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Finanzielle Mitarbeiterbeteiligung

In Estland bezieht sich die finanzielle Beteiligung der Arbeitnehmer hauptsächlich auf Kapitalbeteiligungen und die Praxis von Genossenschaften. Anfang der 90er Jahre spielten Mitarbeiterbeteiligungsprogramme für kurze Zeit eine wichtige Rolle im Privatisierungsprozess, aber in der Zeit danach hat die Bedeutung von Kapitalbeteiligungen abgenommen. Erfolgsbeteiligungen sind heute im europäischen Vergleich relativ weit verbreitet.

Die Anfänge der Mitarbeiterbeteiligung in Estland gehen auf den letzten Reformversuch der Sowjetunion Mitte der 1980er Jahre zurück, der die Möglichkeit zur Gründung privater Unternehmen beinhaltete.1 Zwischen 1987 und 1990 wurden mehrere Hundert kleine staatliche Betriebe und Arbeitergenossenschaften in Estland gegründet.

 

 

Die Arbeitnehmer in kleinen staatlichen Betrieben und Genossenschaften erhielten das Recht, innerhalb der von den Staatsbehörden gesetzten Grenzen über Produktion, Preisfestsetzung, Lohnfindung und Investitionen zu entscheiden. Es wurde ihnen auch gestattet, Nettoeinnahmen einzubehalten. 1989 wurde mit dem Beginn der Halbprivatisierung oder des Leasings großer Industrieunternehmen noch ein Schritt weiter gegangen. Den Leasingnehmern wurde das Recht gewährt, das Unternehmen zu kontrollieren und Resteinnahmen einzubehalten, aber sie mussten der Regierung Miete für die Nutzung der Vermögenswerte bezahlen. Sie waren im Grunde privatwirtschaftliche Unternehmen, jedoch ohne Vermögenswerte an Dritte übertragen zu können.2

Die bedeutendsten Entwicklungen für die finanzielle Mitarbeiterbeteiligung in Estland fanden im Rahmen der Privatisierungen nach 1990 statt.3 Nach der Verabschiedung des Privatisierungsgesetzes und der Gründung der Estnischen Privatisierungsagentur (EPA) wurde das Konzept des Leasings wieder aufgegeben. Ende 1992 wurde das zentralisierte Privatisierungsprogramm für große Unternehmen eingeleitet und die Mehrheit der Unternehmen per Ausschreibung an strategische Investoren veräußert. Von Arbeitnehmern geleaste Unternehmen konnten von den Leasingnehmern erworben werden. Obgleich diese bei Ablauf des Leasingvertrags kein Vorkaufsrecht hatten, wurden die betreffenden Betriebe nur in äußerst seltenen Fällen an Außenstehende verkauft. Auf diese Weise wurden rund 300 Betriebe privatisiert und gingen in das Eigentum der Belegschaft über.

 

Eine weitere Form der Mitarbeiterbeteiligung waren Genossenschaften. Sie entstanden hauptsächlich durch die Privatisierung landwirtschaftlicher Kollektivbetriebe, ausgehend von dem Prinzip, dass das Eigentum dem Kollektiv der Arbeitnehmer und nicht dem Staat gehört. Die Beschäftigten erhielten entsprechend der Dauer ihrer Betriebszugehörigkeit „Arbeitnehmeranteile“, die sie in das Genossenschaftsvermögen investieren konnten. Auf diese Weise wurden in den frühen 1990er Jahren viele Genossenschaften gegründet (ihre Zahl ist zwischen 1989 und 1995 von 340 auf 3.000 gestiegen), die meisten von ihnen befanden sich in Mitarbeiterbesitz.4

Ab Sommer 1994 wurden auch Privatisierungen mit Gutscheinen durchgeführt, die bei öffentlichen Aktienangeboten für die 39 großen Unternehmen benutzt werden konnten. Sie wurden jedoch hauptsächlich für die Privatisierung von Boden und Wohnungseigentum verwendet. Nach 1993 wurden immer weniger Betriebe an Mitarbeiter veräußert.

Wilke, Maack und Partner (2014) Länderberichte über finanzielle Mitarbeiterbeteiligung in Europa. Erstellt für www.worker-participation.eu. Die Berichte wurden erstmals 2007 veröffentlicht und 2014 vollständig aktualisiert.