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Gewerkschaften

Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist niedrig in Estland und liegt bei ca. 10 %. Während der 90er Jahre hatte er stark abgenommen, doch inzwischen scheint er sich stabilisiert zu haben. Die meisten Gewerkschaftsmitglieder sind in zwei großen Gewerkschaftsbünden organisiert, wovon der eine – EAKL – hauptsächlich Arbeiter und der andere – TALO – überwiegend Angestellte vertritt.

In Estland gibt es zwischen 40.000 und 50.000 Gewerkschafter. Laut Angaben des estnischen Finanz- und Zollamts haben 41.951 Personen im Jahr 2009 ihren Gewerkschaftsmitgliedsbeitrag als steuerlich absetzbare Ausgabe angegeben (diese Möglichkeit besteht nicht mehr), eine Erhebung des estnischen Amtes für Statistik im gleichen Jahr ergab die Zahl von 51.800 Gewerkschaftsmitgliedern[1]. Die vom Amt für Statistik untersuchte Stichprobe zeigt, dass der Anteil der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer in Organisationen mit fünf oder mehr Beschäftigten bei 10,7 % liegt. Für alle Arbeitnehmer zusammen genommen dürfte sich ein etwas geringerer Anteil von 9,5 % ergeben, da die Gewerkschaften in Kleinstbetrieben weniger stark vertreten sind. In der ICTWSS Datenbank zur Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder wird für Estland im Jahr 2010 ein niedriger gewerkschaftlicher Organisationsgrad (8,1 %) geschätzt.[2]  

 

 

In Estland gibt es zwei Gewerkschaftsbünde: den EAKL, der 1990 gegründet wurde, als sich Estland von der Sowjetunion abspaltete (das Land erlangte seine Unabhängigkeit im Jahr 1991); und die TALO, die die Gewerkschaften umfasst, die 1992 aus dem EAKL austraten.

 

Der EAKL vertritt in erster Linie Arbeiter, während in der TALO überwiegend Angestellte organisiert sind. Doch diese Aufteilung ist nicht ganz durchgängig, insbesondere im Falle des EAKL, dem mehrere Angestelltengewerkschaften angehören.

 

Der EAKL ist der größere der beiden Gewerkschaftsbünde mit mehr als 30.000 Mitgliedern (2012), während  TALO nur 3.000 Mitglieder hat (2012).  Weiterhin sind mehrere Tausend Arbeitnehmer in kleineren Gewerkschaften organisiert, die keinem der größeren Verbände angehören, darunter die Lehrergewerkschaft EHL mit rund 10.000 Mitgliedern und eine neue, wesentlich kleinere Gewerkschaft für Beschäftigte im Finanzwesen EFL[3]. In Estland kann eine Gewerkschaft bereits ab fünf Mitgliedern gegründet werden.

 

Die dem EAKL und der TALO angehörenden Einzelgewerkschaften sind entweder nach Branchen oder nach Berufen organisiert. Der EAKL umfasst 20 Gewerkschaften, darunter ETTA –die Gewerkschaft für Arbeitnehmer im Straßenverkehrssektor, EKTAL – die Gewerkschaft der Leichtindustrie, EEAÜL – die Gewerkschaft des Energiesektors, EMTAL – die Gewerkschaft für Metallarbeiter sowie ROTAL – die Gewerkschaft der Staats- und Kommunalverwaltungen. Zu den neun Mitgliedsgewerkschaften der TALO gehören die EAL (Gewerkschaft für Journalisten), die Rundfunkgewerkschaft RTAL sowie die Zollgewerkschaft TTAÜ.

 

Der EAKL ist politisch unabhängig, doch er unterhält Verbindungen zur estnischen sozialdemokratischen Partei. Die TALO ihrerseits kann tatsächlich als politisch unabhängig bezeichnet werden.

 

Beide Gewerkschaftsbünde haben in den letzten Jahren viele Mitglieder verloren, wobei der EAKL anfänglich davon am stärksten betroffen war. 1996 zählte der EAKL noch 119.000 Mitglieder – mehr als dreimal so viel wie heute. Der TALO gehörten damals 45.000 Mitglieder an, viel mehr als jetzt. U.a. wird dies mit den Verbindungen zwischen den Gewerkschaften und der kommunistischen Partei begründet, als Estland noch zur Sowjetunion gehörte. Als weitere Gründe für den Rückgang der Mitgliederzahlen gelten die Tatsache, dass die Gewerkschaften nicht mehr die Vorteile und Leistungen bieten, die in der Vergangenheit zu ihren wichtigsten Funktionen gehörten, sowie der Arbeitsplatzabbau und die Umstrukturierungen, die mit dem wirtschaftlichen Wandel der 90er Jahre einhergingen[4].

 

Wie auch immer, aus der Erhebung des estnischen Amtes für Statistik 2009 geht hervor, dass sich die Präsenz der Gewerkschaften auf lediglich 6% der Organisationen mit fünf oder mehr Mitarbeitern und 48% der Organisationen mit 250 oder mehr Beschäftigten beschränkt.[5] Dies bedeutet, dass die Gewerkschaften in bedeutenden Bereichen der Wirtschaft, einschließlich der Bauwirtschaft sowie der meisten kleineren Unternehmen, nach wie vor effektiv nicht vertreten sind.

 

[1] Statistics Estonia, database Table WQU96: Employees by group of employees and membership of trade union, 2009  http://pub.stat.ee/px-web.2001/I_Databas/Social_life/19Worklife_quality/10Work_organisation/10Work_organisation.asp

[2] The ICTWSS Database: Database on Institutional Characteristics of Trade Unions, Wage Setting, State Intervention and Social Pacts, in 34 countries between 1960 and 2012, compiled by Jelle Visser, at the Amsterdam Institute for Advanced Labour Studies AIAS, University of Amsterdam, Version 4, April 2013 ( see http://www.uva-aias.net/207).

[3] Financial sector creates its first trade union, by Liina Osila and Ingel Kardarik, Eurofound, January 2014 http://www.eurofound.europa.eu/eiro/2013/11/articles/ee1311019i.htm

[4] Margarita Tuch: The evolving structure of Collective Bargaining in Europe 1990-2004: National Report Estonia, Florenz 2004.

[5] Statistics Estonia, database Tables WQU96: Employees by group of employees and membership of trade union, 2009  http://pub.stat.ee/px-web.2001/I_Databas/Social_life/19Worklife_quality/10Work_organisation/10Work_organisation.asp

L. Fulton (2015) Worker representation in Europe. Labour Research Department and ETUI. Produced with the assistance of the SEEurope Network, online publication available at http://www.worker-participation.eu/National-Industrial-Relations.