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Gewerkschaften

In Deutschland sind rund ein Fünftel der Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert, und der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist seit Beginn der 90er Jahre drastisch gesunken, teilweise auf Grund des Zusammenbruchs der Beschäftigung in der verarbeitenden Industrie in Ostdeutschland nach der Vereinigung. Die überwiegende Mehrheit der Gewerkschafter gehört dem größten Gewerkschaftsbund DGB an, aber die einzelnen Mitgliedsgewerkschaften des DGB wie die IG Metall und Verdi verfügen über eine erhebliche Autonomie und einen großen Einfluss.

In Deutschland gibt es rund 7,4 Millionen Gewerkschaftsmitglieder. Viele von ihnen – 20% - sind jedoch im Ruhestand, und ihr Anteil nimmt weiter zu. In der ICTWSS Datenbank zur Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder wird der gewerkschaftliche Organisationsgrad in Deutschland 2011 mit 18,0 % angegeben.[1]

 

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat den Anspruch, alle Arten von Arbeitnehmern zu organisieren. Er ist mit insgesamt 6.104.851 Mitgliedern (Stand: 2014) mit Abstand der größte Gewerkschaftsbund[2].

 

Im öffentlichen Dienst und in ehemals öffentlichen Sektoren stehen die DGB-Gewerkschaften im Wettbewerb mit dem Deutschen Beamtenbund (dbb), der nicht dem DGB angehört und 1.282.829 Mitglieder zählt (2014).[3] Neben dem DGB gibt es den kleineren Christlichen Gewerkschaftsbund (CGB) mit 280.000 Mitgliedern[4].

Neben den Gewerkschaftsbünden gibt es einige unabhängige Berufsgewerkschaften, wie die Ärztegewerkschaft Marburger Bund, die Pilotengewerkschaft Cockpit, die Gewerkschaft der Flugbegleiter Ufo und die Gewerkschaft der Flugsicherung GdF, mit einer zum Teil beträchtlichen Anzahl von Mitgliedern. Der Marburger Bund hatte nach eigenen Angaben Ende 2012 114.179 Mitglieder. [5] Die Vereinigung Cockpit gibt die Mitgliederzahl auf ihrer Webseite mit rund 9.300 an.[6] (Die Gewerkschaft der Lokführer GDL, die häufig zu diesen Gewerkschaften gezählt wird, ist de facto eine Mitgliedsgewerkschaft des dbb.)

 

Ursprünglich waren die DGB-Gewerkschaften nach Branchen organisiert: So gab es Gewerkschaften für die Beschäftigten der Metallindustrie, der chemischen Industrie, des öffentlichen Dienstes, des Finanzsektors, des Einzelhandels und so weiter. Diese Struktur hat sich auch nach der Gründung des DGB 1949 noch viele Jahre gehalten. Seit dem Beginn der 90er Jahre ist es allerdings zu einigen größeren Zusammenschlüssen gekommen, die die Situation innerhalb des DGB grundlegend verändert haben.

 

Die beiden größten DGB-Mitgliedsgewerkschaften – IG Metall und Verdi – haben eine vergleichbare Mitgliederzahl, wobei die IG Metall nun mit 2.269.281 Mitgliedern (Ende 2014)[7] wieder an der Spitze steht. Die meisten ihrer Mitglieder sind zwar nach wie vor in der Metallindustrie beschäftigt, aber seit den Fusionen mit der Gewerkschaft Textil und Bekleidung (1997) und mit der Gewerkschaft Holz und Kunststoff (1999) hat sich der Mitgliederkreis der IG Metall erweitert. Darüber hinaus vertritt die IG Metall auch Beschäftigte des Informations- und Kommunikationssektors.

 

Ver.di ist 2001 aus dem Zusammenschluss von fünf Gewerkschaften in folgenden Bereichen entstanden: Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr; Handel, Banken und Versicherungen; Post und Telekommunikation; Druck und Medien sowie die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG), die durch diese Fusion in den DGB integriert wurde. Verdi war eine Zeitlang die größte Mitgliedsgewerkschaft des DGB, aber hat einige Mitgliederverluste hinnehmen müssen und steht nun mit 2.039.931 Mitgliedern (Ende 2014) an zweiter Stelle. Ver.di organisiert Arbeitnehmer der Dienstleistungsbranchen im privaten wie im öffentlichen Sektor.

