČMKOS abtrennte. Sie hatte vom ČMKOS gefordert, stärker gegen die damaligen Regierungsmaßnahmen vorzugehen, mit denen die Subventionen für die Landwirtschaft verringert werden sollten. Die OSPZV gründete zusammen mit zwei kleineren Gewerkschaften den Gewerkschaftsverband ASO, dem sich später weitere Gewerkschaften anschlossen, insbesondere die Eisenbahnergewerkschaft (1998) und die Ärztegewerkschaft LOK-SČL. Laut einem Eurofound-Bericht hatte ASO 2011 150.000 Mitglieder.

 

Zu den anderen Gewerkschaftsbünden gehören: die KUK, ein Zusammenschluss von mehreren Gewerkschaften im Kulturbereich mit rund 42.000 Mitgliedern laut einem Bericht von Eurofound über Gewerkschaftsmitgliedschaft im Jahr 2008; einige Gewerkschaften im Kulturbereich sind unlängst dem ČMKOS beigetreten; die OS ČMS, die der kommunistischen Partei nahe steht und eigenen Angaben zufolge rund 10.000 Mitglieder zählt; und der christliche Gewerkschaftsbund KOK, der angibt, 5.000 Mitglieder zu haben[3]. Diese Zahlen sind jedoch keiner unabhängigen Überprüfung unterzogen worden. Daneben bestehen einige unabhängige Gewerkschaften, die keinem der größeren Gewerkschaftsbünde[4] angeschlossen sind, darunter eine Reihe Verkehrsgewerkschaften wie die Lokomotivführergewerkschaft FS ČR, die Gewerkschaft der Keramikindustrie OS SKBP sowie einige Mediengewerkschaften.

 

Der größte Gewerkschaftsbund ČMKOS umfasst 29 Einzelgewerkschaften, die nach Branchen organisiert sind. Die beiden größten sind die Gewerkschaft Metall OS KOVO mit circa 140.000 Mitgliedern und die Lehrergewerkschaft ČMOS PŠ mit rund 50.000 Mitgliedern.

 

ASO zählt 13 Mitgliedsgewerkschaften. Die größte von ihnen, die Gründergewerkschaft OSPZV-ASO, hat eigenen Angaben zufolge 100.000 Mitglieder, allerdings nicht nur Arbeitnehmer. Die Eisenbahnergewerkschaft OSŽ, ebenfalls Mitglied von ASO, gibt an, 45.0000 Mitglieder zu haben.

 

ČMKOS ist offiziell politisch unabhängig und in seiner Satzung ist zu lesen, dass er „von politischen Parteien und Bewegungen unabhängig ist“. Er hat jedoch häufig gegen die Politik der Mitte-Rechts-Regierung unter der Führung des im Juni 2013 zurückgetretenen Petr Nečas protestiert und das politische Programm der Ende desselben Jahres gewählten Koalitionsregierung begrüßt.

 

In den letzten Jahren ist die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder drastisch gesunken. 1995 umfasste ČMKOS noch 2,45 Millionen Mitglieder – fünf Mal so viel wie heute, wobei einige von ihnen anderen Gewerkschaftsbünden beigetreten sind. Der Rückgang der Mitgliederzahlen scheint sich fortzusetzen, obgleich die Gewerkschaften sich zunehmend um die Rekrutierung und Bindung neuer Mitglieder bemühen.

[1] The ICTWSS Database: Database on Institutional Characteristics of Trade Unions, Wage Setting, State Intervention and Social Pacts, in 34 countries between 1960 and 2012, compiled by Jelle Visser, at the Amsterdam Institute for Advanced Labour Studies AIAS, University of Amsterdam, Version 4, April 2013 ( siehe: http://www.uva-aias.net/207).

[2] Czech Republic: Representativeness of the European social partner organisations in the cross-industry social dialogue, by Ale Kroupa and Petr Pojer, European Foundation for the Improvement of Living and Working Conditions, 2014 http://www.eurofound.europa.eu/eiro/studies/tn1302018s/cz1302019q.htm

[3] Trade union membership 2003-2008, by Mark Carley, European Foundation for the Improvement of Living and Working Conditions, 2009 http://www.eurofound.europa.eu/eiro/studies/tn0904019s/tn0904019s.htm

[4] Bei den Zahlen für die kleineren Gewerkschaftsbünde handelt es sich um Schätzungen, siehe Capacity Building for social dialogue in the Czech Republic, Europäische Stiftung zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen 2006.

L. Fulton (2015) Worker representation in Europe. Labour Research Department and ETUI. Produced with the assistance of the SEEurope Network, online publication available at http://www.worker-participation.eu/National-Industrial-Relations.