 

Die drittgrößte Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie und Energie (IG BCE), die 1997 durch die Fusion von drei Gewerkschaften entstanden ist, zählt 657.752 Mitglieder (ende 2014).

 

Diese Einzelgewerkschaften sind äußerst mächtig und verfügen sicherlich über mehr Mittel als der DGB selbst, dessen einzige Mitglieder, streng genommen, nur die ihm angeschlossenen Gewerkschaften sind. Die Macht der Einzelgewerkschaften ist durch die Fusionen noch verstärkt worden - die drei größten von ihnen machen zusammen 81% der Gesamtmitgliederzahl des DGB aus.

 

Der dbb umfasst 43 Einzelgewerkschaften, die jeweils die Beschäftigten in einem bestimmten Bereich des öffentlichen Dienstes oder ehemals staatlicher Dienstleistungssektoren organisieren, z. B. Lehrer an beruflichen Schulen oder Bundesgrenzschutzbeamte. Die beiden größten Mitgliedsgewerkschaften sind die Lehrergewerkschaft VBE und komba, eine Gewerkschaft für Fachbeschäftigte im Kommunal- und Landesdienst.

 

Die meisten Mitglieder der dbb-Gewerkschaften haben den Status von Beamten, denen gesetzlich untersagt ist, Arbeitskampfmaßnahmen zu ergreifen, und deren Bezüge und Arbeitsbedingungen per Gesetz festgelegt und nicht verhandelt werden. [8] Rund ein Drittel der dbb-Mitglieder sind Angestellte, deren tarifpolitische Interessen durch die dbb tarifunion (inzwischen in die dbb integriert) vertreten werden. Eine der mächtigsten dbb-Gewerkschaften, die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), war 2007 in einen langen Tarifstreit verwickelt. Ende 2010 fusionierte die GDBA, die andere dbb-Gewerkschaft im Eisenbahnsektor, mit der DGB-Gewerkschaft Transet. Damit haben sich zum ersten Mal zwei Gewerkschaften zusammengeschlossen, die verschiedenen Dachverbänden angehörten. Die neue Gewerkschaft EVG mit 203.875 Mitgliedern Ende 2014 ist dem DGB beigetreten.

 

Der christliche Gewerkschaftsbund CGB setzt sich aus 14 Einzelgewerkschaften zusammen, deren größte die Metallarbeitergewerkschaft CGM ist. In zahlreichen Gerichtsurteile wurde diesen Gewerkschaften jedoch die Fähigkeit, Tarifverträge abzuschließen, aufgrund ihrer Mitgliederzahlen oder Organisation abgesprochen (s. Abschnitt über Tarifverhandlungen).

 

Der DGB vertritt offiziell keine bestimmte politische Richtung. Mindestens ein Mitglied seines Bundesvorstands ist Mitglied der CDU, und es gibt auch einige CDU-Mitglieder, die in den Einzelgewerkschaften führende Positionen innehaben. Insgesamt stehen die Gewerkschaften und die meisten Gewerkschaftsfunktionäre des DGB jedoch traditionell der sozialdemokratischen SPD nahe. Einige wichtige DGB-Persönlichkeiten unterstützen die Grünen, und Gewerkschafter der mittleren Funktionärsschicht haben an der Gründung der Linkspartei mitgewirkt.

 

Auch der dbb ist laut seiner Satzung sowohl parteipolitisch als auch konfessionell unabhängig. Er gilt traditionell als konservativer als der DGB, obwohl der gegenwärtige Vorsitzende keiner Partei angehört und in seinem Exekutivorgan auch SPD-Mitglieder vertreten sind. Der CGB gibt hingegen an, dass er sich an der christlichen Soziallehre orientiert, die seiner Meinung nach nur durch eine eigene Gewerkschaftsorganisation zu erreichen ist.

 

Die Gesamtzahl der Gewerkschaftsmitglieder ist seit der Deutschen Wiedervereinigung stark gesunken. Am härtesten traf es den DGB, der seit seiner Rekordzahl im Jahr 1991 mit 11,8 Millionen Mitgliedern fast die Hälfte (48 %) seiner Mitglieder verloren hat – trotz der Gründung von Ver.di 2001, durch die 460.000 Mitglieder der früher unabhängigen Angestellten Gewerkschaft DAG in den DGB integriert wurden. Die Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder in der ehemaligen DDR, die ursprünglich sehr hoch war, ist mit der sinkenden Beschäftigung steil gefallen. In den letzten Jahren war eine gewisse Stabilisierung zu beobachten: Zwischen 2010 und 2014 ist die Gesamtzahl der Gewerkschaftsmitglieder von 6.193.252 auf 6.104.851 nur noch um 1,4 % gesunken. Vier Gewerkschaften, darunter die größte deutsche Gewerkschaft IG Metall, verzeichneten in demselben Zeitraum sogar einen leichten Mitgliederzuwachs. [9]

 

Nach Angaben des dbb ist die Zahl seiner Mitglieder zwischen 2010 und 2014 von 1.276.330 auf 1.282.829 um 1,7% gestiegen.[10] Die Mitglieder des Marburger Bundes sind von 98.033 im Jahr 2006 auf 114.179 im Jahr 2012 um 16% gestiegen.[11]

 

Am höchsten ist der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder unter den Arbeitern der verarbeitenden Industrie und den Beschäftigten des öffentlichen Dienstes, in privaten Dienstleistungssektoren ist er wesentlich geringer. In den Gewerkschaften des DGB sind 33,1% der Mitglieder Frauen, 66,9% Männer (Stand Ende 2014). Der dbb hat einen Frauenanteil von 31,8% und 68,2% männliche Mitglieder (2014).

 

[1] The ICTWSS Database: Database on Institutional Characteristics of Trade Unions, Wage Setting, State Intervention and Social Pacts, in 34 countries between 1960 and 2012, compiled by Jelle Visser, at the Amsterdam Institute for Advanced Labour Studies AIAS, University of Amsterdam, Version 4, April 2013 (siehe: http://www.uva-aias.net/207 ).

[2] DGB-Mitgliederzahlen ab 2010, http://www.dgb.de/uber-uns/dgb-heute/mitgliederzahlen/2010/?tab=tab_0_0#tabnav

[3] Zahlen Daten Fakten: 2015, dbb beamtenbund und tarifunion, Januar 2015  http://www.dbb.de/fileadmin/pdfs/2015/zdf_2015.pdf (Aufgerufen am 16.04.2015)

[4] http://www.cgb.info/aktuell/aktuelles.html  (Aufgerufen am 06.08.2014)

[5] http://www.vcockpit.de/verein/allgemein.html (Aufgerufen am 06.08.2014)

[6] http://www.marburger-bund.de/artikel/allgemein/pressemitteilungen/2013/marburger-bund-verzeichnet-erneut-starken-mitgliederzuwachs

[7] Alle Angaben zu einzelnen DGB-Gewerkschaften vom DGB http://www.dgb.de/uber-uns/dgb-heute/mitgliederzahlen

[8] Über ihr Streikrecht wird zur Zeit ein Rechtsstreit ausgetragen, da der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in zwei getrennten Urteilen 2008 und 2009 entschieden hat, dass Beamte, die keine spezifisch an die Souveränität des Staates gebundenen Funktionen ausüben – wie Polizisten oder Soldaten – das recht haben sollten, zu streiken, während das Bundesverwaltungsgericht im Februar 2013 entschieden hat, dass Beamte kein Streikrecht haben.

[9] http://www.dgb.de/uber-uns/dgb-heute/mitgliederzahlen

[10] Zahlen Daten Fakten: 2014, dbb beamtenbund und tarifunion, Januar 2014

[11] http://www.marburger-bund.de/artikel/allgemein/pressemitteilungen/2013/marburger-bund-verzeichnet-erneut-starken-mitgliederzuwachs

L. Fulton (2015) Worker representation in Europe. Labour Research Department and ETUI. Produced with the assistance of the SEEurope Network, online publication available at http://www.worker-participation.eu/National-Industrial-Relations.